Leichathletik-WM

Wie Lückenkempers Trainer Kunst Katar früher erlebte

Am Samstag beginnt die Leichtathletik-WM für die Sprinterin Gina Lückenkemper. Ihr Trainer Uli Kunst trainierte dort, als vieles anders war.

Deutschlands Top-Sprinterin Gina Lückenkemper mit Trainer Uli Kunst.

Deutschlands Top-Sprinterin Gina Lückenkemper mit Trainer Uli Kunst.

Foto: Ralf Rottmann / Funke Foto Services

Doha. Die Spur, die die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha hinterlässt, ist türkis-gelb. Es sind die Farben der Jacken der freiwilligen Helfer. Freundlich weisen die Männer und Frauen den Weg zu den Bussen. Die sind ebenfalls türkis. Euphorie ist rund um eines der größten Sportereignisse des Jahres am ersten Tag der WM aber noch nicht zu spüren. Ins Khalifa-Stadion kamen gerade so viele Zuschauer, dass die 3000-Meter-Hindernis-Läuferinnen um Gesa Felicitas Krause, die sich in ihrem Vorlauf als Dritte für das Finale am Montag qualifizierte, einzig in einer Kurve lautstarke Unterstützung erfuhren. Auch die afrikanische Trommelgruppe, die auf der kleinen Fanmeile vor dem Stadion für viele gezückte Smartphones sorgte, wirkte seltsam fehl am Platz. Dennoch: Die WM hat begonnen, die Klima-Anlage im Stadion funktioniert, die Leichtathletik ist in Doha angekommen.

Noch in den 1980er-Jahren wäre eine internationale Meisterschaft von so einem Format in Doha undenkbar gewesen. Kaum einer weiß das so gut wie Uli Kunst. Der 68 Jahre alte Trainer von Deutschlands Star-Sprinterin Gina Lückenkemper, die an diesem Samstag im Vorlauf über 100 Meter startet (15.30 Uhr/ZDF), arbeitete von 1982 bis 1991 in der katarischen Hauptstadt. „Hier wurde ich Sprint-Trainer“, erzählt der Recklinghäuser.

Keine Frauen in der Gruppe

Er weiß zu berichten aus einem Land vor unserer Zeit. „Als ich anfing“, sagt er, „da war das Stadion noch eine Rührschüssel mit ein bisschen Kunststoff auf der Bahn. Es gab keine Krafträume, keine richtigen Meisterschaften. Der Verband, das waren zwei Räume in einem Hochhaus.“ Und: Frauen waren in all den Jahren nie Teil seiner Gruppe. „Frauensport gab es in der Öffentlichkeit nicht. In den Schulen fand der hinter hohen Mauern statt. Eine WM wie heute, bei der Frauen und Männer antreten? Damals undenkbar.“

Auch das Leben sei damals ein anderes gewesen. Während die Skyline heute geprägt ist von Prachtbauten und Baustellen, das Stadion spektakulär beleuchtet ist, beschreibt Uli Kunst seine Lebenswirklichkeit damals als beschaulich. „An der Küste gab es vielleicht ein, zwei Hotels, ein paar Banken – das war’s. Meine Frau und ich bekamen vom Verband alles bezuschusst, hatten Geld für Lebensmittel, ein Haus mit Garten – und dahinter fing die Wüste an.“ Damals sei er „ein Wüstenfuchs“ geworden. „Wir sind an den Wochenenden immer durch die Wüste gefahren – das ist mit den Touri-Touren von heute nicht zu vergleichen. Das war ein schönes Leben.“

Zu seinem außergewöhnlichen Job kam Uli Kunst zufällig. Der gebürtige Remscheider hatte 1981 gerade sein Sportstudium in Köln abgeschlossen, da machte ihn die Mutter seiner damaligen Freundin auf eine Anzeige aufmerksam. Gesucht: vier Trainer für die Mannschaft von Katar. Uli Kunst bewarb sich als Sprint-Coach. Dann ging alles ganz schnell: „Mir wurde gesagt: In sechs Wochen trittst du deinen Dienst an“, erinnert sich Kunst.

Also verkaufte er alles, was nicht in seine zwei Koffer passte. „Und dann flog ich in die Wüste.“

Ein unbeschriebenes Blatt in Katar

Ab dem 8. Februar 1982 war Uli Kunst dann Sprint-Trainer von Katar. Sein erster Auftrag: die Betreuung bei einem Länderkampf. „Ich war ein völlig unbeschriebenes Blatt, aber die Jungs waren talentiert“, erzählt er. „Am Ende haben wir gewonnen.“ Der Erfolg war da, Uli Kunst durfte bleiben. Die Jungs, die er damals trainierte, kamen gebürtig aus Katar, waren keine reichen Leute. Und: „Sie waren alle im Militär, schliefen in der Kaserne. Ich selbst war im Offiziersrang angestellt, damit ich befehlsbefugt war.“

Uli Kunst reiste mit seinen Athleten um die ganze Welt. „Gerade im Sommer hältst du es in Katar nicht aus. Wie sich 50 Grad anfühlen, das ist unglaublich. Das passt ja auf kein Thermometer.“ 1991 verabschiedete er sich aus Doha, er wurde Nachwuchsbetreuer in Wattenscheid. Seit 2015 trainiert er die für Charlottenburg startende Soesterin Gina Lückenkemper, er formte Deutschlands größtes Talent zur Top-Athletin. „Ich war damals arabisch-müde geworden“, sagt er. Und: „Das Prinzip, Ausländer im großen Stil für den Erfolg einzubürgern, war nicht meine Welt.“

Eine Rückkehr nach Doha wird es für Uli Kunst nicht geben. Einerseits reizt ihn das veränderte Land nicht, aber vor allem kann er nicht. Nach einer Knie-Operation ist ein langer Flug nicht möglich. Gina Lückenkemper muss vor Ort ohne ihn auskommen, sie telefonieren regelmäßig. „Gina gehört nicht zu den Medaillenkandidaten, es war eine schwierige Saison, die Heim-EM 2018 und der Vereinswechsel von Leverkusen nach Berlin haben viel Kraft gekostet“, sagt Kunst. „Aber sie wird ihren Wettkampf gut machen.“ An einem Ort, der ihrem Trainer so viele Erinnerungen beschert hat.