Krafts Angriff auf Kalou und die Folgen

(mey) – Der Abstiegskampf ist ein Arschloch. Soviel steht mal fest. Er bewirkt, dass die betroffenen Teams bisweilen in Panik geraten und so mancher Spieler von seinen Emotionen übermannt wird. So geschehen auch bei Hertha BSC.

Es war ein enttäuschendes 0:0 gegen Frankfurt am Sonnabend, das Hertha aber praktisch davor bewahrt, am letzten Spieltag noch auf einen direkten Abstiegsplatz abrutschen zu können (der HSV wird die um 12 Treffer schlechtere Tordifferenz gegenüber den Berlinern niemals gegen Schalke aufholen, und hat zudem ja auch wesentlich weniger Tore erzielt als Hertha und im direkten Vergleich das Nachsehen).

Stammtorwart Thomas Kraft war aber derart angefressen, dass er auf dem Weg in die Kabine nach seiner Meinung zum Spiel gefragt antwortete:

„Fragt unseren blinden Stürmer!“

Gemeint war Salomon Kalou, der ja die große Chance zum erlösenden 1:0 leichtfertig mit einem Heberversuch über Frankfurts Keeper Kevin Trapp vergeben hatte. Krafts Angriff auf den Ivorer war aber nur der krasseste von vielen aus dem eigenen Lager. Fabian Lustenberger meckerte. Trainer Pal Dardai sagte, er habe für Kalou kein Verständnis, in der aktuell schwierigen Lage so einen Schuss zu probieren. Und auch der Manager, Michael Preetz, war sauer. Das lest ihr alles in unserem Spielbericht –>hier.

Puh, bei Hertha hat das große Zittern um den Klassenerhalt dazu geführt, dass nun auch das Team nicht mehr als eine komplett geschlossene Einheit auftritt, und das ist immer schlecht, wenn der Stresspegel hochgeht. Wenn ihr mich fragt, ist der Wutausbruch von Kraft zwar menschlich verständlich, aber unter professionellen Gesichtspunkten fatal für den Klub und die Mannschaft. Damit hat er nun eine Debatte darüber entfacht, ob das Team im Saisonendspurt auseinander bricht.

Kraft entschuldigt sich

Das haben sie bei Hertha wohl auch gemerkt. Und deshalb musste (oder wollte, wahrscheinlich eher Ersteres) Kraft am Sonntagmorgen noch etwas zu den Vorfällen sagen. Keiner hatte ihn angesprochen. Keiner hatte meines Wissens nach nach ihm direkt gefragt. Aber nach dem Auslaufen kam Kraft noch einmal aus der Kabine, um etwas klarzustellen. Hier der komplette Wortlaut seiner Äußerungen gegenüber den Medienvertretern:

„Zwei Sätze, dann sind wir fertig: Das war in meiner Emotionalität eine dumme Aussage von mir, die gern aufgegriffen worden ist, und wo ihr gern hättet, dass man eine große Sache daraus macht. Also. Ich hab da wie gesagt mit Salomon gesprochen. Das ist auch gar kein Thema. Das war auch nicht so gemeint. Und ihr kennt mich aus meiner Emotionalität heraus. Von daher ist die Sache geklärt und da gibt es auch gar kein großes Drumherum. Und von daher passt das alles. Fertig.“

Dann verschwand Kraft wieder.

Der 26-Jährige ist ja einer, der meistens klar ausspricht, was er denkt. Dafür wird er geschätzt. Und man darf auch nicht vergessen, dass er sicher nicht der erste Profi ist, dem direkt nach dem Abpfiff einer Partie die Sicherungen durchgebrannt sind. Aber für mich zeigt die ganze Geschichte, wie sehr diese enttäuschende Saison mit dem Stress nun zum Schluss an den Nerven aller Beteiligten zerrt, und dass auch der so oft gelobte Teamgeist zu bröckelnd beginnt.

Vorwurf als Spiegel der Enttäuschung

Kalou kann man sicher vorwerfen, dass er die große Chance gegen Frankfurt fahrlässig vergeben hat. In diesem Vorwurf spiegelt sich auch die Enttäuschung darüber, dass der so groß angekündigte und mit so viel Hoffnung auf bessere Zeiten verpflichtete Starspieler nicht die Erwartungen erfüllt hat.

Aber dennoch muss hier festgehalten werden, dass der Afrikaner gegen Frankfurt eigentlich einer der besten Herthaner war und eines seiner besseren Spiele für die Berliner abgeliefert hat. Wenn es überhaupt mal gefährlich wurde, dann nur durch ihn. Auch die Chance von Genki Haraguchi kurz vor Schluss hatte Kalou vorbereitet.

Hertha muss noch liefern

Aber wie geht es nun weiter? Die Tabellenkonstellation ergibt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha in die Relegation muss, ist eher geringt. Nur wenn Hertha am letzten Spieltag mit zwei oder mehr Toren gegen Hoffenheim verliert, Stuttgart gegen Paderborn gewinnt und zeitgleich Hannover und Freiburg sich mit einem Unentschieden trennen, landet Hertha noch auf Platz 16 und muss in die Relegation. Das Szenario mit einem HSV-Kantersieg nehme ich mal aus, denn das wird nicht passieren.

Bei Twitter hat ein User mal alle Eventualitäten für alle betroffenen Klubs im Abstiegskampf zusammengestellt:

Hertha hat also die allerbeste Ausgangslage von allen sechs Klubs da unten. Wer es noch einmal aufgeschrieben sehen will, wie das große Rechnen bei Hertha ausfällt, kann das –> hier nachlesen.

Morgen haben die Berliner einen Tag frei, bevor es am Dienstag um 15 Uhr auf dem Schenckendorffplatz weitergeht.

Frage an euch: Wie bewertet ihr Krafts Wutausbruch gegen Kalou? Hat der Torwart nur ausgesprochen, was ihr selbst auch gedacht habt? War es klug von Kraft? Oder macht man Kalou jetzt zu Unrecht zum Sündenbock?