Immer Hertha

Reif für die „Goldene Himbeere“

Sebastian Stier,  Fußballreporter

Sebastian Stier, Fußballreporter

Foto: pa/Reto Klar

Im Fußball gibt es seit Längerem die Unart, immer wieder neue Wettbewerbe, Pokale und Auszeichnungen ins Leben zu rufen. Was fehlt, ist eine Art Antitrophäe nach dem Vorbild der „Goldenen Himbeere“ für den inhaltlich dünnsten Kommentar, für die Führungsregie mit der geringsten Fachkompetenz oder einfach denjenigen, der am wenigsten von dem versteht, was er eigentlich tut.

Nein, das hier ist nicht der verzweifelte Versuch, den seit Jahren vergeblich um Zuwachs flehenden Trophäenschrank des Hamburger SV etwas aufzufüllen. Sicher, auch die Hamburger wären jedes Mal ein aussichtsreicher Anwärter, aber die Konkurrenz schläft nicht. Derzeit schickt sich der VfB Stuttgart an, ein ebenbürtiger Gegner zu werden. Möglich macht das Vereinspräsident Wolfgang Dietrich, der nach der Entlassung von Tayfun Korkut tief blicken ließ, als er sagte: „Ich glaube, es gibt keinen Präsidenten oder Sportvorstand, der sich vornimmt, wenn er einen Trainer verpflichtet, dass es eine langfristige Zusammenarbeit wird.“

Ein Satz, so erstaunlich wie erschütternd. Weil er zeigt, von welch unstetem Geist die Stuttgarter Entscheider beseelt sind. Sie führen ihren Fußballklub wie Manager ein Börsenunternehmen. Jeder ist ersetz- und austauschbar, hire and fire, life goes on. Korkuts Nachfolger, der bedauerliche Markus Weinzierl, ist der elfte Trainer in den vergangenen fünf Jahren. Besser, Weinzierl schaut sich gleich nach einer jederzeit kündbaren Mietwohnung um. Häusle bauen im Schwabenland ist in seinem Fall nicht zu empfehlen.

Hire and fire, also anheuern und rausschmeißen, ist eine im Fußball weit verbreitete Mentalität, was allein deshalb erstaunlich ist, weil sie keinen Erfolg bringt. Stuttgart und der HSV sind die beiden Klubs mit den meisten Trainerwechseln in der jüngeren Vergangenheit. Hamburg spielt in Liga zwei, Stuttgart war erst dort und befindet sich auf dem Weg zurück. Dagegen sind jene, die ihren Trainern Zeit geben, gerade überaus erfolgreich. Wenn Hertha am übernächsten Sonntag Freiburg empfängt, wird das Spiel so etwas wie ein Gipfeltreffen der Geduldigen. SC-Trainer Christian Streich ist seit sieben Jahren im Amt, Herthas Pal Dardai seit dreieinhalb. Damit sind sie die am längsten amtierenden Übungsleiter der Liga.

Gemessen an der Wirtschaftskraft müssten die Freiburger in jedem Jahr absteigen. Machen sie aber nicht, was auch damit zu tun hat, dass niemand im Klub nervös wird, wenn die Dinge mal nicht laufen wie erhofft – genauso wenig wie bei Hertha. Streich durfte gar absteigen und revanchierte sich mit dem Wiederaufstieg. Müßig zu erwähnen, dass Stuttgarts Aufstiegstrainer Hannes Wolf längst entlassen ist.

Hertha tat sich auch viele Jahre schwer mit der Suche nach dem richtigen Trainer. Wirklich lange hielt es niemanden im Amt und so hatte die Fluktuation an der Seitenlinie eine Fluktuation der Spielklassen zur Folge. Hertha stieg zweimal ab. Seit Dardai übernahm, hatten die Berliner nach dessen schwieriger erster Halbserie nichts mehr mit dem Abstieg zu tun. In dieser Saison sieht es gar so aus, als dürfte wieder von Europa geträumt werden. Vielleicht wird es nach der kurzen Stippvisite in der Europa League im vergangenen Herbst dieses Mal sogar mehr.

Nach diesen Regionen hatten sie sich beim VfB Stuttgart auch gesehnt. Die Hoffnung ruhte auf einer grandiosen ersten Jahreshälfte 2018, als die Mannschaft in der Rückrundentabelle Zweiter wurde. Nun musste der Trainer, der dieses Vorpreschen möglich gemacht hatte, nach sieben Spielen seinen Platz räumen. Hertha spielt erst Mitte Dezember in Stuttgart. Trainer Pal Dardai verschwendet vermutlich noch keinen Gedanken an diese Partie. Markus Weinzierl ist gut beraten, es auch nicht zu tun. Sein Vorgesetzter plant ohnehin keine längere Zusammenarbeit mit ihm.

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