Ein Jahr "Sicheres Stadionerlebnis" – Was ist daraus geworden?

(mey) – Na ja, ok: Wollen wir mal nicht so kleinlich sein. Nicht ganz wie angekündigt, aber immerhin. Ronny wollte ja eigentlich gestern bereits mit seinem individuellen Trainingsprogramm beginnen – sieben Tage vor dem offiziellen Trainingsauftakt am 3. Januar (14 Uhr). Daraus wurde leider nix, denn Ronny landete gestern zu spät in Berlin, verschob das Training in Absprache mit Hertha auf Sonntag. Heute aber nun zog der Brasilianer in Begleitung von Herthas Physiotherapeut David de Mel seine Runden auf dem Schenckendorffplatz. Das Beweisfoto liefern heute die Kollegen der „Bild“:

Gespräche zwischen dem HSV und Lasogga

Und noch eine „kleine Neuigkeit“ in Sachen Hertha: Oliver Kreuzer, der Manager des Hamburger SV, hat sich mal wieder zum Werben um Pierre-Michel Lasogga geäußert. Der 22-Jährige ist bekanntlich nur bis Saisonende von Hertha zum HSV ausgeliehen – ohne Kaufoption. Dass der HSV den Stürmer (bereits 9 Treffer in dieser Saison) dennoch über den Sommer 2014 hinaus halten möchte, habe er Lasogga und dessen Mutter/Beraterin in einem Gespräch mitgeteilt, so Kreuzer. Er sagte:

„Es war ein gutes Gespräch und die grundsätzliche Bereitschaft von Pierre, sich eine HSV-Zukunft vorzustellen, ist da.“

Ich stelle mir gerade vor, wie Lasogga im Gespräch sagt: „Nein, Herr Kreuzer, eine Zukunft beim HSV kann ich mir nicht vorstellen.“ Das ist in dieser Konstellation wohl in der Geschichte der Bundesliga noch nie geschehen, dass ein Spieler ohne Not mögliche zukünftige Arbeitgeber vergrault. Na ja, sei es drum.

Eine hochgekochte Diskussion über Sicherheit im Stadion

So, nun aber zum eigentlichen Thema dieses – zugegeben etwas umfangreicheren – Blogposts: Kollege @seb hat sich in eurer Morgenpost einmal intensiv damit beschäftigt, was eigentlich aus dem Konzept „Sichere Stadionerlebnis“, das im Dezember vor einem Jahr unter viel Tam Tam durchgesetzt wurde, geworden ist. –>Hier geht’s zum Artikel.

In unserer Rubrik „Schreibtalente unter den Immerhertha-Usern“ hat sich auch @opa seine Gedanken zu diesem Thema gemacht. Vielen Dank an @opa für den großen Aufwand und Bühne frei:

Ein Jahr 12:12 – Zeit für einen Rückblick

Von @opa

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da wurde seitens der meisten Vereine und der Verbände auf massiven Druck der Politik ein neues Sicherheitskonzept unter dem Namen „Sicheres Stadionerlebnis“ beschlossen. Nun ist es Zeit für einen Rückblick.

Beginnen wir mit der Gretchenfrage: Ist es in den Stadien und drumherum sicherer geworden? Diese Frage kann man wohl eindeutig wie selten mit einem nein beantworten. Erstens, weil es vorher bereits sicher war und sich viele Fans sicher fülten. Zweitens, weil die wirklich wesentlichen und eigentlichen Probleme nicht gelöst wurden.

An dieser Stelle könnten Leser mit ausgeprägtem Schwarzweißdenken aufhören zu lesen, denn jetzt geht es ein wenig ans Eingemachte

Auslöser waren die Zahlen

Die Ausgangssituation waren die jährlich von der Polizeibehörde ZIS veröffentlichten Zahlen, wonach Straf- und Gewalttaten im Fußball massiv zugenommen haben sollen. Daraufhin setzte die Innenministerkonferenz die Bundesligavereine und die Verbände DFB und DFL unter massiven öffentlichen Druck, ansonsten wolle die Politik handeln. Dass die ZIS Zahlen aufgrund einer unklaren Zahlenbasis ziemlich fragwürdig sind und der verantwortliche Innenminister ein Spiegel-Interview dazu ablehnt, sei mal ebenso dahingestellt wie die Tatsache, dass man anhand dieser Zahlen auch erkennen kann, dass es eine Gesetzmäßigkeit zu geben scheint, je mehr eingesetzte Polizisten, desto mehr Verletzte.

Das am 12.12. gegen massive Proteste der Fans beschlossene Konzeptpapier sollte u.a. einheitliche Rahmenbedingungen schaffen,

– damit Zuschauer sicher ins Stadion und zu ihren Plätzen kommen,
– dass „erforderliche Kontrollen im Interesse aller Besucher sicher, ohne unnötige Verzögerung, zumutbar und angemessen, d.h. verhältnismäßig, unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte und sorgfältig, durchgeführt werden, um Gefährdungen von Zuschauern, Spielern und operativ Verantwortlichen vorzubeugen und möglichst zu vermeiden und dass sich Zuschauer überall im Stadion sicher fühlen können.“ (Quelle (Link auf: http://www.12doppelpunkt12.de/wp-content/uploads/12.12.-endg %C3%BCltig.pdf oder das DFL Dokument, wo ich aber den Link gerade nicht finde)

Kontrollen sind unterschiedlich

Wer regelmäßig in verschiedenen Stadien des Landes unterwegs ist, der wird wissen, wie unterschiedlich die Kontrollen sind, das ist ja auch regelmäßig Thema in „Opas Reisetagebüchern“. Mal sind diese eher lachs, mal extrem streng und pingelig, bisweilen sogar provokativ, d.h. von hinten schieben die Behelmten und vorn wird bewusst getrödelt (Hannover), bis eben irgendwo irgendwem die Sicherungen durchbrennen und die Gemüter mit Pfefferspray „beruhigt“ werden. Leider immer noch Alltag, auch nach dem 12.12. und den beschlossenen Maßnahmen u.a. zur Schulung von Kontrolldiensten.

Auch gibt es weiterhin keine einheitliche Regelung, was nun in ein Stadion mitgenommen werden darf (was jedoch nur bedingt über die DFL zu lösen ist, so ist das Versammlungsstättenrecht Ländersache – was übrigens auch den Unsinn beweist, wenn ein bundesweites Stehplatzverbot diskutiert wird, diese Zuständigkeit hat der Bund nämlich gar nicht). Mal darf z.B. ein Lippenpflegestift selbstverständlich mitgenommen werden, mal wird das als potentielles Wurfgeschoss aussortiert. Diese Willkür führt immer wieder zu erheblichem Konfliktpotential beim Einlass, ähnliches gilt z.B. für mitgeführte Medikamente, die immer wieder wegen „Drogenverdachts“ aussortiert werden sollen und erst nach Hinzuziehung von Fanbetreuung oder Ärzten dann doch mit reingeführt werden dürfen, weil man einem Diabetiker genausowenig sein Insulin wegnehmen sollte wie dem Herzkranken seine Herztabletten.

Ein Selbstversuch als Ordner

Um herauszufinden, woran das liegt, habe ich mich letztes Jahr mal selbst mehrfach als Ordner beim Fußball verdingt, war quasi „embedded“, investigativ unterwegs. Schulung oder Einweisung? Das ist i.d.R. mit dem Überstreifen der wahlweise orangenen oder gelben Warnweste erledigt. Es gibt beim Einlass zwar ein kurzes Briefing, worauf zu achten ist (da war z.B. Thor Steinar oder Buchstabenkombinationen wie ACAB fast überall ein Thema), die Kontrolldichte ist jedoch in der Praxis davon abhängig, wie groß gerade der Andrang ist. Dann gibt es schon mal die offizielle Anweisung, ab sofort „durchzuwinken“, um Druck aus dem Kessel zu lassen. Lieber tausende unkontrollierte Fans als eine Massenpanik.

An einem ausverkauften Spieltag müssen 80.000 Zuschauer innerhalb von rund 2 Stunden kontrolliert werden. Zum Vergleich: An einem Flughafen wie Tegel werden täglich knapp 50.000 Menschen kontrolliert, dort verteilt sich dieser Andrang aber über ca. 16 Stunden. Ergibt eine Kontrolldichte von 40.000 vs. 3.125 Menschen pro Stunde! Allein dieses Beispiel verdeutlicht, dass es nicht möglich sein wird, ein Stadioneinlass wie an einem Flughafen zu organisieren, weil für Veranstaltungen wie ein Fußballspiel heute schon Sicherheitspersonal auch von weit entfernt angefahren wird. So ist es z.B. vollkommen normal, dass für die Einlasskontrollen am Olympiastadion regelmäßig Ordner aus Frankfurt am Main oder noch entfernteren Städten mit mehreren Reisebussen angefahren werden. Es gibt schlicht nicht genügend Personal und wer mal zwei Stunden „Bodycheck“ gemacht hat, der weiß, dass das auch kein Traumjob ist.

Und trotz allem Kontrollaufwands gelingt es einigen Fans Woche für Woche verbotenerweise, die Arenen des Landes mit bengalischen Feuern zu illuminieren. Trotz allem Lippenpflegestiftaussortierens fliegen bei Eckbällen regelmäßig Feuerzeuge und andere Wurfgeschosse in Richtung von Akteuren auf dem Platz.

Die Forderung nach mehr Sonderzügen

Wer also die Sicherheit in den Stadien verbessern will, wird nicht umhin kommen, nach alternativen Lösungen zu suchen. Hierfür haben sich die Verbände und Vereine verpflichtet, gemeinsam mit den Fanprojekten und den Sicherheitsbehörden regelmäßig in den Dialog mit den Fans zu treten. Dies ist z.B. in Form von Regionalkonferenzen und weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit begonnen worden. Auf diesem „Sachebene“-Dialog werden auch die eigentlichen Probleme angesprochen, die viel wesentlicher für Sicherheitsaspekte sind als die sowieso faktisch undurchführbare Forderung nach noch mehr Kontrollen von Fans oder die unsinnige Abschaffung von Stehplätzen.

Dort wird z.B. von allen Beteiligten der Wunsch geäußert, mehr Sonderzüge einzusetzen, um den Fanverkehr vom normalen Reiseverkehr abzukoppeln und das kritische Aufeinandertreffen von gegnerischen Fans beim Umsteigen zu vermeiden. Alle sind dafür: Die Vereine, die Fans, die Polizei, die Bahn. Es gibt diesbezüglich nur die Situation, dass die Bahn schlichtweg keine Waggons hat, mit denen sie so etwas organisieren kann. Dies hat man der Politik zu verdanken, die die Bahn für den Börsengang gesundschrumpfen wollte, was sich eben auch auf die Waggonreserve auswirkt und auch im Weihnachtsreiseverkehr oder im Winter zu spüren ist.

Doch die Politik, auf deren Druck das Sicherheitspapier wegen ein paar brennender Fackeln verabschiedet wurde, stiehlt sich hier aus der Verantwortung und verweist auf leere Kassen. Dass ein Drittel der Einsatzstunden der Bereitschaftspolizeien mittlerweile bei Fußballveranstaltungen geleistet werden und dass diese Kosten vermutlich höher sind als der Bahn die Mittel für die Anschubfinanzierung einiger Waggons an die Hand zu geben, für so viel Detailtiefe ist selten ein Politiker zu motivieren, zumal immer irgendwo gerade Wahlkampf ist, wo sich eine „Haudraufparole“ einfach besser macht.

Alles bleibt beim alten

Und so bleibt nach viel Aktionismus irgendwie alles beim alten. Die Sicherheitslage, die überfüllten Züge und die reflexhaften Forderungen nach noch mehr Kontrollen in den Stadien oder der Abschaffung von Stehplätzen oder Alkoholverbot. Was soll ́s, im Stadion fühlte ich mich schon vor dem 12.12. sicherer als auf einem Volksfest wie dem Münchner Oktoberfest, wo übrigens niemand auf die Idee käme, Maßbierkrüge oder den Ausschank von Alkohol zu verbieten, obwohl es in Relation mehr Verletzte gibt als beim Fußball. Da wird vom selben Polizeisprecher von einer „insgesamt“ friedlichen Wies ́n gesprochen, der ein paar Wochen später wegen ein paar Bengalos von „Gewaltexzessen“ von Fußballfans spricht, obwohl beides faktisch nicht stimmt, aber eben gern gehört wird. Und die ZIS wird nächstes Jahr voraussichtlich wieder Horrorzahlen veröffentlichen und die üblichen Verdächtigen wieder die Stehplätze abschaffen wollen.

Anmerkung der Immerhertha-Redaktion: @opa hat sich zu seinem Stück auch ein paar Umfragen ausgedacht. Hier sind sie: