812 Km durch die Nacht. Hertha-Fans protestieren gegen Spielansetzungen

(mey) – Eigentlich hatte ich heute vor, ein sportliches Thema für den Blog zu wählen, weil ja sportlich derzeit viel Redebedarf bei Hertha BSC besteht. Dann schlug ich heute Morgen die Süddeutsche Zeitung auf und las diese Geschichte von Boris Herrmann –>hier. Thema des Artikels sind die ungünstigen Spielansetzungen für die Berliner Anhänger in den kommenden zehn Tagen.

Hertha spielt bekanntlich am Freitag in Freiburg (20.30 Uhr/kleine Info für euch: Mehmedi, der beste Angreifer der Freiburger, wird verletzt fehlen). Am Mittwoch kommt Wolfsburg ins Olympiastadion und nur vier Tage später geht es am Sonntag nach Augsburg (15.30Uhr). Für diejenigen Hertha-Anhänger, die ihren Klub auch auswärts unterstützen wollen, sind die Spielansetzungen gegen Freiburg und Augsburg, um einen großen Philosophen der Zeitgeschichte zu zitieren, „suboptimal“.

Zwischen Freiburg und Berlin liegen 812 Kilometer. Keine Partie in der Bundesliga erfordert eine längere Anreise. Zwischen Augsburg und Berlin liegen knapp 600 Kilometer. Beide Reise sind vor allem deshalb eine Belastung für die Hertha-Unterstützer, weil sie am Freitagabend bzw. am Sonntagnachmittag angesetzt sind. Aus Freiburg kommt man am Freitagabend nach dem Spiel kaum noch weg. Ähnlich schwierig ist es aus Augsburg am Sonntagabend.

Ein „Preis“, der Aufmerksamkeit bringen soll

Das Bündnis „ProFans“ hat die Berliner Anhängerschaft aufgrund dieser ungünstigen Spielansetzungen vor der Partie gegen Mainz am vergangenen Sonnabend den Negativpreis „Sam“ überreicht. „Sam“ steht für „Spiel-Ansetzungs-Monster“. Damit wollen die Fans gemeinsam auf jenen Misstand hinweisen.

Ich habe mich heute mit Steffen Toll, dem Vorsitzenden des Förderkreis Ostkurve e.V., über dieses Thema unterhalten. Toll sagte:

„Für uns Fans ist das eigentlich unzumutbar. Wir wollen darauf hinweisen, dass diese Ansetzungen am Freitag und Sonntag für uns ein Problem sind. Uns fällt auch immer wieder auf, dass es bei der DFL auch Alternativen gegeben hätte.“

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ist für die Spielpläne zuständig. Diese zu erstellen, bedarf die Berücksichtigung einiger Umstände. Die Spiele der Bundesligisten im Europapokal unter der Woche zum Beispiel müssen beachtet werden. Wer am Mittwoch in der Champions League oder am Donnerstag in der Europa League spielt, der kann nicht am Freitagabend schon wieder antreten. Das müssen dann die Teams machen, die nicht im Europapokal spielen. Das leuchtet ein. Aber Toll kritisiert, dass es in solchen Europapokal-Wochen dennoch Möglichkeiten gebe, den Spielplan für alle erträglich zu gestalten.

Die 300-Km-Regel

Schon beim Spiel gegen Mainz am Sonnabend haben Hertha-Fans in der Ostkurve ein Plakat hochgehalten: „DFL: Ihr wollt Faninteressen berücksichtigen?“ Garniert wurde jenes Plakat mit weiteren, die Spielansetzungen der nächsten Wochen und die zurückzulegenden Entfernungen illustrierten: „Freiburg:Hertha 812 Km“. „Heidenheim:Union 584 Km“. „Augsburg:Hertha 596 km“ usw.

Toll und viele andere Fanvertreter der Republik fordern von der DFL eine sogenannte „300-Km-Regel“. Freitags- und Sonntagsspiele sollen nur noch zwischen Mannschaften angesetzt werden, deren Heimatorte nicht weiter als 300 Km entfernt voneinander liegen. Toll weiß, dass dies wohl nur schwer durchsetzbar ist. Aber er sagt:

„Wir wollen uns nicht einfach alles ohne Widerspruch gefallen lassen. Wenn es bei bestimmten Ansetzungen nicht anders geht, sehen wir das ein. Aber wir müssen auf dieses grundsätzlich Problem hinweisen.“

Auswirkungen hat die Spielansetzung am Freitag gegen Freiburg bereits für Hertha: Toll sagte mir, dass wesentlich weniger Anhänger mit nach Freiburg fahren werden. Die Entfernung ist das eine Problem. Das würde auch bestehen, wenn es ein Sonnabendspiel wäre. Aber die späte Anstoßzeit erschwere das ganze zusätzlich.

Der Förderkreis organisiert meistens Busse zu Auswärtsfahrten. Diesmal, sagt Toll, sei es fast unmöglich, überhaupt nur einen einzigen Bus voll zu bekommen, weil die Nachfrage „deutlich geringer“ ist.

Der Wunsch nach Teilhabe und Gehör

Auch Herthas Verantwortliche haben sich mit diesem Thema beschäftigt und schon in der Vergangenheit bei der DFL angesprochen. Toll sagt, zwischen Fanszene und Verein bestehe diesbezüglich Konsens. Dass die 300-Km-Regel kommt, glauben sie im Verein aber nicht. Sie wird nicht umsetztbar sein. Bei Hertha hat man mir gesagt, dass der Klub in Zukunft weiter auf das Problem der „fanunfreundlichen Anstoßzeiten“ hinweisen werde.

Aber für mich steckt in diesem Protest der Hertha-Fans noch etwas ganz anderes. Könnte es sein, dass es hier um ein übergeordnetes Thema geht: dem Gefühl vieler Anhänger, beim Fußball zunehmend nur noch die Rolle des Konsumenten zugesprochen zu bekommen, und nicht mehr die eines mündigen Teils des Ganzen? Toll sagt:

„Wir sind realistisch genug, um zu erkennen, dass die Fans oft nur noch Konsumenten sind. Aber wenn man die Schraube überdreht, dann macht man die Fankultur kaputt. Das Beispiel England zeigt das. Es geht nicht nur um die Spielansetzungen. Es geht auch um Stehplätze und all die anderen Themen der Fans. Wir wollen uns Gehör verschaffen und verhindern, dass die Schraube überdreht wird.“

Ich empfehle zu diesem Thema auch das neue Buch von Christoph Biermann: „Wenn wir vom Fußball träumen.“

Frage an euch: Wie seht ihr das Problem mit den langen Auswärtsfahrten an Freitagabenden und Sonntagnachmittagen? Ist das für euch eines? Und wie steht ihr zu dem oben beschriebenen Gefühl des Zuschauers, zunehmend nur noch Konsument des Produktes Fußball sein?

Die kommenden zehn Tage werden also anstrengend für die mitreisenden Hertha-Fans. Holt sich das Team von Trainer Jos Luhukay aber in Freiburg, gegen Wolfsburg oder in Augsburg ein paar Punkte, hätte sich die Anstrengung gelohnt.