Tennis in Wimbledon

Djokovic im Wimbledon-Finale

Titelverteidiger Novak Djokovic steht im Finale von Wimbledon, musste gegen den Spanier Roberto Bautista Agut einen Satz abgeben.

Freut sich, als hätte er schon das Wimbledonturnier gewonnen. Aber ein Sieg fehlt Novak Djokovic noch.

Freut sich, als hätte er schon das Wimbledonturnier gewonnen. Aber ein Sieg fehlt Novak Djokovic noch.

Foto: Pool / Getty Images

London.. Der Titelverteidiger wackelte – aber nur einen Satz lang. Als sein Gegner Roberto Bautista Agut nach 2:49 Stunden Spielzeit den fünften Matchball nicht mehr abwehren konnte, sondern mit einer Vorhand am Netz hängen blieb, dankte Novak Djokovic, die Arme gen Himmel erhoben, höheren Mächten. Der Weltranglistenerste aus Serbien gewann sein Halbfinale bei den All England Championships mit 6:2, 4:6, 6:3, 6:2 gegen den Spanier und zog zum sechsten Mal in seiner Karriere ins Wimbledon-Endspiel ein.

Ein weiterer Traum, der sich erfüllt

Angesichts einer über weite Strecken erneut sehr dominanten Vorstellung dürfte der 32-Jährige dort leicht favorisiert sein – unabhängig davon, wer sich am Freitagabend im Gigantenduell zwischen Rafael Nadal (33/Spanien/Nr. 2) und Roger Federer (37/Schweiz/Nr. 3) durchsetzte.

„Hier erneut im Finale zu stehen, ist ein weiterer Traum, der in Erfüllung geht. Ich werde es sehr genießen. Roberto hat nach dem ersten Satz sehr stark gespielt, es war ein hartes Stück Arbeit für mich“, sagte der 15-fache Major-Sieger, der im ersten Durchgang wie ein Spaziergänger wirkte, der leise pfeifend an der Themse flaniert. Alles gelang, vor allem, weil er sehr offensiv agierte und viele Netzangriffe erfolgreich abschloss.

Break im dritten Satz bringt die Vorentscheidung

Warum er davon abwich im zweiten Durchgang, und damit Bautista Agut in dessen erstem Grand-Slam-Halbfinale ins Match zurückholte, wird Djokovics Geheimnis bleiben. Spätestens mit dem Break zum 4:2 im dritten Satz fand er aber seine Linie wieder und brachte den Sieg ins Ziel.

Der Druck, den Djokovic abseits der Courts in diesen Wochen aushalten muss, ist kaum niedriger als der, den ihm Bautista Agut bereitete. In Wimbledon kochte in der ersten Woche erneut ein Konflikt über, in dem der Vater eines vierjährigen Sohnes eine fragwürdige Hauptrolle spielt. Darin geht es um die vom Spielerrat der Männertennis-Organisation ATP, dem Djokovic vorsitzt, beschlossene Ablösung von ATP-Chef Chris Kermode (54), die im März offiziell bekannt wurde. Der zum Jahresende auslaufende Vertrag des Briten soll nicht verlängert werden.

Fall Gimelstob kostet Djokovic Sympathien

Eine Gruppe um den Serben wollte den umstrittenen US-Amerikaner Justin Gimelstob (42) zum neuen starken Mann machen. Das Problem: Der für seine Impulsivität berüchtigte Ex-Profi wurde im Frühjahr wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Bekannten zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Gimelstob, der den Mann vor den Augen von dessen schwangerer Ehefrau auf offener Straße rund 50 Mal gegen den Kopf geschlagen haben soll, ist mittlerweile von seinem Posten im ATP-Aufsichtsrat zurückgetreten und gilt als nicht mehr vermittelbar.

Dennoch erklärte Djokovic in London öffentlich, er sei weiterhin mit seinem Wunschkandidaten in Kontakt, fühle sich diesem freundschaftlich verbunden und habe sich sogar mit ihm getroffen, um über das weitere Vorgehen zu sprechen. Dies brachte ihm nicht nur aufgebrachte Nachfragen der Medienvertreter ein, die wie ein Kreuzverhör wirkten und zur Folge hatten, dass der 74-fache Turniersieger versprach, sich die Gerichtsprotokolle zum Fall Gimelstob durchzulesen.

Angespanntes Verhältnis zu Federer und Nadal

Auf einer turbulenten Sitzung des ATP-Spielerrats am Freitag vor dem Turnierstart, die mehr als sieben Stunden dauerte, traten auch die aktuellen Profis Jamie Murray (Großbritannien), Robin Haase (Niederlande) und Sergej Stachowski (Ukraine) sowie Trainervertreter Daniel Vallverdu (Venezuela) zurück, weil sie beklagten, ihre Arbeit sei nutzlos und werde nicht ausreichend anerkannt.

Unter dem „Fall Kermode“ hat auch das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Djokovic auf der einen sowie Federer und Nadal auf der anderen Seite weiter gelitten. Der Schweizer und der Spanier, einander trotz ihrer Rivalität freundschaftlich verbunden, haben sich mehrfach öffentlich für Kermode stark gemacht. Die Sympathien des Publikums, das war in London deutlich zu spüren, sind ebenfalls klar zugunsten von Federer und Nadal verteilt. Djokovic wird respektiert für seine Leistungen, geliebt aber wie seine größten Gegenspieler wird er nicht.

Manchmal hat er Arroganz-Attacken

Das mag auch daran liegen, dass der frühere Schützling des deutschen Tennisidols Boris Becker (2013 bis 2016) bisweilen von Arroganz-Attacken geplagt wird. Dass er bei klaren Vorsprüngen versucht, den Gegner noch vorzuführen, kommt nicht nur im außenseiterverliebten England schlecht an. In Gesprächen mit den Medien neigt der „Djoker“ zum Dozieren, seine Antworten sind oft minutenlang und streifen Themengebiete, nach denen niemand gefragt hat.

Sein Sendungsbewusstsein für spirituelle Hilfe in dunklen Lebensphasen oder die Vorzüge seiner Ernährungsumstellung empfanden in seinem Krisenjahr 2017, das eigentlich erst mit dem Wimbledon-Triumph im vergangenen Jahr sein Ende fand, viele als nervig.

Bewusst bescheidener Auftritt in London

Dennoch versucht er in diesen Tagen, betont zurückhaltend und bescheiden aufzutreten. Auf die immer wiederkehrende Frage nach den Gründen für die Dominanz der großen Drei ordnet er sich bewusst hinter Nadal und Federer ein. „Ich bin mir der großen Ehre und Besonderheit bewusst, dieser Generation angehören zu dürfen. Roger und Rafa inspirieren mich und treiben mich zu den Leistungen an, die ich bringen muss, um weiter dazuzugehören. Ohne sie wäre ich nie dort angekommen, wo ich jetzt bin“, sagte er.

Am Sonntag (15 Uhr MEZ/Sky) darf er im Finale wieder einmal beweisen, dass er den beiden immerhin spielerisch in nichts nachsteht.