Leichtathletik

Olympiasieger Röhler: „Speerwurf ist nicht Yoga“

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Dietmar Wenck
Thomas Röhler bei seinem großen Wurf in Berlin 2018. Im Olympiastadion wurde der Olympiasieger auch Europameister.

Thomas Röhler bei seinem großen Wurf in Berlin 2018. Im Olympiastadion wurde der Olympiasieger auch Europameister.

Foto: Michael Steele / Getty Images

Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler spricht mit der Berliner Morgenpost über das Istaf und die Kunst, Streichhölzer weit zu werfen.

Berlin. Thomas Röhler ist Speerwurf-Olympiasieger und -Europameister, ihm fehlt also nur noch der WM-Titel. Allerdings finden die Weltmeisterschaften in Doha in diesem Jahr ungewöhnlich spät statt, vom 28. September bis 6. Oktober. In der aktuellen Weltrangliste liegt der 27-Jährige aktuell auf Rang fünf mit 86,99 Metern, seine Bestweite liegt seit 2017 bei 93,90 Metern, erzielt in Doha. Im Interview mit der Morgenpost spricht Röhler über das Istaf und die Finals in Berlin sowie eine besondere Spezialität: ein Streichholz über 30 Meter weit zu werfen.

Berliner Morgenpost: Herr Röhler, wie trainiert man in einem solch komplizierten Jahr mit dem späten Saisonhöhepunkt im Oktober?

Thomas Röhler: Die Devise ist: den Leistungshöhepunkt ein bisschen rauszögern, mental total entspannt bleiben. Und gewisse Ruhepausen schaffen, um körperlich, aber vor allem mental frisch im Oktober auf der Bahn zu stehen.

Trotzdem haben Sie auffallend viele Wettkämpfe dieses Jahr.

Das stimmt, weil viele dieser Wettkämpfe kompakt lagen. Wir hatten am Anfang einen Viererblock, sind jetzt gerade wieder raus aus einem Viererblock. Das sind intensive, anstrengende Phasen. Die nutzen wir aber ganz aktiv, da lernt man viel, im Endeffekt ist es Training auf einem sehr hohen Niveau. Das Schwierige ist, es sind auch hochrangige Wettkämpfe, da gibt es dann den Blick von draußen und den Blick von Trainer und Athleten...

...Sie meinen, dass die Öffentlichkeit sich fragt: Warum hat Thomas Röhler in dieser Saison noch immer nicht die 90-Meter-Grenze überschritten?

Beispielsweise. Die Erwartungshaltung ist mittlerweile so, dass 90 Meter gewünscht werden. Diese Saison zeigt aber eine schöne Menschlichkeit, wenn man sieht, wie die Athleten unterschiedlich planen. Manche werfen früh schon weit, es gibt aber auch international viele Athleten, die sich ganz viel Zeit lassen. Das ist spannend aus rein sportlicher Sicht.

Starke Männer, die Speere werfen

Für Sie geht es ja im Oktober um etwas sehr Besonderes: Der WM-Titel ist der große Titel, der Ihnen noch fehlt.

Auf alle Fälle. Da bin ich sogar noch ohne Medaille. Andererseits blicke ich auch schon ein Stück voraus. 2020 und damit die Olympischen Spiele rücken in Riesenschritten näher. Da braucht man eine Planung auf zwei Events hin. Natürlich versuche ich, Ende 2019 topfit zu sein. Aber das Hauptaugenmerk richten wir schon ganz stark auf 2020.

Der andere deutsche Olympiasieger von Rio, Diskuswerfer Christoph Harting, sagt sogar, die Olympischen Spiele seien das einzige, was ihn interessiert. Stimmen Sie mit ihm überein?

Dass mich nur Olympische Spiele interessieren, ist vollkommen falsch. Jeder, der meine Karriere verfolgt, weiß, dass ich viele Wettkämpfe mache, dass ich auch diese kleinen Sportfeste liebe, das sportliche Duell wie das Flair miteinander. Über die Wettkämpfe definiert sich die Sportart, und ich bin gern Teil dessen. Ich sehe mich sogar in der Pflicht als Olympiasieger, wenn irgendwo ein kleines Sportfest ist fernab der großen Stadien. Dann bin ich gern dabei, wenn die eine coole Idee haben. Meetings haben für mich sehr hohen Stellenwert.

Höre ich da Kritik an Christoph Hartings Einstellung durch?

So ist das nicht gemeint. Das muss jeder Sportler für sich entscheiden und selbst mit sich zufrieden sein, wie er seine Karriere gestaltet.

Welche Rolle spielen in Ihrer Saisonplanung die Finals, also die deutschen Meisterschaften Anfang August in Berlin und das Istaf am 1. September?

Das Istaf hat eine komplett neue Rolle bekommen. Sonst war es immer eine Art Jahresabschluss-Party. Es ist mehr als ein WM-Test, rein vom Mentalen her sehr spannend, vor dem Hauptereignis des Jahres noch mal auf die Bahn zu treten. Das ist gut, es ist eine Chance für sehr gute Leistungen beim Istaf. Und die Finals in Berlin mit den zehn Sportarten gleichzeitig finde ich ein geiles Konzept. Sehr spannend, der Sportfan muss sich natürlich zwei- oder dreiteilen. Olympiastadion macht aber immer Spaß, und ich freue mich auf deutsche Meisterschaften in dem Stadion, in dem ich letztes Jahr Europameister wurde.

Mit Veranstaltungen wie den Finals in Berlin oder 2018 den European Championships wird versucht, die Sportarten, die sonst im Schatten von Fußball stehen, mehr in den Vordergrund zu rücken. Hat sich das im Speerwerfen schon bemerkbar gemacht? Schließlich kommen mit Ihnen, dem Weltmeister Johannes Vetter und dem Diamond-League-Gesamtsieger Andreas Hofmann die besten Werfer der Welt aus Deutschland.

Ich schaue mal zurück auf 2014, als ich die Diamond League gewonnen habe. Kaum jemand wusste, was das ist. Heute können die Leute in Deutschland das und die Leistungen viel besser einschätzen. Ich bin mit der Entwicklung insofern zufrieden. Es gibt auch eine extrem positive Entwicklung in der Sichtbarkeit, bei der TV-Reichweite und den Beiträgen in den Medien. Das Speerwerfen insgesamt bildet nach wie vor ein kleines Puzzleteil im riesigen deutschen Sport. Dieses Teil wächst aber peu à peu, und das finde ich schön. Allerdings ist die internationale Dynamik noch viel größer als die, die wir im eigenen Land spüren. Das gilt nicht nur für die klassischen Speerwurf-Länder wie Tschechien oder Skandinavien.

Sie selbst tun einiges, um Ihre Sportart in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Mir fällt da ein Video mit vier muskelbepackten Speerwerfern ein, dass Sie vor Rio 2016 veröffentlicht haben. Oder Sie setzen beim Training Drohnen ein, um Ihre Technik von oben zu analysieren. Oder Sie kommen mit den Streichholz-Weitwurf um die Ecke. 32 Meter sollen Sie es einmal geworfen haben – ist das wirklich wahr?

Ja, das ist meine beste Leistung bei optimalen Bedingungen. 28 Meter ist so der Durchschnitt bei den besseren Versuchen. Mein Trainer Harry Schwochow hatte die Idee. Es erfordert Präzision, man übt die Technik. Im Training probiert man immer neue Dinge aus.

Was haben Sie diesmal im Angebot?

Das sind ja gar nicht immer extra gemachte Sachen, die kommen auch aus meinem Alltag, wie die Geschichte mit den Streichhölzern, und man erzählt davon. Das generiert dann neue Fans. Was wir jetzt gerade versuchen, ist klar zu machen, dass wir Speerwerfer im Winter so trainieren, wie andere Menschen auch trainieren sollten, wenn sie einfach nur fit für den Strand sein wollen. Das ist die sogenannte Cross-Fit-Geschichte, die kommt in Deutschland so ganz langsam in Schwung. Das ist mein nächstes Baby.

Beginnen durch die deutschen Erfolge mehr Kinder damit, Speere zu werfen?

Ich kann nur für meine Heimatstadt Jena sprechen: Wir haben nicht mehr genug Übungsleiter, um all die Kids betreuen zu können. Die wollen natürlich alle Speerwerfen, und es ist schön, dass sie darüber zur Leichtathletik kommen. Aber Speerwurf ist nicht Yoga, darauf muss man sich jahrelang vorbereiten. Deshalb muss man bei den Kindern auf eine breit angelegte Leichtathletik-Ausbildung achten.

Sie sind ein Naturbursche, gehen gern angeln. Jagen Sie auch?

Ich habe keinen Jagdschein, im Umgang mit der Waffe bin ich nicht geübt, ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, wo ich die Zeit noch hernehmen soll.

Wonach jagen Sie noch in Ihrem Sport? Nach den 100 Metern? Der finnischen Insel, die Sie gewinnen können, wenn Sie beim Meeting in Turku den finnischen Rekord überbieten?

Die Insel wäre prima, die passt gut zur Natur. Die 100 Meter sind eine mentale Grenze. Die wollte ich einfach mal aufbrechen, habe diese Weite angesprochen, und jetzt reden die Menschen darüber. Ob ich die Person bin, die das schafft, ist für mich erst mal komplett nebensächlich. Meine Ziele sind: noch mal Olympische Spiele, jeden Wettkampf erleben, mitzugestalten durch meine Höchstleistungen und meine Referenz als Olympiasieger. Die Sportart Speerwurf, aber auch die Leichtathletik insgesamt voranzutreiben.

Sie sind jetzt 27. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Es gab Speerwerfer mit grauen Haaren. Ob ich das erlebe, weiß ich nicht. Ich plane eher von Jahr zu Jahr, es kann jeden Tag Schluss sein in einer Risikosportart wie meiner. Bleibe ich gesund, habe ich definitiv noch die Olympischen Spiele 2024 in Paris im Blick.