Tango oder Totengräber: Pro und Contra zum Hertha-Test gegen RB Leipzig

(ub) – Immerhertha und zwei starke Themen an diesem Freitag. Der Vorthread, der kürzeste Liveticker der Blog-Historie zum Gütetermin in der Sache ‚Christian Fiedler vs Hertha BSC‘ ist weiter aktuell.

Aber hier lässt Immerhertha die Meinungen los. Der Test von Hertha BSC am Samstag gegen Rasenball Leipzig in Dessau hat für einigen Wirbel gesorgt (Paul-Greifzu-Stadion, 15 Uhr). Nicht nur auf der Mitgliederversammlung im ICC im Mai, auch hier im Blog dieser Tage. @SirHenry schlug vor, eine Pro- und Contra-Diskussion über Spiele gegen RB Leipzig zu machen. Er übernimmt den Part pro RB. @f.a.y. hat sich freundlicherweise bereit erklärt, den Standpunkt contra RB zu formulieren. Ring frei, getreu dem Motto Ladys first beginnt @f.a.y. – Tusch, Trommelwirbel, los geht’s . . .

Contra RB: Tango gegen den modernen Fußball

(f.a.y.) – Hertha BSC bestreitet im Rahmen der Vorbereitung auf die 1. Bundesliga am 13. Juli ein Testspiel gegen RB Leipzig. Die organisierten Fans von Hertha haben in Gesprächen mit den Verantwortlichen versucht, dies zu verhindern, was misslang. Daher haben sie sich dazu entschieden, das Spiel zu boykottieren. Nun stellt sich die Frage, warum RB Leipzig für viele organisierte Fans ein derart rotes Tuch ist. Hier der Versuch einer Erklärung:

Red Bull agiert im Falle RB Leipzig nicht wie ein klassischer Sponsor wie zum Beispiel die Bahn bei Hertha, sondern hat einen maroden Verein einfach komplett übernommen. Red Bull hat vom damaligen Leipziger Fünftligisten SSV Markranstädt die Lizenz, vom FC Sachsen Leipzig die jeweils erste Jugendmannschaft überlassen bekommen und sich parallel die Namensrechte am Leipziger Zentralstadion gesichert. Damit hat der Marketingfuchs, Gründer und Besitzer des Konzerns, Dieter Mateschitz, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen den ersehnten Schritt in den bundesdeutschen Fußball geschafft, zum anderen die tiefe Sehnsucht der Sachsen nach randalefreiem Profifußball gestillt. Denn die 1. Liga samt Champions League wurden von Beginn an als Ziel ausgegeben.

Zu diesem Thema sagt Mateschitz in einem Interview mit der WELT 2007:

Mateschitz: Von Herrn Abramowitsch unterscheidet uns so gut wie alles. Ich treffe Entscheidungen als Geschäftsführer und Marketingverantwortlicher für die Marke Red Bull, nicht aus einer Passion heraus. Auch sind wir weder Mäzen noch klassischer Sponsor. Wo wir uns sportlich engagieren, sind wir integriert, übernehmen die Verantwortung für die sportliche Leistung und wollen die Identität von Marke und Sport schaffen. Wenn unsere Mannschafen gewinnen, heißt es, die Red Bulls oder die Roten Bullen haben gewonnen. Gewinnt Real Madrid, sagt niemand, die Siemenser hätten gewonnen. Wir wollen keinen Scheck abliefern und dann von Präsidenten und Funktionären abhängig sein.

Wie konnte so eine „Übernahme“ im Schatten der 50+1 Regelung überhaupt funktionieren? Die Probleme mit dem Sponsorennamen im Vereinsnamen, laut DFB Statuten nicht erlaubt, umging man mit zwei einfachen Tricks:

Der Trick mit dem Namen

Red Bull suchte sich einen Verein in der 5. Liga, also einer Amateurliga. Diese unterliegen dem jeweiligen Landesverband und nicht direkt dem DFB.

Der offizielle Vereinsname trägt im Gegensatz zu den Vereinen in New York und Salzburg nicht „Red Bull“ im Namen, sondern heißt RasenBallsport Leipzig. Dennoch ist immer nur von RB Leipzig und den „Roten Bullen“ (wer kann Englisch?) die Rede. Auch das Red Bull Logo musste nur minimal abgeändert werden, damit es vom Verband anerkannt wurde.

Dass der Verein und der Sport zu einem reinen Marketinginstrument und 90 Minuten Product Placement degradiert wurden, scheint zumindest die 30.000, die zum Aufstiegsspiel kamen nicht weiter zu stören.

Apropos Verein. Theoretisch kann man bei RB Leipzig natürlich Mitglied werden, es handelt sich ja offiziell um einen Verein. Die Mitgliederzahl wird zwar nicht kommuniziert, es soll aber unter den rund 350 Mitgliedern wohl nur sieben bis neun stimmberechtigte Mitglieder geben. Die Zahlen variieren, auch hier hält man sich wie bei allen Belangen des Konzerns bedeckt. Bekannt ist nur, dass all diese Mitglieder hochrangige Funktionäre von Red Bull sind. Und dass diese über einen Mitgliedsantrag (Jahresgebühr 800€) abstimmen.

Das scheinheilige Argument mit dem Ost-Fußball

Red Bull hat sich aus wirtschaftlichen Interessen für das Experiment Fußball entschieden und geht das, wie alle anderen Geschäftsideen akribisch und professionell an. Im Gegensatz zu „den Scheichs“ aus dem englischen Fußball ist alles durchdacht und vor allem sind alle Posten mit Fußballfachleuten besetzt. Es wird nichts dem Zufall überlassen und die Wahl fiel nicht auf Leipzig, weil man etwas für den Fußball und die Region dort tun wollte. Die Wahl fiel auf Leipzig, weil sich der Verein bei Red Bull fast angebiedert hat und die vorher kontaktierten Vereine Fortuna Düsseldorf und Sachsen Leipzig kein Interesse hatten, beziehungsweise die Fans der Vereine sich vehement gewehrt haben. Allein die Tatsache, dass Red Bull in Düsseldorf einsteigen wollte zeigt, dass es weder um Förderung einer profifußballarmen Region geht, noch um den Osten.

Das Konstrukt RB Leipzig halte ich für ebenso schlimm wie das Projekt Hoffenheim oder Wolfsburg, weil hier eine wichtige Regelung des DFB/ der DFL ganz offen umgangen wird und somit Wettbewerbsverzerrung stattfindet. Schlimm ist nicht die Tatsache, dass Konzerne oder Einzelpersonen sich auf den beliebten Volkssport stürzen, um ihre Einnahmen oder ihren Einfluss zu vergrößern. Das müssen sie ja aus kapitalistischer Sicht schon fast tun und es ist dieselbe Motivation, die auch echte Sponsoren umtreibt. Schlimm ist, dass von DFL und DFB Regeln aufgestellt werden, die am Ende nur für einige gelten, nicht aber für alle. Schlimm ist, dass über kurz oder lang viele anderen Vereine eben dieses Schlupfloch auch nutzen wollen werden. Schlimm ist, dass zum Beispiel Hertha irgendwann mitziehen oder untergehen wird. Schlimm ist, dass wir als Fans darauf keinen echten Einfluss haben werden, wenn sich das Karussell Fußball immer schneller dreht.

Alle, die gerne Fußball sehen um des Sports willen werden sich irgendwann entscheiden müssen, ob sie weiter mitfahren oder ob ihnen schlecht wird und sie aussteigen. Ich für meinen Teil kann nur sagen: Ich werde Hertha weiterhin bei so vielen Spielen wie möglich unterstützen, auch gegen Marketingtools wie RB Leipzig, wenn sie mal in der Liga oder im Pokal aufeinandertreffen. Sollte mein Verein aber einen Deal wie Hoffenheim oder Markranstädt zeichnen, bin ich raus. Dann gucke ich mit meinem „Wider den modernen Fussball“ Shirt 4. oder 5. Liga und vielleicht lege ich mit @sunny einen flotten Tango in der gewinnspielfreien Halbzeitpause hin.

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Es folgt die Gegenmeinung zugunsten des Aufsteigers in die Dritte Liga, verfasst von @SirHenry. Tusch, Trommelwirbel, los geht’s . . .

Pro RB: Tradition schiesst keine Tore

(SirHenry) – Der Leibhaftige ist hinter uns her, es droht nichts Geringeres als der Untergang des Fußballs.

Wenn es um Argumente gegen RB Leipzig geht, wird nicht lang abgewartet. Da wird nicht mit feiner Klinge gefochten, sondern es werden die großen Kaliber in Stellung gebracht und scharf geschossen.

Da geht es um den Fußball an sich. Da sehen die Skeptiker die Werte des Spiels auf dem Scheiterhaufen der Kommerzialisierung geopfert.

Das Ganze erschließt sich dem unbedarften Zuschauer nicht auf den ersten Blick. Der sieht nämlich weiterhin 22 Jungens da unten einem Ball hinterherrennen.

Nein, man muss schon eine Weile dabei gewesen sein, in der Fankurve sozialisiert, sich durch langatmige Mitgliederversammlungen gequält und wenigstens einmal den Weg nach Meppen hinter sich gebracht haben. Dann gelangt Fan offensichtlich in eine Art höhere Sphäre, die ihm erst den wahren, den unverstellten Blick auf den Fußball ermöglicht.

Kommerz als Totengräber des Fußballs

In einer kruden Mischung aus Traditionalismus, Antikapitalismus und (Eigen-)Vereinsliebe kommt der Initiierte dann zu dem Schluss, was in der Szene Konsens ist: Kommerzialisierung ist der Totengräber des Fußballs. Konsequent werden dann Feindbilder aufgebaut und gepflegt. Dazu gehört alles, was dieser Entwicklung mutmaßlich Vorschub leistet: der Einstieg von Hopp in Hoffenheim, die Entwicklung von viagogo oder eben die Strategie von Red Bull in Leipzig.

Da wird dann beklagt, dass die „Retortenklubs“ die alten Vereine verdrängen würden. Leider wird nie erläutert, wie viele Spielzeiten, Titel, Abstiege, Europacupduelle und verpasste Chancen notwendig sind, um aus einem schlichten „Verein“ einen „Traditionsverein“ zu machen.

Es wird auch fein unterschieden zwischen einem „normalen“ Sponsor wie der Telekom oder Evonik, und den bösen „Einflussnehmern“ vom Schlage des Volkswagen-Konzerns, der SAP oder eben Red Bull.

Warum nun ausgerechnet Sponsoren wie der Deutschen Bahn oder der Telekom höhere Glaubwürdigkeit und lauterere Absichten in Sachen Fußball zugesprochen werden, als Red Bull, erschließt sich mir nicht. Hier wie dort geht es dem Sponsor um nicht mehr und nicht weniger, als mit Hilfe des Vehikels Fußballverein seine Markenbotschaft an den geneigten Zuschauer zu bringen.

Dass es in der Bundesliga einige Vereine gibt, darunter auch Hertha BSC, deren Partner und Sponsoren ganz oder teilweise im Staatsbesitz sind (Bundeswehr, Deutsche Bahn) bzw. einen großen Teil ihrer Einnahmen aus Subventionen beziehen (Solarfirmen), ist schlimm genug. Es sei hier aber nur am Rande erwähnt.

RedBull als konsequente Entwicklung

Soll nun Red Bull der Vorwurf gemacht werden, dass sie die gegebenen Rahmenbedingungen maximal ausreizen? Bestimmt nicht. Was Red Bull macht, ist lediglich die konsequente Weiterentwicklung des Sponsorenmodells. Wenn, dann gehören dem DFB einige Fragen gestellt, der die Entwicklung verschlafen hat. Red Bull ist ja als Vereinsname nun wahrlich kein Neuling, siehe Österreich.

Zurück zu den Zuschauern von RB Leipzig: 30.000 kamen zum Relegationshinspiel gegen Sportfreunde Lotte. Ich behaupte, den meisten von ihnen ist die Vereinsstruktur sehr egal. Die sind der ideologischen Grabenkämpfe zwischen Lok und Chemie Leipzig überdrüssig. Die wollen endlich wieder Bundesliga in ihrer Stadt sehen und dafür nicht nach Berlin, Nürnberg oder Hannover fahren müssen. Red Bull bietet ihnen genau das. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das Modell erfolgreich ist oder nicht.

Denn es wird natürlich seine Zeit dauern, bis sich eine gewachsene Fanszene etabliert. Na und? Bei Hertha konnten sich in den dunklen Neunzigern die Zuschauer mit Handschlag im Stadion begrüßen. Heute haben wir dauerhaft einen Schnitt von über 40.000. Warum sollte das in Leipzig nicht auch möglich sein?

Die Beispiele Leipzig und Hoffenheim sollten den etablierten Teams in den oberen Spielklassen eine Warnung sein, dass es nicht reicht, sich auf Traditionen auszuruhen. Tradition schießt keine Tore. Die Vereine dürfen Entwicklungen nicht verschlafen, müssen sprichwörtlich am Ball bleiben. Es reicht eben nicht mehr aus, der alte Platzhirsch zu sein. Das Geld für den Fußball kommt letztlich vom Zuschauer. Für den muss die Veranstaltung Fußball attraktiv sein, vom Trainingslager über das Spiel im Stadion bis zum Sky-Kunden. Nur dann ist er bereit, dafür sein Geld auszugeben. Dafür müssen sich die Vereine Gedanken machen, wie sie sich dauerhaft attraktiv und erfolgreich präsentieren können.

Nur keinen Rost ansetzen, muss die Devise sein. Es gibt keine Lebensversicherung für alte Vereine. Das ist auch gut so, denn sonst würde heute noch Hessen Kassel gegen Preußen Münster in der ersten Liga spielen.

Red Bull Leipzig gehört übrigens zu den Vereinen, die mir @Schuss.Tor.Hinein! und @Sir Henry über den liebsten Feind: Fan-Zuneigung und Fan-Abneigung egal sind.

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So, das waren zwei Säcke voller Argumente zum Thema. War etwas überraschendes für Euch dabei? Was? In welche Richtung tendiert Ihr – und warum?