Immer Hertha

Bei Hertha suchen sie momentan noch nach dem X-Faktor

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Die Häufung ist schon auffällig. Egal ob bei Hertha, den Handballern der Füchse, den deutschen Basketballern oder den Kickern der DFB-Elf – es läuft gerade nicht so recht. Die Ergebnisse bewegen sich irgendwo zwischen sattem Fehlstart und brummelndem „Na, immerhin“-Gefühl, jedenfalls jenseits der (eigenen) Erwartungshaltung. Alles Zufall? Oder eint die vier sehr unterschiedlichen Teams ein ähnliches Problem?

Beginnen wir vielleicht mit einer kleinen Bestandsaufnahme. Bei Hertha hatte neben einem neuen 125-Millionen-Investor auch Rekord-Einkauf Dodi Lukebakio neue Hoffnung gesät, doch nach zwei 0:3-Pleiten in Serie hat sich Ernüchterung breitgemacht. Die Füchse lockten mit Handball-Legende Stefan Kretzschmar viel sportliche Expertise in ihren Bau, schlitterten bis zum jüngsten Befreiungsschlag jedoch schnurstracks Richtung Krise.

Turnier-Traum der Basketballer schnell geplatzt

Bei den Basketballern schwärmten Fans und Experten vom wahrscheinlich talentiertesten WM-Kader in der Historie des deutschen Verbands, ehe der Turnier-Traum nach zwei bitteren Niederlagen zerplatzte. Bleibt das Fußball-Flaggschiff Nationalelf, das längst den Erneuerungskurs eingeschlagen hat, nach den jüngsten beiden EM-Qualifikationsspielen aber nur ein mühsam errungenes 2:0 gegen Nordirland auf der Habenseite hat. Ausbaufähig.

An Personal und Potenzial mangelt es keinem dieser Teams, dafür aber an essenziellen Qualitäten. Egal ob Fuß-, Hand- oder Basketballer – bisweilen verfielen die Profis in schwer zu ertragenden Sacharbeiter-Elan, wirkten blutleer, unkonzentriert und pomadig. Verhaltensmuster, die nicht mit übermächtigen Gegnern erklärbar sind.

Die Statements einiger Protagonisten sorgten bei mir für hochgezogene Augenbrauen. Füchse-Manager Bob Hanning war nicht der einzige, der nach einem verlorenen Duell einen „großen Leidenschaftsunterschied“ ausgemacht hatte, auch Hertha-Coach Ante Covic forderte von seinen Spielern „mehr Mentalität“. Ebenfalls nicht allein war Hanning mit seiner Schelte gegen miesepetrige Reservisten.

„Die Bank unserer Gegner habe ich gesehen“, sagte Basketball-Star Dennis Schröder nach der Pleite gegen die Dominikanische Republik, „die waren immer happy füreinander. Bei uns hat jeder mit sich selbst gekämpft, warum er nicht so viel spielt.“ Alles nur uninspiriertes Geschwafel und schlechte Ausreden? Oder sind es in den harten Spielen nicht gerade die weichen Faktoren, auf die es ankommt?

Qualität besteht aus Qual

Ja, Teamspirit, Einsatzwille und Kampfgeist mögen schwer quantifizierbar sein, aber dass die Wurzel von Qualität aus Qual besteht, ist nun mal mehr als eine Stammtisch-Weisheit. Und was fast überschäumender Eifer bewegen kann, hat gerade erst der 1. FC Union bewiesen, als er den Edel-Kickern aus Dortmund eine denkwürdige Abreibung verpasste. Die Köpenicker hatten es, das gewisse Etwas. Bei Hertha indes suchen sie momentan noch nach dem X-Faktor.

Dafür, ob ihr Team 100 Prozent gibt, haben Sportfans gemeinhin sensible Antennen. Schlägt der Seismograph aus, ist der Zorn groß, eine ehrenvoll erkämpfte Niederlage ist im Zweifel besser zu ertragen als ein schlampig errungener Sieg. So war es in der jüngeren Vergangenheit auch bei Hertha, wenn die Berliner in den Außenseiter-Modus schalteten und selbst Branchenprimus FC Bayern große Kämpfe lieferten. Beispiele, die zeigen, was bei Hertha möglich ist.

Vor der kommenden Partie in Mainz steht das Team gefühlt am Scheideweg. Schafft es die Elf, sich zusammenzuraufen, zu kämpfen und gleichzeitig die nötige taktische Disziplin zu wahren? Finden die Spieler jene Körpersprache, die es braucht, um in einem Krisen-Duell zu bestehen? Stimmen Kommunikation und gegenseitige Unterstützung, hält das Teamgefüge auch im Falle eines Rückstands? Das alles wird sich zeigen.

DFB-Team, Füchse und Basketballer haben auf ihre Pleiten zuletzt Siege folgen lassen. Ein Beispiel, dem Hertha gern folgen darf. Trainer Covic ist nicht der einzige, der weiß: „Nichts schweißt so sehr zusammen wie Siege.“