Kolumne

Bei Hertha BSC kickt die Skepsis mit

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Es ist zwar nur ein äußerst schwacher Trost, aber immerhin lagen meine Kollegen auch nicht viel besser als ich. Trotzdem: Ich muss an dieser Stelle Abbitte leisten. Was die Saisonprognose für Hertha BSC betrifft, sind mir zuletzt nicht unbedingt Volltreffer gelungen.

Nun ist es nicht so, dass ich Hertha mutwillig schlechtreden will, aber der Mix aus Transferaktivitäten, Trainingsimpressionen und Konkurrenzbeobachtung gab in den Vorjahren nun mal wenig Anlass zu Euphorie. Während von Hamburg bis Stuttgart kräftig aufgerüstet wurde, hielt sich der Hauptstadtklub eher zurück. Ein Vladimir Darida hier (2015/16), ein zunächst floppender Ondrej Duda dort (2016/17), dazu Abgänge wie jener von 20-Millionen-Euro-Mann John Brooks (2017/18) oder die „Verstärkung“ durch Zweitliga-Stürmer Pascal Köpke (2018/19) – da kann man schon mal skeptisch werden.

Dabei hätte es mich vorsichtig werden lassen müssen, dass dem früheren Trainer Pal Dardai gleich in seiner ersten vollen Saison ein Raketenstart gelang. Wer es hinbekommt, einen Fast-Absteiger bis zur Winterpause auf einen Champions-League-Platz zu führen, den sollte man besser nicht unterschätzen. Trotzdem hielten sich im darauffolgenden Sommer hartnäckige Zweifel. Hatten die Berliner nicht bloß über ihren Verhältnissen gespielt? War Herthas größte Stärke nicht die Schwäche der anderen? Ist Dardai entschlüsselt, und sind die Bedingungen durch neue (Nicht-)Investments nicht viel schwieriger geworden? Viermal ja, Fazit: Nicht in den Abstiegsstrudel zu geraten, wird für Hertha diesmal schwierig. In der Winterpause 2016/17 standen die Berliner dann wieder auf Platz fünf …

Argwohn und Bedenken ist immer präsent

Mittlerweile hat sich dieses Spiel diverse Male wiederholt, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Den Gang in Liga zwei mussten jedenfalls andere antreten – Grüße nach Stuttgart oder Hamburg. Während andernorts eine Trainerentlassung die nächste jagte, manövrierte Dardai das Hertha-Schiff durch ruhige Gewässer, umschiffte selbst das gefürchtete Bermuda-Dreieck aus Europa-League-Teilnahme, Bundesliga- und DFB-Pokal-Belastung. Eine Mischung aus Argwohn und Bedenken segelte trotzdem immer mit, auch bei den Fans.

In diesem Jahr haben sich die Vorzeichen nun beinahe umgekehrt. Weil der Investor Lars Windhorst auf einen Schlag 125 Millionen Euro in den Klub gepumpt hat. Weil Manager Michael Preetz mit Dodi Lukebakio den mit Abstand teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte getätigt hat. Weil trotz der ernüchternden Vorsaison nur ein einziger Leistungsträger ging und die Skepsis gegenüber Ante Covic einer gewissen Zuversicht gewichen ist. Nicht wenige trauen dem neuen Trainer inzwischen zu, das Team fußballerisch zu „berlinisieren“. Weniger bieder und abwehrbetont, mehr sexy und wagemutig.

Vielleicht Herthas Machern doch mehr Vertrauen schenken

Die Frage ist, welche Lehren man aus der Vergangenheit ziehen sollte. Mehr Vertrauen in Herthas Macher zu haben, die seit jeher von einem Prozess sprechen? Darida gilt vier Jahre nach seiner Ankunft noch immer als Kandidat für die erste Elf. Duda war in der vergangenen Saison Topscorer. Und Brooks wird dank Karim Rekik (2,5 Millionen Euro Ablöse) keine Träne mehr nachgeweint …

Oder ist es doch ratsamer, die kritische Brille aufzubehalten? Weil Investor Windhorst nicht gerade den besten Ruf genießt. Weil Lukebakios Tore nicht viel wert sein werden, wenn es hinten ständig im eigenen Kasten einschlägt. Weil der Abgang von Valentino Lazaro eben nicht zu kompensieren und Covic der Herausforderung Bundesliga womöglich doch nicht gewachsen ist.

Unter vielen Fans ist inzwischen Aufbruchsstimmung zu vernehmen. Jetzt zum Liga-Start gleich ‘ne Sensation in München, ja, das wär’s. „Wir sind heiß und die Bayern genervt, frustriert und noch nicht eingespielt“, so die halbwegs plausible Argumentation. Gesünder für Blutdruck und Seelenheil wäre es aber wohl, sich auf einen erdenden Dämpfer einzustellen. Wäre ja nicht das erste Mal, dass Hertha ganz anders in die Saison startet, als man denkt.