Boxen

Boxweltmeister Joshua dankt Wladimir Klitschko

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Er ist zurückgekommen: Anthony Joshua posiert mit den Gürteln der Verbände IBF, WBA, WBO und IBO, deren Weltmeister er nun wieder ist.

Er ist zurückgekommen: Anthony Joshua posiert mit den Gürteln der Verbände IBF, WBA, WBO und IBO, deren Weltmeister er nun wieder ist.

Foto: Richard Heathcote / Getty Images

Anthony Joshua ist wieder Boxweltmeister aller Klassen. Der Brite besiegte Titelverteidiger Andy Ruiz klar nach Punkten.

Berlin. Anthony Joshua thronte mit verschränkten Armen wie der Dschinni aus der Wunderlampe in der Mitte des Rings. Triumphale Genugtuung sprach aus dem Blick des Boxweltmeisters, der schon abgeschrieben war, sich nun aber in der Wüste Saudi-Arabiens alle verlorenen WM-Gürtel zurückholte. Der Brite brach die ungeschriebene Regel „They never come back“ („Sie kommen nie zurück“) und darf sich jetzt mit einigen der größten Faustkämpfer in einem Atemzug nennen.

Nie gefährdeter Punktsieg für Joshua

Der nie gefährdete Punktsieg gegen seinen erschreckend schwachen Bezwinger Andy Ruiz Jr. (USA) katapultierte Joshua in eine elitäre Riege von Box-Ikonen. Zuvor hatten nur Floyd Patterson, Muhammad Ali und Lennox Lewis ihre Schwergewichts-Titel gleich im Rückkampf nach einer Pleite zurückerobert. „Es war wie bei einer Prüfung. Die erste habe ich verhauen, beim zweiten Mal habe ich gelernt, mich vorbereitet und wusste, ich würde bestehen“, sagte Joshua.

Die Rechnung vom 1. Juni, als er im Madison Square Garden von Ruiz phasenweise vorgeführt worden war, ist beglichen. Der Dank dafür ging auch an einen alten Bekannten. Wladimir Klitschko, dessen Sparringspartner Joshua einst war und den er selbst 2017 in Rente geschickt hatte. „Dieser Fight gegen Wladimir hat diese Nacht hier erst möglich gemacht“, sagte Joshua bei DAZN: „Deshalb ist dieser Kampf immer noch die Nummer eins.“

Joshua hat sich viel von Klitschko abgeschaut

In der Tat schaute sich Joshua viel von Klitschko ab. Der linke Jab und das taktische Klammern gepaart mit findiger Beinarbeit - das alles zeigte er gegen Ruiz und erinnerte damit stark an den Ukrainer. Ohnehin war Joshua viel leichtfüßiger als im ersten Kampf, weil eben auch leichter an Gewicht.

Stattdessen hatte Ruiz rund 15 Pfund mehr auf den Hüften als im Juni, das Leben als Weltmeister schmeckte ihm einfach zu süß. Das gab er selbst zu. „Drei Monate Party hinterlassen ihre Spuren“, meinte Ruiz: „Ich habe mich nicht so vorbereitet, wie ich es hätte tun sollen. Ich habe zu viel zugenommen.“ Kein Wunder, dass Ruiz zu langsam auf den Beinen war und kaum Schlagserien ins Ziel brachte. Trotzdem forderte er noch im Ring Teil drei der Trilogie. Dann wolle er auch „in die beste Form meines Lebens“ kommen.

Joshuas Traum: Ein Weltstar werden wie Muhammad Ali

Obwohl Joshua sich offen für einen dritten Kampf zeigte, dürfte er eher unwahrscheinlich sein. Der 30-Jährige hat bewiesen, dass er eine Nummer zu groß für Ruiz ist, wenn er selbst den Kampf ernst nimmt. Der Brite hat Großes vor und immer noch den Traum, ein Weltstar wie sein Vorbild Muhammad Ali zu werden. Deshalb will der Champion der Verbände WBO, WBA, IBF und IBO sich am liebsten den WBC-Gürtel von Deontay Wilder (USA) holen. Joshua gab sich aber noch verhalten: „Diesem Kampf nachzujagen, hat mir nicht gutgetan, also lasse ich die Dinge ihren Gang gehen.“ Zudem gibt es noch Pflichtherausforderer für Joshuas WM-Gürtel der Verbände WBA, WBO, IBF. Ob diese Kämpfe auch in Saudi-Arabien stattfinden werden, bleibt abzuwarten.

Schließlich kam im temporär aufgestellten Stadion in Diriyah, einem Vorort der Hauptstadt Riad, nur selten Stimmung auf. Joshua und sein Promoter Eddie Hearn ließen jedoch keine Gelegenheit aus, die Königsfamilie um Kronprinz Mohammed bin Salman zu loben. „Wie wir von den Leuten hier empfangen wurden, war unglaublich“, sagte Hearn. Angeblich sollen rund 100 Millionen Dollar (90 Millionen Euro) für die Ausrichtung im Königreich gezahlt worden sein. Schon Amnesty International hatte gemahnt, dass dort das stark angeschlagene Image der Staatsführung über den Sport reingewaschen werden sollte. Immerhin nahmen viele Frauen im Publikum Platz, saßen teilweise ohne Kopfbedeckung Seite an Seite mit den Männern. Vor gut zwei Jahren wäre das in dem Königreich noch undenkbar gewesen.

( sid )