Tennis

Sabine Lisicki verabschiedet sich vom Bum-Bum-Tennis

Neuer Trainer, neuer Angriff auf die Top Ten: Sabine Lisicki hat bei den US Open die erste Runde überstanden. Ihr Spiel ist ruhiger geworden, seit der Franzose Guillaume Peyre sie trainiert.

Foto: Stephen Chernin / dpa

Der Mann am Rand des kleinen Courts Nummer 13 gab sich durchaus Mühe, seine Anwesenheit in New York zu verhüllen. Tief hatte Oliver Pocher seine schwarze Baseballkappe in der ersten Zuschauerreihe heruntergezogen, sein Gesicht war an diesem heißen Sommertag im National Tennis Center draußen in Flushing Meadow meist nur schemenhaft zu erkennen. Pocher legt nicht allzu viel Wert darauf, bei den Spielen seiner Lebenspartnerin Sabine Lisicki Aufsehen zu erregen oder sich gar in den Vordergrund zu drängen. Doch so unauffällig der notorische Spaßmacher und TV-Comedian auch bei seinen Reisen im und mit dem Wanderzirkus erscheinen mag, spielt er in der Tenniswelt von Lisicki doch keine ganz unwichtige Rolle.

Auf einem guten Weg

Auch bei der letzten größeren Personalentscheidung im Tennis-Unternehmen Lisicki war Sportsfreund Pocher mindestens als beratende, unterstützende Kraft tätig. Das war, als sich die Wimbledon-Finalistin vor fünf Wochen fast unbemerkt dazu entschloss, ihrer Karriere einen neuen, anderen Dreh und Kick zu geben – statt von ihrem Vater Richard, einem promovierten Sportwissenschaftler, wird die Berlinerin mit den krachenden Aufschlägen seitdem vom Franzosen Guillaume Peyre gecoacht.

Am Montag, bei Lisickis 6:3, 7:5-Sieg über die 17-jährige Kanadierin Francoise Abanda, war sozusagen eine neue Weltordnung zu bestaunen: Nicht Daddy Richard saß als Trainer und Bezugspunkt auf der Tribüne, sondern Peyre. Und neben ihm Pocher, der nach einem kurzen beruflichen Abstecher gen Zürich wieder an die Seite der im Grand-Slam-Einsatz stehenden Freundin geeilt war. „Wichtig ist, Spaß zu haben, sich Selbstvertrauen über gutes Training zu holen“, sagt Lisicki, „da sind Guillaume und ich sicher auf einem guten Weg.“

Mit der eindimensionalen Ausrichtung ihres Spiel soll Schluss sein

Peyre hatte in der Vergangenheit mit dem Zyprioten Marcos Baghdatis und dem hochbegabten Franzosen Richard Gasquet zusammengearbeitet, auch in Diensten des chinesischen Tennisverbandes stand der 40-Jährige schon einmal, der aus Montpellier stammt. Nach dem unglücklichen Ende einer eigentlich erfolgreichen Tennis-Beziehung – dem letztjährigen Intermezzo mit dem Belgier Wim Fissette – will Lisicki nun mehr Geduld in der neuen Partnerschaft beweisen. Mit Fissette war die schlagkräftige, häufig aber zu leistungsschwankende Hauptstädterin ins Wimbledon-Finale gekommen, aber im Herbst 2013 wurde der besonnene Flame schon wieder entlassen, angeblich wegen unterschiedlicher strategischer Auffassungen.

So etwas soll jetzt nicht noch einmal vorkommen, zumal sich Aufschlag-Weltrekordlerin Lisicki vorgenommen hat, die zu eindimensionale Ausrichtung rein auf die Wucht und Dynamik ihres Spiels zu verändern – künftig soll es nur noch eine gesunde Dosis Bum-Bum-Tennis geben. „Ich kann nicht erwarten, mit kurzen Ballwechseln die Spiele zu gewinnen. Es gibt noch mehr Turniere als Wimbledon“, sagte Lisicki am Montagabend in New York.

Fast wie eine Beweistrophäe gelten ihr dabei die jüngsten Erfolge in Montreal und Cincinnati gegen die zähe Italienerin Sara Errani. Erst im Achtelfinale unterlag sie da dann jeweils der Polin Agnieszka Radwanska. Der Spielerin, die sie vor einem Jahr auf ihrem wundersamen Wimbledon-Weg in einem packenden Halbfinale über drei Sätze bezwungen hatte, die derzeit aber eine Klasse stärker spielt. Bundestrainerin Barbara Rittner sieht dennoch einen anhaltenden Aufwärtstrend bei Lisicki, allerdings nicht erst seit dem Trainerwechsel, sondern schon seit vier, fünf Monaten: „Sie wirkt noch einmal fitter, frischer, beweglicher als in Wimbledon. Sie ist dabei, die schwere Zeit nach den ewigen Verletzungen hinter sich zu lassen.“

In der dritten Runde wartet Maria Scharapowa

Manager Olivier van Lindonk, der umtriebige Holländer in Diensten des Vermarktungsgiganten IMG, wünscht sich eine anhaltende Tennis-Partnerschaft zwischen seiner Klientin Lisicki und Peyre – einem Übungsleiter, der in seinem Wesen und seiner Arbeit stark dem Belgier Fissette ähnele: „Ein ganz ruhiger, analytischer, angenehmer Typ“ sei das, findet van Lindonk, „wichtig ist, dass man sich auch eine echte Chance gibt.“

Und van Lindonk erinnert daran, wie schwer es der Schwede Sven Groeneveld anfangs bei Maria Scharapowa hatte: „Drei Monate lief wenig zusammen, aber alle hatten Geduld, arbeiteten hart weiter, und dann gewann Scharapowa die French Open.“

Apropos Scharapowa: Die Russin wäre bei jeweils erfolgreichen zweiten New Yorker Auftritten Lisickis Gegnerin in Runde drei.