Taktiktafel zum 0:1 gegen Eintracht Frankfurt und Fußball-Gipfel im Café

(ub) – Bei Minus fünf Grad wurde gefroren. Aber für das Immerhertha-Blog-Foto setzte Kjetil Rekdal seine Kapuze ab und stellte sich am Rande des Schenckendorff-Platzes in Positur (Foto: ub).

Die Laufeinheiten zum Ende des Trainings interessierten Rekdal (45). Die zehn Läufe über 90 Meter in 15 Sekunden. Und vor allem die kurzen 15-Sekunden-Sprints von der Strafraumgrenze zur Grundlinie und zurück. Rekdal fragte:

Wird das immer so gemacht?

Der ehemalige Hertha-Kapitän (19977-2000) ist mit seinem Trainerteam auf Weiterbildungsreise in Berlin. Rekdal trainiert seit Januar 2013 wieder Valerenga Oslo. Jenem Verein, mit dem er 2002 Pokalsieger und 2005 Meister in Norwegen geworden war. Im Mittag traf sich Rekdal mit seinem ehemaligen Teamkollegen Michael Preetz im Wiener Café. Der Hertha-Manager brachte Trainer Jos Luhukay zum Fußball-Gipfel mit.

Bei der Frage, wer sich mehr verändert hat, schmunzelte Rekdal:

Ich, weil ich an Gewicht zugelegt habe. Michael hat heute ja noch sein Wettkampfgewicht von früher. Naja, er hatte auch mehr Stress.

Rekdal wird mit Valerenga im Februar ins Trainingslager nach Belek/Türkei gehen. Anfang März steht ein Trainingslager in La Manga/Andalusien an. In Norwegen ist derzeit nur Training auf Kunstrasen in Großfeld-Hallen möglich. Die Saison der Tippeligaen startet am letzten März-Wochenende.

Auch Preetz freute sich über das Wiedersehen.

Kjetil war schon als Spieler ein Trainer. Mir war immer klar, dass er in diesem Beruf landen würde. Und er ist seit zehn Jahren nahtlos im Geschäft. In Norwegen hat Kjetil einen richtig guten Namen.

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Im folgenden freuen wir uns, Euch zum ersten Mal in diesem Jahr die Immerhertha-Taktik credenzen zu können. Stephan Berg hat sich das 0:1 am 18. Bundesliga-Spieltag bei Eintracht Frankfurt noch mal angeschaut. Und kommt zu folgenden Erkenntnissen:

Von Stephan Berg

Zum Rückrundenauftakt gastierte die Mannschaft von Jos Luhukay bei den von Armin Veh trainierten Frankfurtern. Analog zur Vorrunde vertraute Luhukay dabei seinem hybriden 4-1-4-1 /4-4-2 System. Er nominierte die gewohnte Viererkette um Kapitän Fabian Lustenberger und konnte im Tor auf den wiedergenesenen Thomas Kraft zurückgreifen. Verletzungsbedingt musste der Niederländer allerdings sein Mittelfeld umbauen und Tolga Cigerci ersetzen. Den Platz des zuletzt überzeugenden Türken nahm Routinier Peter Niemeyer ein, der vor der Abwehr als alleiniger Sechser fungierte und hinter den schematisch vor ihm positionierten Hosogai und Skjelbred den absichernden Part übernahm. Die Flügelpositionen bekleideten mit Allagui und Schulz dynamische Spielertypen, die über eine exzellente Schnelligkeit verfügen. Als alleinige Nummer 9 präsentierte sich wie in der gesamten Vorrunde Herthas Torschütze vom Dienst Adrian Ramos.

Aus der Aufstellung und gewählten Formation ergab sich das klare Ziel von schematisch hohen Balleroberungen und schnellem Umschaltspiel, das aus einer kompakten Defensive heraus initiiert werden sollte. Dies zeichnete die Mannschaft schon während der gesamten Hinrunde aus und verhalf ihr zum überraschenden Sprung auf den sechsten Tabellenplatz. Aus dem gesamten Spielverlauf ergaben sich für meine Analyse drei Schwerpunkte, die im hohen Maß die offensiv- und defensivtaktischen Abläufe des Berliner Spiels beeinträchtigt haben. Diese werden im Folgenden detailliert zusammengefasst.

Defensive Stabilität

Schon häufig in der Vorrunde zu sehen und inzwischen als Markenzeichen des Defensivkonzepts von Hertha BSC bundesweit bekannt, sind die vielen mannorientierten Zuordnungen.

Hertha überließ in der Anfangsphase den Frankfurtern zwar den Ball, verhinderte jedoch einen klaren Spielaufbau, da sie die Schlüsselspieler des Frankfurter Offensivspiels, Rode und Schwegler, durch Hosogai und Skjelbred mannorientiert verteidigten (Vgl. Abbildung 1) und so fast komplett aus dem Aufbauspiel isolierten. Zusätzlich orientierte sich Ramos am spielstärkeren Innenverteidiger Zambrano. So lenkten die Berliner das Aufbauspiel auf den spielschwächeren Innenverteidiger Marco Russ und ließen ihn Offensivaktionen initiieren. Russ hatte am Ende mit 75 Ballkontakten die mit Abstand meisten aller Frankfurer zu verzeichnen. Wegen seiner mangelnden Fähigkeiten im Spielaufbau gelang es ihm allerdings nicht, daraus Kapital zu schlagen. Mangels Anspielstationen, verursacht durch die mannorientierten Berliner Zuordnungen, konnte er häufig nur den langen Ball spielen, den die Berliner Innenverteidigung hervorragend antizipierte. Im Luftkampf entschieden Niemeyer, Langkamp und Lustenberger viele direkte Duelle für sich.

Probleme im Spielaufbau

Defensiv knüpften die Berliner mit einer unglücklichen Ausnahme an die tadellosen Leistungen der Vorrunde an. Im Offensivspiel ergaben sich jedoch größere Probleme, die im Endeffekt auch der nominierten Mannschaft und deren Spielanlage geschuldet waren. Im Laufe des Spiels erkannten die Frankfurter die Vorgehensweise der Berliner und zwangen Ihnen anschließend die Spielkontrolle auf.

Am Ende des Spiels hatte die Hertha mit 55% analog zur Vorrunde wieder deutlich mehr Ballbesitz als ihr Gegner. Es gelang den Berlinern jedoch kaum, Chancen zu kreieren und den Ball schnell zirkulieren zu lassen.

Woran lag das? Es darf nicht als Ausrede gelten, doch der Platz war nicht gerade im besten Zustand. Die eigentlich technisch gut ausgebildete Berliner Mannschaft hatte oftmals Probleme mit der Ballannahme und Mitnahme. Dies verhinderte eine schnelle Ballzirkulation, die es den Frankfurtern erlaubte, sich defensiv gut zu organisieren, ohne hohen Laufaufwand betreiben zu müssen. Neben dem schlecht präparierten Platz gab es im Herthaspiel allerdings auch positionstaktische Problemzonen. Die Rollenverteilung im Spielaufbau schien nicht optimal gewählt, denn oftmals musste sich Niemeyer als tiefer Sechser den Ball abholen und das Aufbauspiel antreiben – nicht gerade die Paradedisziplin des Defensivmotors.

Weder Allagui noch Schulz gelang es, bei eigenem Ballbesitz effizient in die Halbpositionen einzurücken und zwischen den Linien anspielbar zu sein. Dies kann man damit begründen, dass die beiden ihre Stärken eher im gradlinigen Spiel in schnellen Umschaltsituationen haben. Bezüglich der taktischen Intelligenz im Freilaufverhalten und Zwischenlinienspiel haben beide noch einiges zu Arbeiten, um auch bei ballbesitzorientiertem Spiel noch wertvoller für die Hertha zu werden.

Bei Hertha fehlt die Tiefe

Durch die fehlende Tiefe im Berliner Offensivspiel beschränkten sich die offensiven Anspielstationen für die Berliner Viererkette zumeist mit lang gespielten Bällen auf Ramos. Auch Skjelbred und Hosogai verfingen sich öfters im Deckungsschatten ihrer Gegenspieler und waren so selten anspielbar. Skjelbred gelang es durch einige vertikale Läufe Lücken zu reißen, doch seine Mannschaftskollegen verpassten häufig den Moment die frei gewordenen Räume zu belaufen oder zu bespielen. Man merkte dem Berliner Offensivspiel durchaus an, dass ein weiterer technisch hervorragender und laufstarker Mittelfeldspieler wie Cigerci fehlte, um variabler im Kombinationsspiel auftreten zu können.

Die permanente Überzahlsituation der Frankfurter im Zentrum, die aus mangelnder offensiver Flexibilität und fehlendem Positionsspiel der Berliner resultierte, konnte die Hertha so oftmals nicht spielerisch lösen (Vgl. Abbildung 2).

Luhukay reagierte im Laufe der zweiten Halbzeit auf die offensive Tristesse und wechselte mit Kobiashvilli und Ronny kreative Elemente in das Herthaspiel ein. Doch auch die beiden konnten dem Offensivspiel nur in Teilen neue Impulse geben. Ronny stand oftmals schematisch zu hoch, anstatt sich fallenzulassen und aus dem defensiven Mittelfeld den Rhythmus des Offensivspiels bestimmen zu können. Kobiashvili zeigte zwar im Spiel ohne Ball interessante Ansätze und bewegte sich deutlich besser im Raum, konnte jedoch auch nicht für entscheidend mehr Struktur im Offensivspiel sorgen.

Frankfurt verhindert Herthas Plan B

Die Berliner erkannten ihre Defizite im Kurzpassspiel und bereicherten den Spielaufbau um das Element des lang gechippten Balles auf Ramos, der das Leder anschließend mit dem Rücken zum Tor festmachen sollte, um ein schnelles Nachrücken der offensiven Mittelfeldreihe zu gewährleisten. Auch dieses Stilmittel praktizierte Hertha oftmals in der Vorrunde und erzielte so einige Tore aus schnellen Umschaltsituationen.

Der Plan B der Berliner ging jedoch in diesem Spiel nicht auf. Ramos hatte einen extrem schweren Stand und rieb sich in vielen Zweikämpfen (44) gegen die sehr physisch spielenden Frankfurter Innenverteidiger auf. Der Kolumbianer, einer der kopfballstärksten Spieler der Bundesliga, gewann nur 19 % seiner Luftduelle und hatte im Duell gegen Russ (85 % gewonnen Kopfballduelle) und Zambrano (70 % gewonnen Kopfballduelle) meist das Nachsehen.

Zambrano spielt oft am Limit

Auch wenn es nicht Teil einer taktischen Analyse sein sollte, so muss trotzdem erwähnt werden, dass Frankfurts Peruaner Zambrano oftmals absolut am Limit spielte und sich nicht über einen Platzverweis und einen Elfmeter hätte beschweren dürfen. Durch die physische Überlegenheit der Eintracht gelang es den Berlinern nicht, den offensiven Alternativplan umzusetzen und zwingende Torchancen zu kreieren.

Fazit und Ausblick

Das erste Rückrundenspiel der Berliner endete mit einer unglücklichen 0:1 Niederlage. In einem Spiel das ein 0:0 verdient gehabt hätte, können die Berliner dennoch im defensivtaktischen Bereich viele positive Dinge mitnehmen. Es gelang Ihnen, eine offensiv gut besetzte Mannschaft über 90 Minuten ohne nennenswert zugelassene Torchance zu verteidigen und ihr das eigene Defensivkonzept und den Spielplan aufzuzwingen.

Offensivtaktisch gibt es viele Sachen zu korrigieren. Besonders im Spielaufbau muss die Mannschaft von Luhukay noch variabler auftreten, aus den Positionen heraus spielen, das Spiel zwischen den Linien forcieren und durch schnelle Ballzirkulation und Spielverlagerungen den gegnerischen Defensivverbund auseinanderreißen.

Als nächste Aufgabe wartet das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg. Die Begegnung der zwei niederländischen Cheftrainer Luhukay und Verbeek verspricht taktisch interessant zu werden. Beide Fußballehrer stehen für eine offensiv ausgerichtete, aktive Spielweise.