Die Dauerkarte als Euphorie-Barometer

(Seb) – In der Bundesliga ist noch kein Pfiff ertönt und wurde auch noch kein Tor geschossen. Trainer Jos Luhukay hat noch ein paar Tage Zeit, um mit einer ersten Aufstellung Farbe zu bekennen. In den Diskussionen auch hier im Blog geht es deshalb vor allem um eine Zahl, die Menge der verkauften Dauerkarten. Der traditionelle Euphorie-Index der Bundesliga vor dem Saisonstart. Die spannende Frage lautet also: Lässt sich daraus ein Zuschaueransturm oder Depression bei Hertha ableiten?

Zunächst der Fakt: Hertha hat Stand 10.40 Uhr heute 18.450 Saisontickets verkauft (Quelle: @ubremer). Nun gibt es dafür verschiedene Einordnungsmöglichkeiten. Die beliebteste ist dabei die Auflistung im ligaweiten Vergleich. Schauen wir uns also eine Tabelle an, die vor ein paar Tagen durch die Medien ging.

Verein Dauerkarten 2013/2014
Borussia Dortmund 55 000 (Verkauf gestoppt)
FC Schalke 04 43 935 (gestoppt)
FC Bayern München 39 500 (gestoppt)
Borussia Mönchengladbach 30 000 (gestoppt)
Hamburger SV 30 000 (gestoppt)
VfB Stuttgart 27 500
1. FC Nürnberg 26 500
Eintracht Frankfurt 26 000 (gestoppt)
Werder Bremen 25 000 (gestoppt)
Hannover 96 24 500
FSV Mainz 05 20 000
VfL Wolfsburg 19 500
Bayer Leverkusen 18 300
Hertha BSC 18 200
FC Augsburg 17 000
Eintracht Braunschweig 15 000 (gestoppt)
SC Freiburg 14 800
1899 Hoffenheim 14 045 (gestoppt)

Die Stadiongröße beeinflusst Nachfrage nach Dauerkarten

Die beliebte Schlussfolgerung aus diesem Rang 14 lautet: Bei Hertha hält sich die Euphorie in Grenzen. Um darauf zu kommen, muss man aber ein paar Fakten beiseite lassen und einfach daran glauben, dass die dort abgebildete Ziffer die Euphorie einfängt. Die muss also bei Freiburg trotz überragender Saison und der Teilnahme am Europapokal niedriger sein als bei Aufsteiger Hertha oder den von der letzten Spielzeit eigentlich noch maßlos enttäuschten Bremern.

Um diese Tabelle zu verstehen, hilft es, sich das Fassungsvermögen der einzelnen Stadien anzusehen. Freiburg kann schlicht nicht so viele Tickets veräußern wie Hertha, denn in die Arena im Breisgau passen insgesamt nur 24.000 Fans. Ähnliches gilt für Leverkusen (30.210 Plätze). Trotzdem sind die Dauerkartenzahlen in Dortmund, München oder auch Hamburg von Hertha weit entfernt. Das hat nur zum Teil mit sportlichen Erfolg zu tun. Denn ginge es allein danach, müsste es beim HSV eher mau aussehen.

Den Manager interessiert vor allem die Zahl aller Zuschauer

Der Aspekt ist vor allem die Verknappung von Karten und der damit verbundene Effekt, verstärkt auf Dauerkarten zu setzen. Wenn ich mir als Anhänger nicht sicher bin, eine Karte an der Tageskasse zu bekommen, hole ich sie mir eben vorher. Die sicherste Variante ist dann die Dauerkarte. Auf diesen Effekt kann Hertha aufgrund der Größe des Olympiastadions (74.244) wohl kaum setzen. Nur Dortmunds Arena (80.645) ist in der Bundesliga größer. Auch ein Grund, warum die Berliner auch in der Tabelle der Stadionauslastung weit hinten stehen werden, selbst wenn sie deutlich mehr Zuschauer haben als viele andere Klubs.

Manager Michael Preetz schaut deshalb vor allem auf eine andere Zahl:

Wir haben über 18.000 Dauerkarten verkauft, wir sind sehr zufrieden. Bis zum Start erreichen wir wahrscheinlich eine neue Bestmarke. Aber in Berlin wird die sich nicht im Bereich von 40.000 Dauerkarten bewegen. Ich erwarte, dass wir in der gesamten Saison auf einen Zuschauerschnitt von über 50.000 Zuschauern kommen. Die Zahl wird sich dann sehen lassen können. Am Ende ist es aussagekräftiger, wie viel Zuschauer tatsächlich im Stadion waren als die Frage, wer vor Saisonbeginn wie viel Dauerkarten abgesetzt hat.

Die genannten 50.000 Zuschauer wären eine Auslastung des Olympiastadions von etwas mehr als 67 Prozent. Das hätte in der vergangenen Saison das Schlusslicht in der Bundesliga bedeutet. Aber gleichzeitig mindestens Rang 6 in der Liste der absoluten Zuschauer. Über Euphorie kann ich also im Vergleich der Dauerkarten mit dem Rest der Liga nicht viel lesen. Da geht es vor allem darum, wie viele Anhänger tatsächlich ins Stadion finden.

Hertha hat mehrere Dauerkartenrekorde

Weil wir aber diese schön Zahl der verkauften Dauerkarten nun einmal haben, können wir schauen, ob sich bei Hertha nicht doch eine bestimmte Entwicklung ablesen lässt. Wo stehen die 18.450 bis jetzt verkauften Saisontickets in der Klubhistorie. Der Kollege @ubremer hat das bereits sehr genau aufgeschlüsselt:

Die beiden Topzahlen verkaufter Dauerkarten bei Hertha: 1999/00 – 25.092 2000/01 – 20.291 Beide Zahlen stammen aus der Zeit, als das Olympiastadion umgebaut wurde. Damals hatte Hertha Bedenken, dass die Stimmung bei den Spielen auf der Baustelle im Keller sein könnte. Deshalb gab es relativ günstige Dauerkarten. Die Zahl von 1999/00 ist die Saison, mit den am meisten verkauften Dauerkarten. Aber: Ein Sponsor hat damals 9000 Dauerkarten gekauft. Die wurden bezahlt. Deshalb wurden sie mit eingerechnet. Ob die Dauerkarten tatsächlich alle vergeben wurden, wie oft sie in Anspruch genommen wurden, war nicht nachzuvollziehen. Überlicherweise verbindet man mit dem Begriff ‘Dauerkarten’, dass sie widerspiegeln, wie viel Interesse bei einzelnen Menschen vorhanden ist. Und Dauerkarten werden eigentlich nicht als Sponsoren-Instrument gesehen. Habe bei Hertha nach dem Dauerkartenrekord gefragt. Da verweist Herthas Herr Zahl eben auf die 24.5000 von 1999/00. Erklärt aber die Besonderheiten dazu. Und sagt, dass die Zahl von 2000/01 jene Zahl ist, die das widergibt, was man unter ‘Dauerkarten-Verkäufen’ versteht (wobei auch dort ein Kontinent von etwa 3000 Sponsoren-Dauerkarten dabei war).

Auch hier gilt: Traue keiner Zahl, ohne dass Du weißt, was dahinter steht. Hertha wird den Verkauf der Saisontickets bis zum zweiten Heimspiel offenhalten und rechnet bis dahin intern mit dem Erreichen der Marke von 20.000. In der Entwicklung der Berliner wäre das je nach Zählart als sehr ordentlich bis hin zu Vereinsrekord einzuordnen. Was sagt uns das über die Euphorie? Nicht wirklich viel. So richtig taugen die Dauerkarten also nicht als Euphorie-Barometer.