Das Ende der Jugend

(mey) – Erst das Aktuelle, dann das Grundsätzliche: Der Spielfilm zum Tag bei Hertha BSC ist schnell erzählt: Raus, bissel pumpen (Stabilisationsübungen nennt man das, wenn man vom Fach ist), bissel mit einem komischen Ei Fußball spielen (es wurde viel gelacht), bissel Alt gegen Jung, bissel auslaufen. Abspann nach 60 Minuten.

Die Zeit bis zur nächsten Partie gegen Hannover 96 am Freitagabend ist kurz. Da gilt es auch die Belastung zu regulieren. Aber weil wir nach dem Sieg gegen Paderborn am Sonntag nun ja nicht mehr den ollen Streifen „An jedem verdammten Sonntag“ abspielen können (Hertha hat nun im sechsten Anlauf der Saison endlich auch mal am Tag des Herrn gewonnen), muss es jetzt dieser Kurzfilm tun.

Plattenhardt und Beerens sind angeschlagen

Zu sagen gibt es zum Aktuellen noch, dass Trainer Pal Dardai demnächst ein paar Worte mit Änis Ben-Hatira wechseln will. Ihr erinnert euch, dass es da ein bisschen Zoff gab, weil der Mittelfeldspieler gegen den Willen von Dardai zur tunesischen Nationalelf geflogen war und sich dort verletzt hatte. Am Dienstag sagte der Ungar:

„Wir sind immer noch Freunde. Aber gesprochen haben wir noch nicht. Das wird aber spätestens morgen passieren.“

Beim Training nicht dabei waren am Dienstag Marvin Plattenhardt und Roy Beerens. Der Linksverteidiger Plattenhardt hat sich gegen Paderborn eine leichte Zerrung zugezogen. Flügelspieler Beerens hat Rücken. Beide sollen am Freitag aber einsatzfähig sein.

Nebenan lösen sie die U23 auf

Kommen wir zum Grundsätzlichen und damit zu einem anderen Thema: Der Stadtrivale 1. FC Union hat am Dienstag verkündet, dass man die eigene U23 vom Spielbetrieb in der Regionalliga Nordost nach Saisonende abmelden werden. Als Gründe wurden aufgeführt: Die meisten Partien der Nachwuchsteams fänden mittlerweile oft zeitgleich statt, sodass die jungen Akteure, die bei den Profis im Kader stehen, aber nicht zum Einsatz kommen, auch bei der U23 keine Spielpraxis sammeln könnten. Aufwand und Nutzen würden deshalb in keinem guten Verhältnis mehr stehen. Und man werde nun selbst Spiele für die U23 organisieren.

Des Weiteren werde es demnächst so sein, dass die besten Talente von der U19 direkt den Weg zu den Profis nehmen sollen.

Union folgt damit anderen Klubs, die ihre U23-Teams bereits vom regulären Spielbetrieb abgemeldet haben – wie Bayer 04 Leverkusen, Eintracht Frankfurt, Dynamo Dresden, Hallescher FC und der Chemnitzer FC. Möglich ist das, weil die DFL vor einem Jahr entschieden hat, dass die 36 Profiklubs aus der ersten bis Dritten Liga nicht mehr wie vorher zwingend eine U23 unterhalten müssen.

Bei Hertha bleibt alles, wie es ist

Ich habe mal bei Hertha nachgefragt, wie man dort zu der Sache steht. Ergebnis: Hertha will weiter auf die eigene U23 in der Regionalliga setzen, auch wenn man nicht ganz glücklich mit der Situation sei. Dazu aber demnächst mehr.

Herthas Manager Michael Preetz sagte mir:

„Wir sind ein Klub, der großen Wert auf den Nachwuchs legt. Der Nachwuchs ist uns heilig. Deshalb wird es auch in der kommenden Saison eine U23 bei Hertha BSC geben.“

Die Frage ist ja immer die nach Aufwand und Nutzen. Wenn wir uns mal vorstellen, dass die U23 nicht mehr als ein Team im Liga-Wettkampf existieren würde, was würde das dann bedeuten? Der Sprung von der U19 zu den Profis wäre ein ziemlich großer, weil er direkt vom Jugendfußball in den Profifußball ohne Zwischenstation zu nehmen ist. Es gibt oft talentierte Spieler, die aber die Wettkampfhärte im Männerbereich erst noch lernen müssen. Dafür allein ist eine U23 sinnvoll.

Wenn wir uns aber mal anschauen, wer es bei Hertha in den letzten Jahren aus der Jugend in den Profibereich geschafft hat, fällt auf: Die meisten waren bei ihrem Profi-Debüt so jung, dass sie ohnehin direkt von der U19 (oder früher) ins Profiteam hätten wechseln können: Nico Schulz (17), John Brooks (19), Marius Gersbeck (18), Hany Mukhtar (17) – Fabian Holland (21) und Alfredo Morales (20) waren schon ein bisschen älter.

Verkürzung der Entwicklungszeit

Allerdings haben diese Youngster zwischendrin auch für die U23 gespielt und sich Wettkampfpraxis auf Männerebene geholt.

Man könnte sagen, die richtig großen Talente schaffen es auch direkt aus der Jungend zu den Profis. Das stimmt schon, wenn man an Leute wie Julian Draxler bei Schalke und Julian Brandt bei Leverkusen denkt z. B.. Aber es gibt auch Spieler, die ein bisschen länger brauchen und trotzdem ein hohes Niveau für Herthas Verhältnisse erreichen können – und nicht mit 18 schon Granaten sind.

John Brooks zum Beispiel hat mit 18 zunächst den Sprung von den Junioren in die U23 gewagt und ist dann Profi geworden. Danach spielte er eine ganze Saison lang noch weiter bei der U23, obwohl er auch schon bei den Profis trainierte. Erst im Jahr darauf wurde er unter Jos Luhukay in Liga zwei bei den Profis regelmäßig eingesetzt. Und wenn ich recht informiert bin, ist der Mann jetzt Stammspieler bei Hertha in der Bundesliga und US-Nationalspieler mit WM-Tor.

Letztlich ist der Rückzug der eigenen U23 eine Verkürzung der Entwicklungszeit der eigenen Nachwuchsspieler in einem geschützten Amateurbereich. Also nichts anderes als das vorzeitige Ende der Jugend im Fußball. Vielleicht ist das einfach dem Zeitgeist geschuldet, weil die Spieler in der Bundesliga ja tendenziell jünger werden. Aber irgendwie fremdel ich damit ein wenig. Könnte schon sein, dass ich ein bisschen Old School bin.

Allerdings muss bei all dem vorausgesetzt werden, dass das Niveau in der Regionalliga, wo die beiden Berliner U23-Teams spielen, entsprechend hoch ist, damit sich der Zwischenschritt auf dem Weg zum Profidasein für die Klubs lohnt. Und vielleicht ist hier das Problem angesiedelt.

Frage an euch: Wie steht ihr zu Herthas Festhalten an der U23?

Morgen und übermorgen trainieren die Herthaner unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bevor es dann am Donnerstag ab nach Hannover geht.