Hertha und der "Holzdeppe-Effekt"

(mey) – Ich stand heute Morgen um 10 Uhr auf dem Schenckendorffplatz und ließ meine Gedanken schweifen. Auf dem vom Morgentau durchnässten Rasen gingen die Hertha-Profis ihrem Beruf nach. Ein bisschen Gymnastik zum Auflockern. Ein paar Ballübungen. Nichts Besonderes. Als Jos Luhukay aber seine ihm anvertrauten Akteure zur Spielform bat, wich meine Müdigkeit. Verglichen mit den oft holprigen und manches Mal tempoarmen Trainingsspielchen der vergangenen Zweitligasaison wirken die aktuellen Einheiten deutlich straffer, die Zuspiele genauer und die Zweikämpfe härter geführt.

Da rasselten Marcel Ndjeng und Fabian Holland beherzt bei dem Versuch zusammen, einen Ball an der Außenlinie zu erobern (Beweisfoto: ub). Da klappte plötzlich ein schöner Doppelpass zwischen Adrian Ramos und Levan Kobiashvili, der zum 1:0 für „Blau“ führte. Und da kam auch die Flanke von Christoph Janker butterweich in den Strafraum gesegelt, wo wiederum Ramos derart sicher vollstreckte, dass sein alter Kumpel Ronny im gegnerischen Team entnervt abdrehte und „Mama mia“ in den Berliner Himmel seufzte.

Gut, verbuchen wir das mal als Nachwirkung vom vergangenen Sonnabend. Der furiose Auftritt der Herthaner gegen Frankfurt lässt sie auch beim Verrichten der alltäglichen Trainingsarbeit irgendwie größer wirken. Die Tabellenführung schimmert eben durch. Erfolg macht sexy, ist ja klar.

Zwei Geläuterte

So geht es, wenn ihr Gespräche mit Probanden in meinem Umfeld als repräsentative Umfrage gelten lasst, den allermeisten Beobachtern. Wenn man so will, erlebt Hertha gerade den „Holzdeppe-Effekt“. Wie beim neuen deutschen Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe hatte keiner wirklich mit einer so außerordentlichen Leistung gerechnet. Als sie dann auf der Anzeigetafel stand (6:1 und Tabellenplatz eins, bzw. 5,89 Meter und WM-Gold in Moskau) reagierte das oberflächlicher informierte Publikum verdutzt: „Holz…wer?“ „Was? Die Hertha auf Platz eins? Die olle Hertha ausm Fahrstuhl?“

Und ebenso wie beim Goldjungen von Moskau haben sich in den vergangenen Tagen die Fachblätter (wir sowieso) auf die Suche nach den Gründen dafür begeben, wie aus dem Chaosklub von gestern ein fulminant aufspielender Überraschungstabellenführer werden konnte. Beim Holzdeppe ist man darauf gekommen, dass der einstige Partylöwe nun eben begriffen habe, dass es vielleicht nicht so zuträglich ist, dreimal die Woche feiern zu gehen, wenn man sportlichen Erfolg haben will. Bei Hertha war die Antwort schneller gefunden: Jos Luhukay. Der kleiner General aus Venlo habe das vormals zur Selbstüberschätzung neigende Berlin eben umgekrempelt. Als Geläuterte stehen beide da: Holzdeppe und Hertha.

Kluge will sich reinbeißen

Wir von immerhertha machen uns von derlei verfrühten Lobeshymnen natürlich frei und schauen mal auf die Kehrseite des Erfolgs. Wir hatten heute die Gelegenheit, mit Peer Kluge zu sprechen. Der 32-Jährige stand ja gegen Frankfurt überraschend nicht in der Startelf und dürfte auch nach dem starken Auftritt von Hajime Hosogai gegen Nürnberg am Sonntag zunächst auf der Bank Platz nehmen.

Auf die Frage, wie er die Entscheidung des Trainers aufgenommen habe, sagte Kluge:

„Ein bisschen überrascht war ich schon. Enttäuscht aber nicht. Für mich hat sich nichts geändert, und ich werde genauso weitermachen wie vorher auch.“

Kluge hat also nicht vor, sich über seine Reservistenrolle zu beschweren. Käme derzeit auch nicht so gut an bei den Verantwortlichen. Vielmehr will der Mittelfeldmann die neue Situation als Ergänzungsspieler annehmen und sich zurück ins Team kämpfen. So in etwa dürfte sich das Manager Michael Preetz auch vorgestellt haben, als er vor der Saison von einem erhöhten Konkurrenzkampf durch die Zugänge sprach, der das Team beleben werde.

Frage an euch: Glaubt ihr, dass Peer Kluge bald wieder in der Startelf der Berliner stehen wird? Oder wird sich Luhukay, sofern sich niemand verletzt, vorerst auf das 6:1-Team vom Sonnabend festlegen und Kluge damit bis auf Weiteres auf die Bank beordern?

Am Sonntag wird es für Kluge übrigens ein Wiedersehen geben. Von 2007-09 spielte er beim Club. Eine besondere Partie werde es für ihn deshalb aber nicht:

„Das ist ein Spiel für mich wie jedes andere auch. Dass ich bei Nürnberg gespielt habe, ist sehr lange her, und die Mannschaft hat sich seitdem auch stark verändert.“

Morgen trainieren die Herthaner ein letztes Mal vor dem 2. Spieltag öffentlich. Um 15.30 Uhr bitte Luhukay seine Tabellenführer auf den Schenckendorffplatz.

UPDATE: Beim Nachmittagstraining fehlten heute Marcel Ndjeng und Johannes van den Bergh. Beide wurden wegen leichter Blessuren geschont und sollten morgen wieder auf dem Feld stehen.