Vielleicht nervt mich zuviel

(ub) – Noch sechs Tage bis zum Trainingsstart am 29. Juni. Für Eure Lebensplanung: Am kommenden Mittwoch gibt es keinen Hokuspokus bei Hertha. 10 Uhr ist Auftakt – dann geiht dat los.

Test gegen Al-Jazira FC

Neu in der Planung : Anfang August ein Testspiel im Amateurstadion. Gegner am 6. August ist Al-Jazira FC aus Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Emirate (18 Uhr – Hintergründe). Habe mich bei Hertha erkundigt. Es geht nur um ein Freundschaftspiel wurde mir gesagt. Hinter der Begegnung stehen keine Investoren- oder Sponoren-Hoffnungen.

Weiß es gerade nicht: Ist es das erste Mal, dass Hertha gegen einen Gegner aus den Emiraten antritt? Hat einer von Euch den Überblick?

Heute (und morgen) gibt’s in Frankreich bekanntlich keine EM-Spiele. Zeit, um noch einmal einen Eurer Beiträge einzustellen, die Ihr uns für die fußballfreie Zeit geschrieben habt. Möchte mich bedanken, auch im Namen der Kollegen, dass Ihr so vielfach und zu vielfältigen Themen tätig geworden seid. Danke.

Jetzt am Start jemand, der hier sehr selten schreibt. Und überhaupt noch nicht so lange mit dem Hertha-Zirkus vertraut ist. Aus der Serie „Besser schreiben mit Immerhertha“ … Tusch und Trommelwirbel …

Man geht nicht vor dem Ende

Von @Jan

Ich fürchte, ich schweife ab. Obwohl ich immer gerne einen kleinen Komplex vor mir her trage, weil ich ja erst seit kurzem mit dem Hertha-Virus infiziert bin, gehe ich nicht nur auf dieser Saison mit stolzer Brust hinaus. Es war auch die Mitgliederversammlung, so blöd es klingen mag, die mich zum vom Trainer öfters zitierten „stolzen Herthaner“ werden lässt. Dazu später mehr.

Wie kommt man(n) eigentlich mit Mitte 30 zur Hertha? Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass damals die Zeichen für eine Liaison zwischen der Alten Dame und mir eher schlecht standen. Die Eltern mit Migrationshintergrund (Mettmann bzw. Halle/Saale), Vater eher desinteressiert und mit Sympathien für eine der Fortunas (wird später noch wichtig) und Hertha tingelte in den relevanten Jahren fleißig zwischen Zweiter Liga und Amateur-Oberliga. Als ich mein erstes Paninialbum in der Hand hatte, war Hertha gerade wieder aus der Zweiten Liga abgestiegen.

Flucht vor dem Ball

Außerdem verlor ich schnell mein Herz an den Basketball, allerspätestens nach Barcelona 1992 drehte sich alles nur noch um Körbe. Zwar war ich immer ein fleißiger Turniergucker, erinnere mich noch an die Tränen der kindlichen Verzweiflung, als das Finale in Mexiko verloren ging, aber mehr war da auch nicht. In der E-Jugend eines Kreuzberger Vereins, der hier sicher lieber ungenannt bleiben möchte, war ich vor allem mit der Flucht vor dem Ball beschäftigt.

Nur ein Spiel der Hertha hatte ich bis dato gesehen. Über die Arbeit bekamen wir Tickets für die Ehrentribüne, aber alles was ich noch vom Spiel in Erinnerung habe, ist das geltende Pfeifkonzert aus der Ostkurve. Ich glaube das Spiel endete mit einem Unentschieden, aber es war kein Ereignis, das Lust auf mehr gemacht hätte. Trotzdem tat es mir natürlich leid, dass Hertha abstieg. Ich weiß nicht einmal mehr, wer damals der Gegner war, obwohl das Stadionheft (das vermisse ich) noch irgendwo bei mir rumfliegt. Ich tippe auf Nürnberg oder Lautern. Irgendwas mit Zweiter Liga. Der Hertha-Virus hatte mich klar verfehlt. Das sollte sich bald ändern.

Hörsturz in der S-Bahn

So fand ich mich mit meiner damaligen Freundin (heute Frau) und ihrer Familie (heute Schwiegervater, Schwager und Schwägerin) im Olympiastadion wieder. Hertha hatte den Wiederaufstieg bereits gesichert, was mir an dem Tag in der S2 nur durch die besoffenen Teenager, die dem gesamten Waggon mir ihrem Gegröhle einen kollektiven Hörsturz bescherten, auffiel. Auch ein Grund, ich hatte Herthafans bisher nur als besoffene Menschen erlebt, die die Bahn verstopfen. So saßen wir also am letzten Spieltag der Saison 2012/2013 irgendwo im Oberring in der Kurve und ich wollte einfach nur weg.

Alles war für mich befremdlich. Die umsitzenden Raucher, die Schals, die Musik. Ich fand alles komisch. Das Spiel war auch nicht so prall, mit Mühe quälte sich die Mannschaft von Josef Luhukay zu einem Unentschieden, nachdem sie zur Halbzeit noch mit 0:1 hinten lag. Aber die kurze Ansprache des Trainers hat mich doch irgendwie berührt. Und meine Frau wirft mir heute noch vor, wie affig ich mich an den Tag aufgeführt habe.

Historischer Sieg gegen Braunschweig

Was dann passiert ist, kann ich gar nicht genau sagen. Ich weiß nur, dass wir ein paar Mal zum Mitglieder-Spieltag im Olympiastadion waren und ich langsam Gefallen fand. In einem Spiel, in dem wir auf der anderen Seite des Marathontors saßen, fiel mir auf, wie schön der Blonde von Hertha da ackert, oder wie ich es damals formulierte „hustled“. Wie heißt der, Skjelbred? Gut, den mag ich jetzt. Ich glaube, ab der Rückrunde waren wir bei jedem Heimspiel außer gegen Bayern.

Plötzlich war ich Mitglied, hob stolz und wie selbstverständlich meinen Schal und schrie, schimpfte und jubelte. Ich bekam auch den einzigen Heimsieg der Rückrunde gegen Eintracht Braunschweig mit, historisch daher mein einziger Heimsieg in einer gesamten Halbserie.

Sippel an der Pin-Wand

Dann haben wir uns Dauerkarten gekauft. Wir sind seitdem zu dritt, meinen Schwiegervater konnten wir auch überzeugen. Die erste Saison verlief bekanntlich nicht sehr erfolgreich. Aber wir sind immer bis zum Ende geblieben. Als es gegen Hoffenheim 0:5 stand, es arschkalt war und viele das Stadion verließen, sagte meine Frau:

„Wir gehen nicht. Man bleibt immer bis zum Ende.“

In guten wie in schlechten Zeiten. Ich hatte danach zwar ein halbes Jahr lang ein Foto des Herrn Sippel an meiner Pinnwand im Büro und habe ihn verflucht, aber wir sind noch nie früher aus dem Stadion gegangen.

Vor oder nach der Pause auf Toilette?

Ich verstehe auch nicht die Menschen, die so etwas tun. Neulich im Podcast beschwerte sich ein Herr über Fans, die in der 35. Minute bereits zu den Toiletten oder den extrem langsamen Kiosken gehen. Aber ich bin einer von ihnen. Lieber verpasse ich ein paar Minuten der ersten Halbzeit als die ersten Minuten der zweiten Halbzeit. So geschehen in meinem ersten Heimspiel als Dauerkartenbesitzer, bei dem ich drei Tore verpasst habe. Zum Glück hat Pál Dárdai die Mannschaft dann noch gerettet.

Zur neuen Saison zogen wir zwei Blöcke weiter zu unseren Freunden, wo wir uns noch wohler fühlen. Ob das an den Leuten oder an der Saisonleistung liegt, kann ich gar nicht sagen. Ich musste mich erst an das Gefühl gewöhnen, glücklich aus dem Olympiastadion zu kommen. Wir sind gar zum ersten Spiel der Saison nach Augsburg gereist, weil meine liebe Schwägerin im Münchener Exil lebt. Dieses Spiel in Augsburg hatte noch den Charakter der Vorsaison, mit viel Kampf und wenig Spiel.

Die gute Fee und das Erstgeborene

In den folgenden Wochen und Monaten wurde es immer besser. Im letzten Spiel der Hinrunde stand ich in der zweiten Halbzeit einfach nur da und war glücklich. So ein schönes Spiel. Deshalb weigere ich mich standhaft, mit der ablaufenden Saison unzufrieden zu sein.

All‘ die Menschen, die sich beschweren, sollten sich mal fragen, ob sie etwa nicht nach dem letzten Spiel der Vorsaison in Hoffenheim einer guten Fee sofort mit Freude ihr Erstgeborenes versprochen hätten, wenn sie mit Platz 7 gelockt hätte.

Das Gemecker nervt

Statt zu schimpfen, sehe ich alles als gestaltbar an. Hertha ist nicht schlecht auf den Außen, es gibt dort lediglich noch Verbesserungspotenzial. Dieses für Berlin typische Gemecker nervt mich ungemein.

Aber es nervt mich auch, wenn mein Schwager, der einen anderen Verein favorisiert, ständig über diesen schimpft und die Spieler als Idioten und überbezahlte Nichtskönner bezeichnet. Vielleicht nervt mich aber auch zuviel.

Der Zauber, ins Stadion zu gehen

Aber für mich ist es noch ein Zauber, ins Stadion zu gehen. Ich hoffe das bleibt so. Egal wie die Mannschaft gerade spielt.