Wagner bekommt ein Spiel Sperre; Taktiktafel nach Niederlage gegen Schalke

(Seb) – Nach der angeblichen Tätlichkeit beim 1:4 von Herthas U23 in Magdeburg wurde Sandro Wagner heute vom DFB für ein Spiel gesperrt. Die Sperre gilt auch für die Bundesliga, so dass sich der Angreifer die Fahrt nach Sinsheim auf jeden Fall sparen kann. Trainer Jos Luhukay hatte dazu eine ganz klare Meinung:

Wir haben die Situation mit Sandro besprochen. Das war niemals eine Tätlichkeit, das konnte man klar im Fernsehen sehen. Bei einer Tätlichkeit wären das drei bis vier Spiele Sperre gewesen.

Damit deckt sich die Einschätzung des Niederländers mit der aller Beobachter, die ein Spiel Sperre nach einer glatten Roten Karte als Freispruch werten.

Vom Training gibt es ansonsten wenig aufregendes zu berichten. Änis Ben-Hatira war heute (wie auch gestern) zur Behandlung am Chiemsee. Wer die Krankengeschichte des tunesischen Nationalspielers aufmerksam verfolgt, wird wissen, dass es dieses Mal nicht um den häufig angegriffenen rechten Knöchel sondern um eine Schambeinreizung geht. Etwas geschont wurden Ronny, Adrian Ramos und Ben Sahar, die jeweils leichte Oberschenkelblessuren haben. Aber schon morgen Nachmittag (15 Uhr) sollen alle drei wieder normal trainieren können.

So und jetzt gebe ich ab an Stephan Berg, der uns die Taktiktafel kredenzt:

Viel Ballbesitz, aber nichts Zählbares

Nach dem mutigen Auftritt gegen den FC Bayern München, der in einer knappen und unglücklichen Auswärtsniederlage resultierte, empfing Hertha BSC vor über 70.000 Zuschauern den Champions League Teilnehmer Schalke 04.

Die Gelsenkirchener reisten mit einer Derbyniederlage im Gepäck in die Hauptstadt und waren vor allem darauf bedacht, extrem kompakt zu stehen und sich offensiv auf Umschaltsituationen und Standards zu besinnen. So verwunderte es nicht, dass Hertha am Ende der Partie satte 58 % Ballbesitz aufweisen konnte – und das als Aufsteiger gegen einen aktuellen Champions-League-Teilnehmer.

Im Fokus: Herthas Offensivspiel gegen das kompakte Schalker Mittelfeld

Doch warum gelang es Hertha nicht, aus den hohen Ballbesitzzahlen mehr Torchancen zu kreieren und offensiv noch durchschlagskräftiger zu agieren? In dieser Analyse steht schwerpunktmäßig vor allem Herthas Offensivspiel im Fokus. Da sich die Berliner in großen Teilen der Partie extrem schwer gegen das verdichtete Schalker Mittelfeld taten, soll erläutert werden, warum der Weg durch die Mitte dieses Mal nicht zielführend war und stattdessen der Schlüssel zum Sieg im nur angedeuteten dynamischen Flügelspiel und fließenden Positionswechseln gelegen hätte.

Jos Luhukay vertraute der Mannschaft, die in München aufgelaufen war und ließ sie in einem variablen 4-1-4-1 agieren. Auffällig (und schon häufiger bei Hertha zu beobachten) ist die klare Rollenverteilung zwischen Offensiv- und Defensivpositionen. Während die Viererkette und der tief spielende Sechser Hosogai zumeist positionsgetreu agieren, genießt die Offensivabteilung das volle Maß an kreativer Freiheit. Immer wieder tauschen die Offensivspieler die Positionen und versuchen, damit Unordnung in die gegnerischen Abwehrreihen zu tragen.

Doch nicht immer liegt in dieser Positionsfreiheit der Schlüssel zum Erfolg. Im Spiel gegen die Schalker fehlte es dem Berliner Offensivspiel oft an Tiefenstaffelung, weil Schulz, Ramos, Ben- Hatira und Skjelbred viel auf einer Linie spielten und tendenziell im Zentrum positioniert waren. Da die Schalker das Zentrum jedoch extrem verdichteten und defensiv in einem flexiblen 4-3-3 / 4-5-1 System agierten, isolierten sie die Berliner Offensivabteilung von den spielaufbauenden Innenverteidigern und der Sechserposition.

Aus dieser Konstellation heraus entstanden häufig lang gespielte Bälle der Innenverteidiger Langkamp und Lustenberger, die im sogenannten Kampf um den zweiten Ball resultierten. Hier genoss Schalke aufgrund seiner physisch hervorragenden Mannschaft jedoch große Vorteile und so gelang es Hertha nur selten, die verdichtete Mittelfeldreihe der Gelsenkirchener erfolgreich zu überspielen.

Flexible Positionswechsel schlagen stringentes Spiel durch die Mitte

Herthas Problem bestand zudem darin, dass die Spieler in großen Teilen der Partie vermehrt den Weg durch das Zentrum suchten und sich mit schneller Direktkombination durch das Schalker Geflecht spielen wollten. Dieser Plan ging nicht auf. Vor allem in der Mittelfeldzentrale hatten die Schalker immer Überzahl in der Nähe des Balles.

Beim vorliegenden Beispiel lässt sich Ramos ins Mittelfeld fallen, um aktiv am Spielaufbau teilzunehmen und Lücken für seine Mitspieler zu reißen.

Schalke-Kapitän Höwedes schob allerdings jedes Mal aus der Innenverteidigung nach vorne und bearbeitete den Kolumbianer exzellent. Dieser schaffte es nie, sich aufzudrehen und das Spiel nach vorne fortzusetzen. So blieb oftmals nur der Rückpass zur Innenverteidigung, da auch die Achterpositionen durch die aufmerksamen Sechser der Schalker abgedeckt wurden – ein Angriff ohne Raumgewinn (Vgl. Abbildung 1).

Welche Möglichkeiten sich für das Berliner Offensivspiel aus dem aggressiven und risikoreichen Vorschieben der Schalker Innenverteidiger ergeben hätten, zeigt die folgenden Abbildung. Die Berliner hätten durch einen fluiden Positionswechsel den Schalker Defensivverbund auflösen können. In diesem Beispiel sehen wir einen klassischen Positionswechsel zwischen einem offensiven Achter und einer mitspielenden Neunerposition.

Dadurch das sich der Mittelstürmer flexibel zeigt, sich für den Spielaufbau fallen lässt und kurz kommt, entstehen im Rücken des vorschiebenen Innenverteidigers große Freiräume, die die Achterposition durch dynamische Tiefenläufe hätte nutzen können. Durch präzise gespielte Chip-Bälle der Innenverteidiger kann dieses taktische Stilmittel äußerst effektiv sein, um kompakte Abwehrverbunde aufzureißen. Herthas offensive Viererreihe rieb sich jedoch oft an den direkten Gegenspielern auf und verpasste die Gelegenheit, durch überraschende Wechselspiele die Schalker Abwehr vor noch größere Probleme zu stellen.

Spielverlagerungen und schnelles Flügelspiel – So knackt man ein Defensivbollwerk

Als zweite Lösungsmöglichkeit boten sich schnell gespielte Spielverlagerungen mit forciertem Flügelspiel an, um den Schalker Defensivriegel zu knacken. Da die Schalker im Defensivverbund extrem in Richtung des ballführenden Herthaners verschoben, um Überzahlsituationen herzustellen, ergaben sich für die Berliner offensiv durchaus Räume, die sie mit schnellen Verlagerungen hätten nutzen können.

Vor allem über die linke Seite mit  den dynamischen Schulz und van den Bergh gelang es den Berlinern, nach vorne zu kombinieren und Flankensituationen zu kreieren.

Diese schnellen Spielverlagerungen funktionierten jedoch nur, da alle für die Partie nominierten Mittelfeldspieler technisch versiert sind und das schnelle Spiel mit maximal zwei Kontakten beherrschen.

Durch die schnellen Verlagerungen konnten die Berliner auf den Flügeln eine 3gg2 Überzahlsituation herstellen, diese ausspielen und so oftmals gute Flankenbälle in das Zentrum spielen (Vgl. Abbildung 3). Das aus diesen Situationen nicht noch mehr Torgefahr entstand, war vor allem der kopfballstarken Schalker Innenverteidigung zu verdanken und der Tatsache, dass Hildebrandt einige Male klasse gegen Kopfbälle von Adrian Ramos parierte.

Am Ende des Tages steht Hertha nach einem guten Spiel mit einer Niederlage da, obwohl die Mannschaft über weite Strecken die Begegnung offensiv dominierte und vielversprechende Ansätze zeigte. Auch defensivtaktisch gelang es den Männern von Jos Luhukay, nur wenige Schalker Aktionen aus dem Spiel heraus zuzulassen – einzig die Verteidigung von Standardsituationen sollte in den nächsten Wochen auf der Agenda stehen.

Außerdem müssen die Berliner noch intensiver daran arbeiten, Lösungen gegen tiefstehende Gegner zu finden. Das Jos Luhukay die taktischen Varianten dafür im Repertoire hat, zeigen die vielversprechenden Ansätze, die in fast jedem Spiel zu beobachten sind – die Mannschaft hat bereits eine erfreuliche Entwicklung unter technisch-taktischen Gesichtspunkten genommen.

Es ist jedoch auch darauf hinzuweisen, dass es schon eine besondere Konstellation ist, wenn ein Champions-League-Teilnehmer mit Ambitionen auf die K.O.-Runde einem Aufsteiger derart die Spielkontrolle aufzwingt und ihm fast 60% Ballbesitz gewährt. Das ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass die Schalker vor allem defensiv sehr anfällig sind (22 Gegentore) und zuerst einmal auf Sicherheit bedacht waren. Andererseits spricht es auch für den großen Respekt, den die Berliner Mannschaft für ihre bisherigen Auftritte innerhalb der Liga genießt – ein Verdienst der gesamten Mannschaft und des Trainerteams.