"Dann hat der Gegner Angst vor uns"

(mey) – Es gibt ja Dinge, von denen ich annahm, sie nie zu Gesicht zu bekommen. Ronny mit Hanteln in der Hand zum Beispiel. Oder John Brooks mit einem Sololauf samt satten Schuss unter die Latte. Ich müsste also eigentlich abtreten, denn beides ereignete sich am Mittwochmorgen bei Herthas erster von zwei Einheiten des Tages vor meinen Augen.

Wenn ein neuer Trainer da ist, schaut man ja gleich noch einmal genauer hin. Wie macht der sich so? Wie spricht er die Spieler an? Und wie nehmen die das auf? Für mich war das am Mittwoch das erste Training unter Pal Dardai, das ich aus nächster Nähe beobachten konnte. Und es ist zu konstatieren, dass sich zumindest mal die Stimmung auf dem Rasen verbessert hat.

Klar, die Optimierung des Binnenklimas, das hatte sich Dardai in seinen ersten Tagen als neuer Übungsleiter vorgenommen. Das half gegen Mainz. Aber die Probleme des Teams lassen sich auch nicht weglächeln. Bei den Nullfünfern sah man zum Beispiel in Halbzeit zwei, dass diese Mannschaft nicht wirklich weiß, was sie mit dem Ball anfangen soll. Die Spielkultur ist mehr als ausbaufähig. Das wurde umso deutlicher, als Hertha in Überzahl spielte.

Aber wie geht Dardai das Problem nun an? Und was will der Ungar darüber hinaus verbessern?

Zirkeltraining á la Magath

Zunächst einmal griff Dardai in eine alte Schublade des Trainerwesens. Dort fand er den guten, alten Medizinball. Seine Profis durften sich am Mittwoch in einem Zirkeltraining (Foto: mey) probieren. Hanteln, Seile, Matten. 20 Minuten lang ging es um Kraft- und Stabilisationsübungen. Zu einem Bekannten, der das Training verfolgte, sagte Dardai lächelnd: „Guck mal, deutsche Schule.“ Ronny schwitzte, die meisten anderen seiner Kollegen auch. Am Ende aber klatschten alle in die Hände.

Dardai erklärte später:

„Es gibt einiges, was wir tun müssen. Zum Beispiel bei der Körpersprache und Spannung. Wenn man Champions League spielt, kann man unter der Woche auch mal lockerer traininieren. Aber wenn das nicht der Fall ist und wir ein paar Tage Zeit haben wie jetzt, müssen wir auch etwas tun. Dann kann man nach dem Training auch mal kaputt sein – positiv kaputt, meine ich.“

Kalou kommt erst am Donnerstag zurück

Zwei Spieler verpassten das Zirkeltraining á la Felix Magath: 1. Salomon Kalou. Der Afrikameister kehrt erst am Donnerstag nach Berlin zurück. Ob er dann schon eine Option für die Partie gegen Freiburg am Sonntag ist, ließ Dardai noch offen. Und 2. fehlte Per Skjelbred. Der Norweger habe „Halsschmerzen“, sagte sein Trainer. „So ist das, wenn man Kinder hat. Ich verstehe das. Ich muss sehen, wie ich das löse.“

Es ist bei Skjelbred eher eine Vorsichtsmaßnahme. Er lag ja zuletzt wegen Scharlach flach. Ob sein Einsatz gegen die Breisgauer gefährdet ist, steht noch nicht fest. Ein bisschen seltsam war die Geschichte allerdings, denn noch während des Trainings wusste keiner von den Beteiligten, wo Skjelbred abgeblieben war.

Viele Menschen, viel positiv reden

Neben der verbesserten Gemütslage fiel auf, dass es plötzlich auch ziemlich voll ist auf dem Schencke. An Dardais Seite steht nun nicht nur dessen Co-Trainer Rainer Widmayer (sehr lautstark). Ok, Dardai nennt ihn nicht Co-Trainer, sondern sagt: „Wir sind beide Trainer“. Mit Admir Hamzagic (Dardais ehemaliger Co-Trainer bei der U15) und Hendrik Vieth (Fitnesstrainer) haben sich noch zwei weitere Übungsleiter dazugesellt.

Unter Jos Luhukay war es ja zuletzt so, dass der Niederländer zwar sehr viel mit seinen Spielern beim Training sprach, dabei aber auch des Öfteren sehr aggressiv und konfrontativ auftrat. Dardai macht es anders. Ein Beispiel:

Beim abschließenden Trainingsspiel Neun gegen Neun auf kleine Tore unterbrach er seine Profi und rief:

„Wenn der Ball auf der Seite ist, schiebt ihr euch sofort rüber. Ich lebe mit! 90 Minuten lang bin ich wach. Wenn wir uns so bewegen, dann hat der Gegner Angst vor uns. Der denkt: Guck mal! was für eine geile Mannschaft.“

Dardai spricht seine Spieler also positiver an, als es Luhukay zum Ende tat. Noch ein Beispiel gefällig? Bitte: Brooks verspielte einen Ball und ärgerte sich darüber. Dardai unterbrach und sprach ihn direkt an:

„John, du musst mit deinem linken Fuß das Spiel öffnen und nicht mit rechts wieder da reinspiel, wo kein Platz mehr ist. Dass du einen starken linken Fuß hast, ist für uns eigentlich eine geile Sache. Du musst ihn aber auch benutzen.“

Die Mannschaften teilte Dardai im Übrigen so ein:

Rot: Pekarik, Hegeler, Brooks, Plattenhardt – Hosogai – Schieber, Stocker, Schulz – Wagner.

Blau: Samson, Heitinga, Langkamp, Ndjeng – Lustenberger, Niemeyer – Beerens, Ronny – Haraguchi.

Rot sah mir Richtung erste Elf aus. Ich könnte mir vorstellen, dass Dardai in der Abwehr nichts ändern wird, obwohl Sebastian Langkamp nach der Gelb-Rot-Sperre wieder zurückkehrt. Für den gesperrten Fabian Lustenberger dürfte Hajime Hosogai in die Startelf rücken.

Um an der Spielkultur zu arbeiten, ließ Dardai am Mittwochmorgen übrigens auf kleinem Feld mit großen Toren Drei gegen Drei schnelles Umschaltspiel üben. Später reduzierte er das eine Team um einen Mann, und es ging um einen schnellen Torabschluss bei Überzahl. Da allerdings ist noch Optimierungsbedarf.

Die Einheit beendete Dardai mit den Worten: „Danke Jungs, alles abräumen!“ Und er sagte später:

„Ich bin sehr zufrieden. Wir haben die Automatismen intensiviert. Das sah schon einmal gut aus.“

Es ist also ein anderer Wind zu spüren bei Hertha. Ob das langfristig auch zu einem anderen Auftreten führt, wird sich erst noch zeigen.

Um 15 Uhr ist die zweite Trainingseinheit des Tages. Am Donnerstag trainiert Hertha erneut um 9.30 Uhr und um 15 Uhr auf dem Schencke.