Immerhertha-Taktiktafel: Reife Spielanlage gegen die Meister der Standards

(lov) – Es kommt ja eher selten vor, dass zwei Trainer nach einem Spiel zwei gänzlich unterschiedliche Ansichten präsentieren. Bei Michael Wiesinger und Jos Luhukay war das gestern der Fall. „Nicht nachvollziehen“ konnte der Nürnberger Trainer die Meinung des Kollegen aus Berlin, der Club-Ausgleich zum 2:2 sei insgesamt schmeichelhaft gewesen.

Luhukay blieb auch heute bei seiner Sicht der Dinge, gerade, was die Berliner Dominanz in der zweiten Halbzeit betraf. Die Meinung des Kollegen Wiesinger sei natürlich völlig „legitim“.

Selbstverständlich blicken auch Bundesliga-Trainer ein bisschen durch die Vereinsbrille. Was könnte also den verdienten Sieger besser ermitteln als eine treffende Analyse?

Zum Glück gibt es seit dieser Saison die Immerhertha-Taktiktafel. Unser Experte Stephan Berg (24) hat sich auch zu Herthas erstem Auswärtsspiel seine Gedanken gemacht. Wenn ihr den gesamten Text inklusive Fazit lest, seid ihr ein bisschen schlauer ob der Frage, wer denn nun der verdiente Sieger gewesen wäre.

Hertha trennt sich nach intensivem Spiel 2:2 vom 1. FC Nürnberg

Nach dem überraschend deutlichen Auftaktsieg gegen Eintracht Frankfurt musste Hertha BSC am zweiten Spieltag auswärts beim Club aus Nürnberg antreten. In einem intensiven Bundesligaspiel trennten sich beide Mannschaften am Ende 2:2 Unentschieden.

Von Stephan Berg

Luhukay u

nd Wiesinger müssen verletzungsbedingt rotieren

Im Vergleich zum ersten Spieltag musste JosLuhukay beide Außenverteidiger in seinem 4-2-3-1 System verletzungsbedingt ersetzen. Peter Pekarik und Fabian Holland bekamen so ihre Chance in der Startelf. Herthas Trainer entschied sich außerdem dafür, John Brooks nach dessen Länderspieldebüt für die USA zunächst auf der Bank zu lassen. Stattdessen startete Christoph Janker neben Sebastian Langkamp in der Innenverteidigung. Ein Austausch der fast kompletten Viererkette ist immer mit dem großen Risiko mangelnder Abstimmung verbunden. Doch bis auf individualtaktische Fehler (Verursachen von unnötigen Freistößen in Strafraumnähe) agierte der Defensivverbund von Hertha – über 90 Minuten gesehen – solide und erlaubte den Nürnbergern nur wenige Chancen aus dem Spiel heraus. Die Offensivabteilung der Berliner blieb gegenüber dem Schützenfest gegen Frankfurt unverändert.

Auch Michael Wiesinger hatte mit Verletzungssorgen zu kämpfen und musste einige positionsgebundene Wechsel in seinem 4-1-4-1 System vornehmen. Für Per Nilsson rückte Berkay Dabanli neben Emanuel Pogatetz in die Innenverteidigung. Die Außenverteidigung bildete – wie schon im ersten Saisonspiel – Markus Feulner auf rechts und Javier Pinola auf links. Neben dem erfahrenen Hanno Balitsch spielte das erst 18-jährige Eigengewächs Niklas Stark im zentral-defensiven Mittelfeld. Die zweite verletzungsbedingte Änderung gab es im offensiven Mittelfeld. Der neu vom FC Zürich verpflichtete Josip Drmic ersetzte Timo Gebhardt. Die Offensivabteilung der Nürnberger komplettierte neben dem kreativen Hiroshi Kiyotake und dem schnellen Robert Mak Stürmer Daniel Ginczek.

Nürnberg überlässt Hertha den Ball und setzt auf Standards und schnelles Umschalten

Da der Club aus Nürnberg mit seiner schnellen Offensivreihe Drmic, Mak und Kiyotake ebenso wie Hertha als Kontermannschaft auf Ballgewinne im Mittelfeld mit schnellem Umschaltspiel von Defensive auf Offensive ausgerichtet ist, stellte man sich vor dem Spiel die Frage: Wer wird hier die Spielkontrolle an sich reißen? Wohl wissend um die Konterstärke der Hertha und der sechs erzielten Tore gegen Frankfurt entschied sich das Team von Michael Wiesinger dafür, zunächst die Spielkontrolle an die Hertha abzugeben. In den ersten 20 Minuten hatte Hertha einen Ballbesitzanteil von fast 65 Prozent. Gerade in den ersten Minuten schien Hertha überrascht von der passiven Spielanlage der Nürnberger und konnte mit dem vielen Ballbesitz nichts Zählbares anfangen. Daraus resultierten zahlreiche Passpassagen über Lustenberger, Hosogai und den Spielern der Viererabwehrkette ohne offensiven Raumgewinn.

Der Plan von Michael Wiesinger war es, durch sein kompaktes Zentrum im 4-1-4-1 System Umschaltsituationen nach Ballverlusten der Berliner zu forcieren und Hertha zum kontrollierten Spielaufbau zu zwingen, um sie damit ihrer eigenen Stärke, dem schnellen offensiven Umschaltspiel, zu berauben. Durch das tiefe und kompakte Stehen seiner Mannschaft verhinderte Michael Wiesinger außerdem, dass die Viererkette in Laufduelle mit der Offensivabteilung von Hertha gezwungen wurde. Hier hätten die Berliner mit Ramos, Allagui und Ben-Hatira deutliche Geschwindigkeitsvorteile gegenüber der gesamten Abwehrkette der Nürnberger gehabt und wären zwingend zu Chancen gekommen.

Hertha gelang es aus eigenem Ballbesitz gegen kompakte Nürnberger nur Halbchancen zu kreieren. Das Spielermaterial ist einfach nicht darauf ausgelegt, Gegner ballbesitzorientiert im Positionsspiel zu dominieren. Offensiv auffälligster Mann der Berliner war dabei in der ersten Halbzeit Änis Ben-Hatira, der die zwei besten Chancen vergab. Da sich die Berliner aufgrund ihrer risikoarmen Spielanlage kaum einfache Ballverluste leisteten, kam Nürnberg nie zwingend in gefährliche Umschaltsituationen. Das Team von Jos Luhukay blieb so defensiv ohne große Schwierigkeiten. Nürnberg schob nach rund 25 Minuten den gesamten Mannschaftsverbund weiter nach vorne und gestaltete das Spiel ausgeglichener.

Die Berliner leisteten sich im Anschluss einige überflüssige Foulspiele in Strafraumnähe. Die Nürnberger, die bei Standards traditionsgemäß gefährlich sind, trafen im Anschluss an einen Freistoß den Pfosten und hatten die bis dahin größte Chance im Spiel. Nach einem verlorenen Zweikampf vom aus der Abwehrkette rausgerückten Christoph Janker und Sechser Fabian Lustenberger gegen Daniel Ginczek gelang es den Nürnbergern zum ersten Mal, schnell umzuschalten und in den Rücken der Berliner Abwehr zu spielen – Neuzugang Josip Drmic vollendete den Angriff zur Nürnberger Halbzeitführung.

Herthas Systemflexibilität – Luhukay bringt die Doppel „10“

Wer dachte, dass der Rückstand die Mannschaft von Jos Luhukay verunsichern würde, täuschte sich. Zu Beginn der zweiten Halbzeit schob der Trainer der Berliner seine Mannschaft deutlich nach vorne. Ähnlich wie im Heimspiel gegen Frankfurt unterstützte Hajiime Hosogai die Offensivabteilung nun wesentlich aktiver als Pressing- und Umschaltspieler. Nach einem Einwurf gelang es Sami Allagui, den Nürnberger Innenverteidiger Berkay Dabanli zielgerichtet anzuschießen und den schnellen Ausgleichstreffer zu erzielen. Im Anschluss wurde die Brust der Hertha immer breiter und man kam nach klasse Umschaltsituation über Allagui und Baumjohann zu einer weiteren hochkarätigen Torchance, die Schäfer im Tor der Nürnberger gekonnt parierte.

Jos Luhukay wollte nun mit aller Macht den Sieg einfahren und wechselte mit Wagner und Ronny für Allagui und Janker zwei Offensivkräfte ein. Die Wechsel hatten eine Systemumstellung im Hertha-Spiel zur Folge. Kapitän Lustenberger rückte in die Innenverteidigung und Hosogai übernahm die Rolle als alleiniger Sechser vor der Abwehr. Offensiv bildeten Ronny und Alex Baumjohann die, schon in der Vorbereitung oftmals getestete, kreative Doppel „10“. Sie wurden flankiert von Ben-Hatira und Ramos. Sandro Wagner fungierte als Zielspieler in vorderster Front und hatte die Aufgabe, Bälle fest zu machen. Mit ihrem spielstarken 4-1-4-1-System gelang es den Berlinern, sich durch das kompakte Nürnberger Mittelfeld zu kombinieren und die Spielkontrolle an sich zu reißen.

Das Passspiel war nun deutlich flüssiger und zielgerichteter als in der ersten Halbzeit. Durch das schnelle Direktspiel kreierte Hertha immer wieder Offensivaktionen im Zentrum. Alex Baumjohann gelang es dadurch, im Anschluss in den Strafraum einzudringen und einen Elfmeter zu provozieren, den Ronny eiskalt zur Berliner Führung verwandelte (76.Minute). Die Nürnberger taten sich schwer mit der Ballsicherheit der Berliner im Mittelfeld und konnten offensiv für keine Entlastung mehr sorgen.

In der Schlussphase warfen die Nürbberger alles nach vorne und operierten überwiegend mit langen Bällen. Jos Luhukay reagierte abermals und stellte seine Mannschaft wieder auf das 4-2-3-1 System um. Er brachte mit John Brooks für Alexander Baumjohann einen kopfballstarken Innenverteidiger, der die hohen Zuspiele auf Daniel Ginczek unterbinden sollte und schob Fabian Lustenberger wieder auf die Doppelsechs neben Hajime Hosogai, um defensiv im Zentrum kompakt zu stehen. Mit Sandro Wagner, Adrian Ramos, Sebastian Langkamp und John Brooks hatte er nun außerdem genügend defensive Kopfballpower, um die starken Standards der Nürnberger effektiv zu verteidigen. Den Franken gelang kurz vor Ende allerdings doch der 2:2 Ausgleichstreffer. Nach einem fragwürdigen Foulpfiff schnappte sich der Nürnberger Standardspezialist Hiroshi Kiyotake den Ball und zirkelte den Freistoß gekonnt ins Netz.

Fazit

In einem intensiv geführten Bundesligaspiel mussten sich die Berliner im Endeffekt eigentlich über zwei verlorene Punkte ärgern. Nach einer ausgeglichenen ersten Halbzeit, in der Hertha viel Ballbesitzpassagen hatte, ohne sich dabei jedoch hochkarätige Torchancen zu erspielen und Nürnberg nur selten zu eigenen Umschaltsituationen kam und meist nur über Standards gefährlich wurde, übernahmen die Berliner nach der Systemumstellung von Jos Luhukay in der zweiten Halbzeit offensiv die Spielkontrolle und hätten den Sieg durchaus verdient gehabt. Sie zeigten besonders nach der Einwechslung von Ronny ansehnliche Kombinationen im Offensivspiel, ohne dabei die defensive Stabilität zu vernachlässigen und Chancen zuzulassen. Der Aufsteiger punktete mit der reiferen Spielanlage und kann trotz des späten Ausgleichstreffers optimistisch in das kommende Heimspiel gegen den Hamburger SV blicken.