Immerhertha-Taktiktafel: Vielversprechende Neulinge im eigentlich perfekten Heimspiel

(lov) – So, nach dem kleinen Union-Exkurs gestern gibt es endlich, endlich wieder Hertha BSC bei Immer Hertha. Obwohl: Andere Themen wären da. Heute ist der internationale Tag zum Erhalt der Ozonschicht… doch wir wollen nicht wieder abschweifen.

Die Spieler hatten trainingsfrei. Ein bisschen Input gab es auf der offiziellen Webseite der Blau-Weißen. Die Betonung liegt auf „ein bisschen“, denn Tolga Cigerci beantwortete die „knackigen“ Fragen in der Rubrik „11 Fragen an…“ tatsächlich so kurz, dass es knackte:

Worauf kannst du nicht verzichten? Auf Fußball.

Den Rest hier.

Etwas profunder wird es heute in der Immerhertha-Taktiktafel zum 5. Spieltag. Unser Prof. Fußb. Stephan Berg (24) hat Herthas 0:1 gegen Stuttgart bis ins kleinste Detail durchleuchtet. Beide Daumen hoch!

Eigentlich ein perfektes Heimspiel

von Stephan Berg

Hertha-Trainer Jos Luhukay ließ seine Mannschaft im gewohnten 4-2-3-1 System agieren. Interessant zu beobachten war die Rollenverteilung der neu formierten Doppelsechs. Hosogai agierte diesmal zurückgezogen als Absicherung und Bindeglied zur Viererkette. Tolga Cigerci übernahm dafür die vertikale, schematisch höhere Position als offensiver Part der Doppelsechs.

Cigercis körperliche Präsenz, seine Laufstärke und technischen Fähigkeiten prädestinieren ihn für diese dynamische Rolle im Mittelfeld. Der spielintelligente Norweger Skjelbred übernahm die Position des rechten Mittelfeldspielers und fügte sich nahtlos in das Berliner Spielsystem ein. Er tauschte oftmals mit seinem linken Flügelkollegen Ben-Hatira die Seiten, um für dynamisches und variables Flügelspiel zu sorgen.

Die offensiv vorderste Linie bildeten Ramos und Ronny – der Brasilianer agierte dabei als klassischer Ballverteiler, der Kolumbianer als mitspielender, variabel agierender Stürmer. Defensiv organisierten sich die Berliner im 4-4-2 System und liefen mit Ramos und Ronny die ballführende Innenverteidigung der Stuttgarter immer wieder aggressiv an und zwangen sie zu langen, unkontrollierten Bällen im Spielaufbau.

Hertha dominiert Zweikämpfe und Positionsspiel

Trotz des 6:2 gegen Hoffenheim verordnete der neue Stuttgart-Coach Thomas Schneider seinem Team erst einmal eine kompakte Grundordnung und überließ den Berlinern den Ball. Ziel des Mittelfeldpressings der Schwaben war es, den Spielaufbau der Berliner nach außen zu lenken, um dann auf Höhe der Mittellinie zwei Viererketten vorzuschieben, um den ballführenden Herthaner aggressiv zu stellen. Doch in weiten Teilen der ersten Hälfte hatten die Schwaben große Probleme bei der Umsetzung der Strategie.

Die Berliner hingegen schienen immer mehr Gefallen an der Rolle der Mannschaft zu finden, die Tempo und Spielgeschehen diktiert. Durch die starke Beteiligung der Außenverteidiger im Offensivspiel gelang es ihnen, immer wieder Überzahlsituationen auf den Flügeln zu kreieren und so den Deckungsverbund der Schwaben aufzureißen. Mit Skjelbred hat man im Vergleich zum bisher nominierten Tunesier Allagui einen gelernten, taktisch hervorragenden rechten Mittelfeldspieler, der sich im Spiel ohne Ball exzellent bewegt und so immer wieder anspielbar ist.

Durch die spielstarke Besetzung der Innenverteidigung mit Lustenberger und Brooks gelang es den Berlinern immer wieder, das Spiel gut mit schnellen und präzisen Bällen zu eröffnen und sich temporeich bis an den gegnerischen Strafraum zu kombinieren. Aus dem schnellen Flügelspiel resultieren erste Chancen. Hertha präsentierte sich in den ersten 30 Minuten sehr ball- und passsicher, zeigte ansprechende Kombinationen und ließ defensiv kaum einen Torschuss der Schwaben zu – fast 75% Ballbesitz und 66% gewonnene Zweikämpfe sprechen eine eindeutige Sprache.

Stuttgart effizient – Hertha scheitert an Ulreich

Hertha konnte aus der drückenden Überlegenheit in der ersten Halbzeit allerdings kein Kapital schlagen. Nach Wiederanpfiff nutzen die Schwaben ihre zweite Ecke zur Führung. Wie bei Ibisevics Großchance kurz vor der Halbzeit verschätzte sich Kapitän Lustenberger und Gentner nickte ein. Der Spielverlauf aus Hertha-Sicht war wie schon in Wolfsburg auf den Kopf gestellt.

Die Berliner ließen sich jedoch vom Rückstand dieses Mal nicht aus dem Konzept bringen und reagierten stark. Die ohnehin guten Ansätze im Flügelspiel der ersten Halbzeit wurden weiter intensiviert. Ramos wich vermehrt auf die Halbpositionen aus und fungierte als Anspielstation für die Mittelfeldzentrale der Berliner. Durch die ständigen Rochaden des Kolumbianers gelang es den Berlinern, die Flügel zu überladen und immer wieder Überzahlsituationen herzustellen.

Auch die Sechserpositionen intensivierten ihre Vertikalläufe und so kamen Hosogai und Cigerci immer wieder in Strafraumnähe zum Abschluss oder schalteten sich ins offensive Kombinationsspiel ein. In der Schlussviertelstunde wechselte Luhukay mit Schulz und Wagner zwei neue Offensivkräfte ein und stellte sein System auf 4-4-2 um. Ronny schleppte die Bälle ab sofort von der Sechserposition aus nach vorne und bediente die offensive Viererreihe um Wagner, Ramos, Schulz und den später eingewechselten Allagui.

Fazit

19:8 Torschüsse, 55% Ballbesitz, 60% gewonnene Zweikämpfe – Endergebnis 0:1. Wenn es eines Beispiels bedarf, dass Fußball nicht immer gerecht und logisch ist, dient dieses Spiel als Anschauungsmaterial. Hertha betrieb in seiner Spielanlage einen unglaublichen Aufwand, presste und störte die Stuttgarter früh, spielte offensiv variabel über die Flügel, zeigte ansprechende Kombinationen, diktiere Ball- und Spieltempo, erspielte sich Chance um Chance und verstand es dabei trotzdem, die Stuttgarter Offensiv nicht zur Entfaltung kommen zu lassen – ein eigentlich perfektes Heimspiel.

Doch Hertha verliert das zweite Spiel in Folge. Grund zur Sorge sollte dies allerdings nicht sein. Denn wie schon in Wolfsburg überzeugten die Berliner auch gegen Stuttgart mit einer sehr guten Spielanlage, dominierten über weite Strecken das Spielgeschehen und scheiterten im Endeffekt an ihrer mangelnden Chancenverwertung, einem überragenden Torwart und individualtaktischen Aussetzern (Zuordnung bei Standards).

Fazit II – Skjelbred und Cigerci

Durch den Einsatz des gelernten Stürmers Skjelbred für Sami Allagui fiel sofort das verbessere Positionsspiel auf. Der 26-jährige Norweger besitzt eine hohe Spielintelligenz, ein sauberes Passspiel und bewegt sich auch gut ohne Ball. Es gelang ihm, immer wieder zusammen mit den aufgerückten Außenverteidigern zu kombinieren und so Torchancen einzuleiten. Dass er offensiv nicht der torgefährlichste ist, zeigte er bei seiner vergebenen Chance zum möglichen Ausgleich. Skjelbred kann im System von Luhukay mit seiner Spielintelligenz, Laufstärke und sicherem Passspiel ein wichtiger Verbindungs- und Unterstützungsspieler für verschiedene Systeme und Spielsituationen werden.

Cigerci besticht durch seine körperliche Präsenz, technische Stärke und Dynamik. Diese Voraussetzungen machen ihn zu einem prädestinierten Box-to-Box Spieler mit großem Aktionsradius und Einfluss auf das offensive und defensive Spiel der eigenen Mannschaft. Mit 21 Jahren ist er noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung. Es fehlen ihm manchmal die nötige Ruhe und Souveränität am Ball und die Übersicht für das Auflösen von Spielsituationen. Oftmals hält er den Ball zu lang und verpasst den Zeitpunkt für das Abspiel.

Was sagt der Manager?

Wir haben heute mit Michael Preetz gesprochen. Zur Leistung der beiden Zugänge sagte er:

Beide haben ein prima Spiel gemacht. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie erst kurz bei uns sind. Beide haben gezeigt, dass sie die Handlungsoption für unseren Trainer im Mittelfeld vergrößern.

Das komplette Interview über Herthas mangelnde Chancenverwertung, Ronny und den Druck, in Freiburg gewinnen zu müssen, lest ihr morgen in der Morgenpost!