Sonnenblumenkerne im Stadion Lobanowskij: Erinnerungen an 'Dinamo vom Dnipro'

(Seb) – Heute Abend spielt die Ukraine gegen die USA ein Testspiel. Mit dabei Herthas John Brooks und die in Berlin ausgebildeten Alfredo Morales und Terence Boyd. Das Spiel findet auf Zypern statt. Die aktuellen Ereignisse im Land haben eine Austragung in Charkiw unmöglich gemacht. Für eine kurze Zeit wollte der ukrainische Verband die Partie sogar absagen, entschied sich nach einer Unterredung mit dem Sportminister aber wieder dagegen. Ich nehme die Partie zum Anlass, etwas von meinen Fußball-Erlebnissen aus Kiew zu erzählen.

8:0 gegen Worskla Poltawa

8:0 stand am Ende auf der Anzeigetafel des in den Fels gehauenen Dinamo-Stadions im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Acht Tore kassierten die hoffnungslos überforderten Spieler von Worskla Poltawa bei meinem ersten Besuch der Vorzeigemannschaft der früheren Sowjetunion. Hinter mir jubelten zwei Jungs mit kahlgeschorenem Kopf, wie man ihn sonst von den jungen Kadetten russischer Militärschulen kennt. „Dinamo vom Dnipro – Kiew, hurra, hurra!“, riefen sie euphorisiert und wedelten mit ihrem Schal. Entweder waren sie über die Maßen betrunken oder tatsächlich so beeindruckt vom Auftritt der eigenen Elf.

Das Problem mit der Schale des Kerns

Der Rest des spärlichen Publikums im kleinen Stadion, das den Namen der verstorbenen Trainer-Legende Valerij Lobanowskij trägt, knabberte wenig begeistert die üblichen Sonnenblumenkerne. Mein Versuch, diese im Mund aufzuspalten und die Schale gekonnt auszuspucken, scheiterte kläglich. Stattdessen machte ich den Eindruck eines Einjährigen, der gerade ohne Aufsicht ein Glas Brei alleine essen durfte.

Raus aus dem Stadion, Bier gekauft, wieder zurück

Das kleine Dinamostadion fasst nicht viele Zuschauer. Gut 17.000 mögen es sein. Doch mir ist es immer lieber gewesen als das klobige, riesige Olympiastadion vor dem Umbau, in dem die Blau-Weißen damals ihre Europapokalspiele austrugen. Selbst die Champions-League-Qualifikation wurde in dem malerischen Rund am Ufer des aus Berliner Sicht wahnsinnig breiten Flusses Dnipro gespielt. In der Halbzeitpause gingen wir hinaus auf die Straße, kauften uns eine Flasche Bier und spazierten wieder ins Stadion. Wie bei vielen kleinen Arenen sowjetischer Bauart konnte man die Tribünen nur über die Rasenseite betreten. Sicherheitsmaßnahmen gab es kaum. Und ganz ehrlich: Sie waren auch nicht nötig.

Ruß statt weißer Farbe

Den Eingang des Stadions bildet bis heute ein Tor mit vielen massiven Säulen, durch das man von der Straßenseite das offizielle Stadiongelände betritt. Weiße Säulen, oben quer steht in blau der Name des Stadions. Die weiße Farbe des Steins ist aktuell dem schwarzen Ruß gewichen. Auf der Straße fanden die ersten Straßenschlachten statt. Hier gab es die ersten Toten auf den Straßen von Kiew. An Normalität ist nicht zu denken und die unbeschwerte Zeit scheint ewig weit weg. „Unsere Farben sind gelb-blau, wir sind die Fans von Dinamo Kyjiw“, sangen die Fans während meines ersten Spiels hier mit Leidenschaft. Im Moment singt niemand mehr.
P.S.1 John Brooks steht in der Startelf der USA gegen die Ukraine.
P.S.2 Ehe das Freundschaftsspiel auf Zypern angepfiffen wird, gibt es eine Schweigeminute.

P.S.3 USA-Ukraine 0:2 (0:1). Brooks hat 90 Minuten durchgespielt.