Hockey

Der Ruhepol aus dem Land der Hockeyverrückten

In seiner Heimat Belgien hat Hockey-Bundestrainer Xavier Reckinger mit den deutschen Frauen viel vor. Der EM-Start war schon vielversprechend.

Xavier Reckinger bereitet sein Team akribisch auf jedes Spiel vor.

Xavier Reckinger bereitet sein Team akribisch auf jedes Spiel vor.

Foto: Action Foto Sport / picture alliance / NurPhoto

Antwerpen. Auf dem Arm die knapp zwei Jahre alte Tochter, an der Hand den fünf Jahre alten Sohn, so schlenderte Xavier Reckinger am Sonntagmorgen durch den Spielertunnel des Stadions am Wilrijkse Plein in Antwerpen. Der 13:0 (1:0, 4:0, 5:0, 3:0)-Auftaktsieg über Weißrussland, mit dem die von ihm trainierten deutschen Hockeyspielerinnen in die Europameisterschaft in Belgien gestartet waren, wirkte entspannend. Und so genoss der 35-Jährige die kurze Zeit mit seiner Familie, bevor in den weiteren beiden Gruppenspielen mit England (Mo., 13.30 Uhr) und Vizeweltmeister Irland (Mi., 12.15 Uhr) deutlich anspruchsvollere Aufgaben warten.

Rekordergebnis nur knapp verpasst

„Ein 13:0 passiert im internationalen Hockey nicht oft, deshalb bin ich schon stolz“, freute sich Reckinger über den höchsten EM-Auftaktsieg eines deutschen Frauenteams. Bislang hatten 8:0-Siege über Italien (1987) und Schottland (2005) in der Rekordliste gestanden. Den höchsten EM-Sieg aller Zeiten (15:0 gegen Belgien 1995) verpasste die DHB-Auswahl nur knapp. „Wir genießen das jetzt kurz, dann heißt es abhaken und weitermachen“, sagte der Coach.

Abhaken und weitermachen, das beherrscht der Mann, der im November 2017 als erster Ausländer in der Geschichte des Deutschen Hockey-Bundes ein Amt als Bundestrainer übernommen hatte, fast in Perfektion. „Er ist hoch motiviert, hat dabei aber die nötige Gelassenheit, die man als Trainer im Leistungsbereich braucht“, sagt DHB-Sportdirektor Heino Knuf über den langjährigen belgischen Rekordnationalspieler.

In Belgien sind die Zeitungen voll mit Hockey

Reckinger hatte seine aktive Karriere nach der WM 2014 und 328 Länderspielen beendet. Mittlerweile hat ihn John-John Dohmen (368 Spiele) zwar überflügelt, dennoch ist „Reck“, wie ihn alle nennen, beim ersten Turnier als deutscher Nationalcoach in seiner Heimat sehr gefragt. Er lebt nur wenige Autominuten von der EM-Anlage entfernt.

Belgiens Männer sind Weltmeister, 2016 holten sie Olympiasilber. Die Frauen des Gastgebers trotzten zum EM-Auftakt Titelverteidiger Niederlande ein 1:1 ab. Das Land ist so hockeyverrückt wie Nachbar Niederlande, die Zeitungen berichten auf mehreren Seiten über das Turnier. In Deutschland dagegen ist Reckingers Name nur Sportfreaks ein Begriff. Entsprechend war das Nischendasein auch die größte Umstellung, die er mit seinem Wechsel hinnehmen musste. „Die Wertschätzung für unseren Sport fehlt in Deutschland leider etwas. Das finde ich schade, die Aktiven verdienen mehr Aufmerksamkeit“, sagt er.

Beeindruckt von der Disziplin der Deutschen

Umso mehr beeindrucke ihn die Mentalität im deutschen Spitzenhockey. „Die Spielerinnen und Spieler bringen hier viel mehr Initiative ein“, sagt er. Während in Belgien oder den Niederlanden aufgrund geringerer Distanzen meist zentralisiert trainiert werde, müsse im Flächenland Deutschland oft für sich oder in Kleingruppen trainiert werden. „Dafür braucht es viel Selbstdisziplin. Die ist in Deutschland entsprechend ausgeprägter. Wir haben viel weniger gemeinsame Zeit. Aber die Fähigkeit meiner Spielerinnen, in dieser Zeit große Schritte zu machen, beeindruckt mich sehr.“

Beim DHB haben sie Reckinger auch deshalb zum Nachfolger des nach China abgewanderten Jamilon Mülders gemacht, unter dem 2016 in Rio Olympiabronze geholt wurde, damit er seine Erfahrungen aus dem belgischen System einbringt. „Reck hat unsere Erwartungen, die sehr guten Entwicklungen bei den Frauen weiterzuführen, absolut erfüllt. Er professionalisiert mit seinen Erfahrungen und seinem internationalen Netzwerk die Strukturen rund um die Mannschaft“, sagt Knuf. Reckinger verhehlt nicht, dass er gut eineinhalb Jahre gebraucht habe, um sich an das deutsche System zu gewöhnen. „In Belgien haben die Bundestrainer viel mehr Mitspracherecht und Einfluss. Dafür ist in Deutschland der Austausch der Vereins- und Nationaltrainer eine große Stärke“, sagt er.

Reckinger war schon als Zwölfjähriger Coach

Diesen Austausch ernst zu nehmen und auch den Spielerinnen ein hohes Maß an Eigeninitiative zuzugestehen, schätzt Kapitänin Janne Müller-Wieland besonders an Reckinger, der schon als Zwölfjähriger Jugendteams coachte und mit 23 parallel zur eigenen Karriere in Belgiens Topliga Cheftrainer war. „Er hat einen klaren Plan und auf alles eine Antwort, auf die man sich verlassen kann“, sagt die Hamburgerin. „Dabei hilft ihm, dass er auf höchstem Niveau gespielt hat, denn er ist nicht nur fachlich mega kompetent, sondern versteht auch die Spielerperspektive und geht auf Anregungen ein.“

Wichtig sei, das vorzuleben, was er von seinem Team erwarte, sagt Reckinger. Also bereitet er gemeinsam mit seinem Stab, dessen Unterstützung er besonders hervorhebt, jedes Training und jedes Spiel detailversessen und akribisch vor. Andererseits nimmt er sich bewusst Entspannungszeiten, in denen er Zeitung liest oder Sport treibt.

Rückzug in die Ruhe ist ihm wichtig

„Niemand kann über neun Turniertage 110 Prozent Leistung zeigen. Weniger ist manchmal mehr, wir müssen unsere Ressourcen richtig einsetzen“, sagt er. Auch deshalb wohnt die Mannschaft nicht in einem Turnierhotel, sondern in einem Sportkomplex außerhalb Antwerpens, wo die Ruhe herrscht, die Reckinger schätzt.

Sein Anspruch sei, langfristig an einer Professionalisierung des deutschen Systems mitzuarbeiten. Sein Kontrakt läuft zunächst bis nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, für die sich der Europameister direkt qualifiziert. Er habe, sagt Reckinger, erst zu dieser EM das Gefühl, dass die Mannschaft komplett seine Handschrift erkennen lässt.

Die WM-Enttäuschung ist noch nicht vergessen

Sie solle vor allem Souveränität ausstrahlen und für jede Herausforderung eine Lösung finden; anders als bei der WM 2018, als sie im Viertelfinale als hoher Favorit mit 0:1 gegen Spanien unterlag. „Wenn es uns gelingt, alle äußeren Einflüsse auszublenden und uns auf unser Konzept zu konzentrieren, kommt der Erfolg von allein“, sagt er.

Als er sein Amt antrat, sagte Xavier Reckinger auf die Frage nach seiner Zielsetzung einen schönen Satz. „Ich will meinen Job so gut machen, dass ich nicht der letzte ausländische Bundestrainer bleibe.“ Nach fast zwei Jahren unter seiner Ägide darf man festhalten, dass er auf dem richtigen Weg ist, um dieses Ziel zu erreichen.