Taktiktafel: Herthas flexible Defensive

(Seb) – Kurzes Update vom Trainingsplatz bevor ich an unseren Experten Stephan Berg mit seiner Taktiktafel übergebe: Heute morgen liefen die Spieler in verschiedenen Intervallen. Nicht spannend anzusehen, aber umso spannender fotografiert von @maria_berlin. Am Nachmittag kehrte Änis Ben-Hatira vom Doc am Chiemsee zurück. Der tunesische Nationalspieler trainierte nicht voll, sondern lief zum Schluss mit Co-Trainer Markus Gellhaus. Anschließend sagte er aber, dass er morgen wieder komplett ins Mannschaftstraining (nachmittags, 15.30 Uhr) einsteigen wird: „Ich bin fit für das Bayern-Spiel.“ Und jetzt Vorhang auf für die Taktiktafel!

Taktiktafel: Wie Hertha modern verteidigt

(Stephan Berg) – Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach lieferten sich im Topspiel des zehnten Bundesligaspieltags eine aus taktischen Gesichtspunkten extrem ansehnliche Partie. Die Mannschaften der Fußballlehrer Favre und Luhukay gaben allen Beobachtern Anschauungsunterricht in puncto flexibler, moderner Verteidigungsarbeit, mannschaftlicher Geschlossenheit, Konzentrationsfähigkeit und taktischer Disziplin.

Doch wie schaffte es Hertha, den Wirkungskreis der hervorragenden Gladbacher Offensivspieler Kruse, Raffael, Herrmann und Arango einzuschränken? In der heutigen Analyse soll das Augenmerk verstärkt auf Herthas defensivtaktische Ansätze gerichtet werden. Die Analyse behandelt dabei drei Schwerpunkte: Zustellen von Abstößen, Angriffspressing und flexible Verteidigung im 4-1-4-1 System.

Kobiashvili als Überraschung im Mittelfeld

Jos Luhukay überraschte bei seiner gewählten Formation und nominierte den Routinier Kobiashvili für die Startelf. Im Laufe der Partie erkannte man jedoch das große Plus an Spielintelligenz und Passsicherheit, die den Georgier auszeichnen und ihn so zu einem wichtigen Puzzleteil für die gewählte Strategie von Hertha-Trainer Luhukay werden ließen. Vor der gewohnten Viererkette der Berliner spielte der Japaner Hosogai den defensivsten Part im Mittelfeld. Er war überwiegend als alleiniger Sechser für die defensive Koordination verantwortlich und Verbindungsglied der zwei Viererketten. Kobiashvili und Skjelbred agierten zentral vor dem Japaner und bildeten im Verbund eine extrem aggressive und laufstarke Mittelfeldzentrale.

Während der Georgier überwiegend vertikale Unterstützung garantierte, war der Norweger überall auf dem Platz zu finden und ließ sich auch auf die Außenpositionen fallen. Herthas tunesische Flügelzange orientierte sich positionstaktisch an den zentralen Mittelfeldspielern und bildete so oft eine schwer zu bespielende Viererreihe. Da auch Herthas einzige Spitze Ramos konsequent defensiv mitarbeitete und weite Wege ging, waren die Berliner als Mannschaft in der Lage, einen sehr kompakten Verteidigungsblock zu bilden, der das Spielfeld auf einem Korridor von maximal 30 Metern extrem eng machte und für die Gladbacher mit Kurzpassspiel schwer zu bespielen war.

Hertha zwingt Gladbach zu langen Bällen

Besonders auffällig in der Anfangsphase der Partie war das häufige Zustellen bei Gladbacher Abstößen durch die Berliner. So sollte verhindert werden, dass die spielstarken Schützlinge von Lucien Favre das Spiel geordnet aufziehen konnten. Stattdessen mussten sie den Ball lang schlagen. Für die Umsetzung schob Skjelbred auf Höhe von Ramos. Hertha bildete so taktisch ein mannorientiertes 4-4-2 System.

Durch das hohe Stehen der beiden Stürmer wurde das direkte Zuspiel auf die Innenverteidiger der Gladbacher unterbunden (Vgl. Abbildung). Hosogai und Kobiashvili orientierten sich an den Gladbacher Sechsern Xhaka und Kramer, nahmen diese damit ebenfalls als Anspielstation aus dem Spiel. Da die Gladbacher vor allem in der ersten Halbzeit noch sehr kontrolliert agierten und das Risiko von einfachen Ballverlusten minimieren wollten, spielten sie die Abstöße risikolos hoch nach vorne. Gegen die kopfball- und zweikampfstarke Verteidigung der Berliner gelang es ihnen jedoch selten, Bälle im vorderen Spielfelddrittel festzumachen und sie verloren viele Bälle.

Offensivpressing und flexibles Verteidigen im 4-1-4-1 System

Neben dem Zustellen von gegnerischen Abstößen überzeugte die Mannschaft von Trainer Luhukay auch im Angriffspressing. Wie bereits in vielen Spielen dieser Saison zu beobachten, perfektioniert die Mannschaft das Anlaufen der gegnerischen Innenverteidiger weiter und forciert damit das Schlagen von langen, unkontrollierten Bällen. Ramos lief dabei den ballführenden Innenverteidiger seitlich aggressiv an und setzt ihn damit einem hohen Handlungsdruck aus. Hosogai schob gleichzeitig nach vorne und deckte Xhaka mannorientiert, nahm ihn damit als mögliche Anspieloption aus dem Spiel.

Da das gesamte Gladbacher Mittelfeld durch die aufgerückten Berliner ausgeschaltet wurde, blieb Stranzl und Brouwers oftmals nur der lang geschlagene Ball nach vorne. Gegen die Fohlenelf erwies sich diese Maßnahme als äußerst effektiv. Durch das hohe Anlaufen wurde meist schon der von Gladbach favorisierte ruhige Spielaufbau über die Sechserpositionen entscheidend gestört. Weder Xhaka noch Kramer konnten direkt angespielt werden, da sie sich positionstaktisch zu starr bewegten und es den Berliner damit leicht machten, sie zu verteidigen.

Da die Innenverteidigung der Borussen nicht zu den spielstärksten der Liga gehört, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Mittelfeldreihe zu überspielen und direkte Anspiele auf die Stürmer zu forcieren. Die Berliner Innenverteidigung um Langkamp und Lustenberger agierte dabei jedoch sehr intelligent und konnte gegen die rochierenden Raffael und Kruse viele direkte Zweikämpfe für sich entscheiden.

Tiefes Verteidigen schafft Überzahl im Mittelfeld

Neben dem Zustellen von Abstößen und dem stark gespielten Offensivspressing komplettierte das von Hertha praktizierte etwas tiefere Verteidigen im 4-1-4-1 System das extrem variable Berliner Defensivkonzept. Es war deutlich zu erkennen, dass das Mittelfeld der Berliner den Auftrag bekam, das Zentrum im gesamten Spiel zu kontrollieren und dort Überzahlsituationen herzustellen. So konnten die Gladbacher Sechserpositionen permanent mannorientiert verteidigt werden und bekamen keinen Zugriff auf das Offensivspiel.

Den Berlinern gelang es damit, Xhaka, den strategisch veranlagten Schweizer, dessen Spielverlagerungen für jede Mannschaft extrem gefährlich sein können, fast komplett aus dem Spiel zu nehmen. Luhukay reagierte mit der Überzahlbesetzung im Zentrum (Vgl. Abbildung 3gg2) auf das von Gladbach favorisierte Kurzpassspiel durch die Mitte. Durch die gute Raumaufteilung im 4-1-4-1 System gelang es den Berlinern, die Gladbacher Offensivabteilung vom Rest der Mannschaft abzutrennen und zu isolieren.

Lustenberger und Langkamp machen den Unterschied

Der Fohlenelf gelang es nur selten, Zuspiele zwischen die Linien der beiden Berliner Viererreihen zu platzieren und damit offensiv gefährlich zu werden. Während des gesamten Spiels verschoben die einzelnen Berliner Mannschaftsteile sehr diszipliniert. Auch die Rolle von Lustenberger und Langkamp sollte Erwähnung finden. Gegen die rochierenden Gladbacher Angreifer Raffael und Kruse fanden sie die ideale Mischung aus effektivem Vortreten aus der Viererkette, um das direkte Anspiel zu verhindern und permanent Druck auszuüben, und dem Übergeben des direkten Gegenspielers an die Sechserposition. Ohne das Antizipationsvermögen und die Handlungsschnelligkeit von Lustenberger und Langkamp wäre die Umsetzung dieser Verteidigungsphilosophie nicht möglich gewesen.

Das Zustellen von gegnerischen Abstößen und das Ausführen eines Offensivpressings sind mit einem großen Risiko verbunden, erfordern ein enormes Maß an taktischer Disziplin und Konzentrationsfähigkeit. Da der gesamte Verteidigungsverbund extrem nach vorne schiebt, entstehen automatisch große Räume im Rücken der Abwehr. Hertha ging damit ein Risiko ein, das sich auszahlte. Der gesamten Berliner Mannschaft gelang es, diese anspruchsvollen taktischen Aufgaben über 90 Minuten hervorragend als Kollektiv zu lösen und gegen eine der besten Angriffsreihen der Bundesliga ein „zu Null-Spiel“ zu absolvieren.

Luhukays Handschrift: Hertha ist schwer ausrechenbar

Ein großes Kompliment gilt dem Hertha Coach Jos Luhukay, der es geschafft hat, seiner Mannschaft eine defensive Identität zu vermitteln. Hertha beherrscht neben dem Angriffspressing auch situativ flexibles Verteidigen im 4-4-2 bzw. 4-1-4-1 System und ist somit extrem schwer zu bespielen. Der Lohn für die akribische Arbeit des Holländers: Hertha hat die drittwenigsten Gegentore in der Bundesliga aufzuweisen und steht somit verdient auf dem vierten Tabellenplatz.