Hertha und die Top-6: Wie weit ist die Spitze wirklich entfernt?

(ub) – Morgen gilt’s: Für Freitag, 14 Uhr, hat Trainer Jos Luhukay die erste Einheit des Jahres 2014 auf dem Schenckendorff-Platz angesetzt. Der heutige Beitrag bezieht sich auf eine Aussage von Luhukay kurz vor der Weihnachtspause: „Sechs Mannschaften stehen vor uns, die Hertha meilenweit voraus sind. Nicht nur in Punkten, in allen Belangen.“

Schon klar, Hertha hat sich durch die Resultate des letzten Spieltages auf Rang sechs vorgeschoben vor dem punktgleichen FC Schalke. Dennoch ist zu verstehen, was Luhukay meinte: Dass der FC Bayern, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, der VfL Wolfsburg und eben Schalke in diversen Zusammenhängen viel weiter sind als Hertha.

Zum Autor: @Jack Bauer ist einer der Jüngeren hier im Bunde, er liest Immerhertha seit zwei Jahren regelmäßig. Er war über Jahre bei den allermeisten Heim- und Auswärtsspielen von Hertha dabei. Bis seine Ausbildung das Freizeit-Budget deutlich eingeschränkt hat. Hier kommt sein erster Auftritt bei Immerhertha in der Langform: Tusch, Trommelwirbel – Manage frei

Babbel hat vorgemacht, wie es nicht läuft

Von @Jack Bauer

„Sechs Mannschaften stehen vor uns, die Hertha meilenweit voraus sind. Nicht nur in Punkten, in allen Belangen.“ Wie ist diese Aussage von Trainer Jos Luhukays, welche er in der Pressekonferenz am Donnerstag vor dem BVB-Spiel tätigte, einzuordnen? Bodenständig, würden die meisten wohl zuerst antworten.

Diese Bodenständigkeit hat Hertha auch dringend nötig. Man muss sich nicht kleiner machen als man ist. Wohin das Gegenteil aber führen kann, konnte man z.B. bei Markus Babbel in Hoffenheim beobachten. Knapp 5 Monate im Amt, konstatierte er: „Nur Dortmund und Bayern sind besser als wir“. Die TSG spielte zuvor unter Babbel eine mäßige Rückrunde, 17 Punkte standen nach 14 Spielen zu Buche, nach Babbels Ansicht waren sie aber nur beim 1:7 in München wirklich schlechter. Daraus ergab sich für den Coach die – eigentlich logische – Schlussfolgerung, dass bis auf jene Bayern und den damaligen Titelverteidiger Dortmund, keiner besser war als die TSG. Somit war auch das Saisonziel klar: Platz 3. Der wurde es dann auch – halt nur nicht von oben gelesen.

Nun dient dieser Exkurs nicht dazu, gegen Markus Babbel nachzutreten. Viel mehr geht es darum, einen Vergleich der Zitate und den damit verbundenen Herangehensweisen der beiden Trainer anzustellen.

Keiner ist besser als Hertha, oder?

Jos Luhukay erzielte zum Zeitpunkt seiner Aussage 25 Punkte aus 16 Spielen. Unter die 5 Niederlagen reihen sich die beiden sehr unglücklichen Spiele gegen Stuttgart und in München ein. Auch die Niederlagen gegen Schalke und Leverkusen sind größtenteils durch die fehlende Offensive, Kreativität und Durchschlagskraft begründet, nicht jedoch darin, dass man schlechter spielte als der Gegner. Und in Wolfsburg, wo es die erste Niederlage der Saison setzte, hatte Hertha die Führung mehrfach auf dem Fuß, ehe Olic eben jenen in eine verunglückte Naldo-Flanke hielt und drei Minuten später Diego gegen einen etwas ungeschickt agierenden Brooks einen Elfmeter rausholte. So ist es auch nicht überraschend, dass Lucien Favre vor dem Gastspiel der Borussia feststellte, dass die Hertha bis jetzt in keinem Spiel schlechter als der Gegner war. Diese Erkenntnis nach den ersten acht Spielen, setzte sich auch an den folgenden acht Spieltagen fort. Hertha spielte zeitweise sehr ansehnlichen Fußball, punktete kontinuierlich und ließ sich auch von den alles dominierenden Bayern nicht auseinandernehmen, sondern war einem, wenn nicht gar drei Punkten sehr nahe. Zum Rückrundenabschluss gelang sogar ein etwas glücklicher, aber dennoch nicht unverdienter 2:1 Erfolg in Dortmund.

Also, die – eigentlich logische – Quintessenz ist doch ganz klar: „Keiner ist besser als wir“.

Der Traum von der Fahrt durchs Brandenburger Tor

Es wird deutlich, wie wenig Nachhaltigkeit solche Aussagen besitzen. Natürlich, die Bayern und der BVB sind auf lange Sicht weg. Zwar nicht zwingend auf ein Spiel, aber auf eine Saison sicherlich. Leverkusen, zwar mit deutlich weniger Glanz, aber zumindest in der Liga sehr effektiv, ist auch seit Jahren eine feste Größe. Dahinter stehen aktuell Gladbach, Wolfsburg und Schalke. Musterbeispiele, für die Schnelllebigkeit und Unberechenbarkeit dieses Sportes. In der Saison 2010/11 standen die drei in der Abschlusstabelle ebenfalls hintereinander. Schalke wurde 14., Wolfsburg rettete sich auf Platz 15 und Gladbach schaffte es in die Relegation, die gegen Bochum gewonnen wurde. 2 ½ Jahre später sind diese Clubs meilenweit voraus. Zugegeben, meilenweit einem Verein voraus, der in besagter Saison in der zweiten Liga kickte.

Dennoch, es gäbe auch Gründe die Sachlage anders zu bewerten, als Jos Luhukay dies tut. Doch während es aus den Mündern diverser Verantwortlicher lange hieß, man wolle eines Tages mit der Meisterschaft durchs Brandenburger Tor fahren, die Hertha in die Top 20 Europas führen, oder eine Mannschaft aufbauen, die eines Tages um den Titel mitspielen kann, versteht Luhukay seinen Auftrag anders. Er will Hertha wieder in der Bundesliga etablieren, attraktiv spielen, Sympathien zuerst innerhalb Berlins und dann Bundesweit zurückgewinnen.

Die Hoffnungen ruhen auf Luhukay

Und wenn die ohne großen finanziellen Background ausgestattete Hertha vielleicht in nicht allzu weit entfernter Zukunft den Top 6 unverhofft doch noch näher kommt, so wird Luhukay sicher damit umgehen können. Kommt es seinem Auftrag doch sehr entgegen. So oder so, Hertha und ihr Coach sind auf einem sehr guten Weg.

Fragen:

  1. Auf welchem Rang beendet Hertha diese Saison?
  2. Wie bekommt Hertha Kontinuität hin?
  3. Ist es realistisch, bei den großen erheblichen Verschiebungen in der Bundesliga, dass sich Hertha die Top-6 als Ziel vornimmt.
  4. Worauf beruht eigentlich die Annahme, dass der Trainer das Tohuwabohu, das in Berlin los wäre, in den Griff bekommt? Die bisher beste Bundesliga-Platzierung von Luhukay war 2011/12 der Klassenerhalt mit dem FC Augsburg?