Herr Luhukay, wenn Sie mal schauen mögen: Die Taktiktafel oder Wie ein Abwehr-Bollwerk zu knacken ist + UPDATE

(ub) – Mit etwas Abstand, aber um so mehr Scharfblick: Tusch und Trommelwirbel. Es folgt die Immerhertha-Taktiktafel zum 13. Bundesliga-Spieltag Hertha – Bayer Leverkusen 0:1 (0:1). Und füge gleich an: Das ist nix einfach so zum Konsumieren. Mitdenken ist gefragt

Auf der Suche nach der offensiven Durchschlagskraft

Von Stephan Berg

Nach der Niederlage gegen Leverkusen überlegte ich, wie ich diese Woche die Taktiktafel gestalten sollte. Ging es euch auch wie mir? Die Heimniederlagen gegen Stuttgart, Schalke und die Leverkusener liefen wie in einem schlechten Film ab – Hertha dominierte mit viel Ballbesitz, mehr Torschüssen und Flanken. Am Ende jubelten jedoch die Gäste. Für die Mannschaft von Jos Luhukay blieb nichts weiter als anerkennendes Kopfnicken für eine offensive Spielweise, Leidenschaft und Zweikampfstärke.

Doch wie kann es Hertha schaffen, trotz hoher Ballbesitzzahlen in den Heimspielen offensiv durchschlagskräftiger zu werden? Im folgendem stelle ich drei Systeme vor, die vom stringent, gradlinigen Flügelspiel bis zum totalen Offensivfußball für Puristen ein breites Spektrum abdecken. Am Ende ist auch eure Meinung und kreativer Input gefragt. Viel Spaß bei der heutigen Ausgabe der immerhertha-Taktiktafel.

Variante A: 4-4-2 mit forciertem Flügelspiel

Beim 0:1 gegen Leverkusen schlug Hertha unglaubliche 32 Flanken. Die meisten davon waren jedoch ungefährlich, aus dem Halbfeld geschlagen und damit für die kopfballstarke Leverkusener Innenverteidigung leicht zu verteidigen. Leverkusen schloss das Spielzentrum mit seinem 4-3-3 System sehr stark. So blieb den Berlinern nur der Weg über die Flügel. Herthas Problem: Sie hatte mit Adrian Ramos nur einen starken Kopfballspieler in der vordersten Position aufgestellt, der Flanken zu verarbeiten wusste. Erst zur 75. Minute erhielt der Kolumbianer Unterstützung von Zielspieler Sandro Wagner. Anstatt Wagner im Zentrum zu unterstützen, wich Ramos jedoch oft auf den Flügel aus – seine Kopfballpräsenz im Strafraum wäre jedoch zwingend notwendig gewesen.

Ein weiteres Problem lag in der Besetzung der Mittelfeldreihe. Mit Mukhtar, Skjelbred, Ben-Hatira, Cigerci und Hosogai nominierte Luhukay Spieler, die technisch versiert sind und überwiegend durch Kurzpass- und Kombinationspiel zum Torerfolg kommen. Versteht mich nicht falsch, ich bevorzuge ebenfalls einen technisch anspruchsvollen Kombinationsfußball mit vielen Positionswechseln und direktem Spiel. Der Schlüssel zum Sieg gegen Leverkusen hätte vielleicht jedoch in einer Forcierung des Flügelspiels und einer damit einhergehenden anderen Positionsbesetzung der Mittelfeldreihe gelegen.

Die Flügelfixierung, Flanken- und Kopfballstärke könnte man in einem klassischen 4-4-2-System (Vgl. Abbildung 1) gut abbilden. Die Besetzung der Viererkette bleibt identisch. Pekarik und van den Bergh eignen sich hervorragend für eine flügellastige Spielanalage, da sie lauf- und sprintstark sind und damit immer wieder gefährlich offensive Pärchen mit den äußeren Mittelfeldspielern bilden können. Die Position der Doppelsechs würden in diesem Fall die physisch starken Peter Niemeyer und Tolga Cigerci bekleiden. Die Sechser würden sich variabel in die Angriffe mit einschalten und müssen vor allem im Strafraum mit ihrer Kopfballstärke präsent sein, um Gegenspieler zu binden und selbst torgefährlich zu sein (Ansätze lieferte Tolga Cigerci gegen Leverkusen).

Die äußeren Mittelffeldpositionen würden in diesem Fall mit Nico Schulz und Marcel Ndjeng von Spielern besetzt werden, die gefährliche Flanken schlagen können und exzellent im positionstaktischen Verhalten im Flügelspiel geschult sind. Ein weiter Vorteil: Die linke Flügelseite wäre mit zwei klassischen Linksfüßen besetzt und die rechte Seite mit starken Rechtsfüßen – ein wichtiger Aspekt für die erfolgreiche Umsetzung des Spiels über die Außen. Adrian Ramos und Sandro Wagner fungieren in diesem System als kopfballstarke Zielspieler, deren Präsenz vor allem im Strafraum gefragt ist.

Variante B: 4-1-4-1 mit kreativer Doppel-10

Während Variante A etwas für die Freunde des geradlinigen Fußballs ist, verspricht die folgende Option ein Offensivspiel auf technisch-taktisch höchstem Niveau. Dieses System wird in großen Teilen bereits von Hertha praktiziert. Das Interessante an dieser Option: Die Mannschaft wird quasi in zwei Hälften geteilt. Während die Viererkette im Vergleich zu Variante A offensiv eher neutral agiert und sich nur temporär in die Angriffsbemühungen einschaltet, bildet Hosogai als alleiniger Sechser das Herz- und Verbindungsstück zwischen Offensive und Defensive. Mit seiner Spielintelligenz, Raumdeutung und Laufbereitschaft steht und fällt dieses System. Brooks würde die Position von Langkamp einnehmen, da dieses System auch spielstarke Innenverteidiger benötigt, die als erster Spieleröffner der Offensive fungieren.

Das „Sahnehäubchen“ sind hier die Offensiven „Fünf“ (Vgl. Abbildung 2). In der Idealvorstellung besetzen die fünf Offensivspieler keine festen Positionen, agieren flexibel und rochieren ständig. Die mannorientierte Zuordnung für die gegnerischen Abwehrspieler wird damit extrem schwierig. Durch das Fallenlassen der Stürmerposition können im offensiven Mittelffeld viele Überzahlsituationen kreiert werden, die die technisch hervorragend ausgebildete Offensivreihe für ein effektives Kurzpass- und Kombinationsspiel nutzen könnte. Offensivtaktisch kann man in diesem System deutlich flexibler durch die Mitte kombinieren, da die Halbräume immer von einem Spieler besetzt sind, der permanent anspielbar ist. Die Doppel 10 könnte vom „Meister“ Ronny und seinem „Lehrling“ Mukhtar besetzt werden – von der offensiven Doppel-Spielmacherrolle kann man vor allem erfolgreich geführte offensive 1gg1 Situationen erwarten, sowie ein hohes Maß an Ball- und Passsicherheit. Mit Ben-Hatira und Skjelbred sind zwei weitere Mittelffeldspieler nominiert, die positionstechnisch flexibel sowie technisch gut ausgebildet sind, gerne im Zentrum kombinieren und in die Tiefe laufen. In dieser Formation dürften die Berliner einige ansehnliche Kombinationen spielen und offensiv für jeden Gegner schwer auszurechnen sein.

Variante C: 3-4-3-System Fußball Total

Zu guter Letzt eine Variante, die wir wohl in einem Bundesliga-Spiel von Hertha BSC so nicht zu Gesicht bekommen werden, dem Fußballpuristen in mir angesichts der technisch-taktischen Möglichkeiten jedoch ein warmes Herz und leuchtende Augen bereitet. In einem extrem offensiven 3-4-3-System mit Mittelfeldraute (Vgl. Abbildung 3) ließen sich offensiv einige interessante Aspekte darstellen.

Hertha würde erstmals in einer Dreierkette verteidigen, die mit den spielstarken Brooks und Lustenberger als ersten Spieleröffnern und dem hervorragend antizipierenden Langkamp besetzt wäre. Die Vierer-Mittelfeldreihe positioniert sich taktisch gesehen in einer Raute. In dieser agiert Hosogai als alleiniger Sechser und sorgt mit seiner aggressiven Spielweise und Zweikampfstärke für die notwendige defensive Mentalität in diesem sonst extrem offensiv ausgerichteten System. Auf den Achter-Positionen agieren Cigerci und Mukhtar. Beide sind technisch und taktisch hervorragend ausgebildet, kreativ und können mit Dribblings 1gg1 Situationen auflösen. Sie sind damit prädestiniert für die Besetzung der Halbpositionen in der Raute. Auf der 10er Position läuft Spielmacher Ronny auf, der sich immer wieder fallen lässt, um mit den Achtern und den Außenstürmern offensive Dreiecke zu bilden, die für ein geordnetes Kombinations- und Kurzpassspiel von hoher Bedeutung sind. Darüber hinaus unterstützt er auch immer wieder die Sturmspitze mit vertikalen Läufen in die Tiefe und wird somit selbst torgefährlich. Ramos, als alleiniger Mittelstürmer nominiert, hat positionstechnisch vor allem die Aufgabe, die vorderste Position zu halten und temporär horizontale Unterstützung für die Außenstürmer zu gewährleisten.

Den Außenstürmern Ben-Hatira und Skjelbred kommt in diesem System eine taktisch sehr interessante Rolle zu. Je nach offensiver Spielweise stehen sie entweder breit gestaffelt, binden damit direkte Gegenspieler und ziehen den gegnerischen Defensivverbund auseinander oder sie rücken in das Spielzentrum ein, beteiligen sich aktiv am Kombinationsspiel der 10er Position und der Halbpositionen der Mittelfeldraute.

Das vorgestellte System erfordert für die Umsetzung Spieler mit hoher Spielintelligenz, positioneller Flexibilität und technisch hervorragenden Fähigkeiten – Hertha BSC besitzt diese Spieler durchaus in seinem Kader. Es wäre für alle sehr interessant zu sehen, wie diese spielstarke Mannschaft auf dem Platz zusammen agieren würde…

Jetzt seid ihr an der Reihe – wie kann Hertha offensiv noch mehr Durchschlagskraft erreichen? Wie können wir defensiv kompakt stehende Gegner mit verschiedensten Varianten erfolgreich bespielen? Ich freue mich auf eure Aufstellungen und taktischen Skizzen und bin gespannt, welche offensiven Potenziale ihr im Kader der alten Dame seht.

x -x – x – x- UPDATE – x – x – x – x

Vom Nachmittagstraining am Mittwoch ist zu vermelden: Kalt war’s. Trotzdem waren @b.b., @catro mit Fan-Azubi und @hertha-barca da. @herthabsc1892 samt Filius hat sich eine Original-Trikot von Thomas Kraft inklusive Foto persönlich abgeholt. Die Mannschaft hat auf verkleinertem Feld geübt. Zunächst saubere Zuspiele . . .

. . . hier Christoph Janker (Fotos: ub). Übrigens ist Janker ein Beispiel für jemanden, der entsprechend des Anlasses vorbildlich gekleidet ist. Habe heute bei den Zuschauern einen 13jährigen Steppke in kurzer Hose gesehen. Ausgewachsene Männer in Blouson. Verweise auf die Stilfibel Korrekt angezogen für ein Hertha-Training im Winter-Halbjahr. Stilfibel vom Vortag.

Die Mannschaft hat dann auf verkleinertem Feld Zehn-gegen-Zehn gespielt. Es ging um das Kombinieren (erlaubt waren nur zwei Ballkontakte) und Verschieben der Mannschaftsteile.

Hier Tolga Cigerci (v.l.), Johannes van den Bergh und Ronny. Dann ließ Trainer Jos Luhukay ausführlich spielen. Nach 87 Minuten beendete Luhukay die Übungseinheit.

Nicht dabei war John Brooks. Der wird wegen seiner Knie-Probleme in dieser Woche aus dem Training genommen. Der Trainer hofft, dass Brooks in der kommenden Woche wieder dabei sein kann. Er fehlt aber in jedem Fall am Samstag, wenn Hertha den FC Augsburg empfängt. Noch offen ist der Einsatz von Fabian Lustenberger, der wegen eines grippalen Infektes heute nicht auf dem Trainingsplatz stand.