Gastbeitrag VI: Grüße aus dem Nahen Osten oder Geschichten aus Tausend und einer Nacht

(mey) – Der Trainer ist noch bis Freitag im Urlaub. Der Manager hat auch frei (insofern man als Verantwortlicher wirklich freihaben kann). Die Spieler sowieso. Bei Hertha BSC passiert gerade wenig, und da kann man sich schon mal die Frage stellen: Geht das eigentlich? Wie hält man das als Hertha-Fan eigentlich aus, so auf dem Trockenen zu sitzen?

Richtig trocken ist es derzeit bei dem Kollegen @Sir Henry. Und damit sind wir beim heutigen Blogpost.

(Foto: Sir Henry)

Der Sir treibt sich nämlich gerade in Dubai rum und hat uns und euch ein launiges Stück hinterlassen. In der Kategorie: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ präsentiert Immerhertha euch heute den Gastbeitrag aus Dubai. Geschichten aus Tausend und einer Nacht, sozusagen:

Salam Aleikum, Friede sei mit Euch. Ein wunderbarer Gruß, egal in welcher Sprache. Seb war vor ein paar Tagen so schön in Plauderlaune und schwelgte selig in Erinnerungen. Da schlage ich doch gleich in dieselbe Kerbe. Während @hurdiegurdie seine Zeit mit der Dressur von Moskitos in Uganda verbringt, bin in Dubai und zähle Sandkörner. Dabei bin ich mir noch nicht sicher, welche Beschäftigung sinnvoller ist. Die Maßlosigkeit hier in den Emiraten ist praktisch mit den Händen zu greifen. Hier scheint es keine Limits zu geben, alles ist zu groß, zu hell, zu schön, zu sauber, zu perfekt. Wobei, eigentlich nur fast perfekt. Dem berühmten Burj al Khalif fehlte noch das i-Tüpfelchen, die Kirsche auf der Torte, der Keks zum Espresso. So, nun ist es schon besser. Fast automatisch denkt man angesichts dieser Vollkommenheit an das Gegenteil, an das Simple, das Unfertige, das Improvisierte. Und in diesem Zusammenhang denke ich an Fußball. Vergleiche ich unseren Sport mit anderen Sportarten, so fällt mir immer wieder auf, wie wunderbar einfach er doch ist. Leicht zugänglich, leicht erfassbar, leicht erlernbar. Andere Sportarten benötigen Hilfsmittel wie Schläger oder markierte Plätze mit Linien oder sind ohne eine Mindestanzahl von vielen Spielern nicht spielbar. Viele Sportarten sind zunächst schwer verständlich und ohne die Einhaltung von vielen Regeln nicht möglich, wie z.B. American Football. Andere, wie Cricket, sind überhaupt unverständlich. Handball kann man sinnvollerweise nur auf Parkett spielen, für Basketball braucht man einen Korb, für Eishockey Eis und Schläger, für den Motorsport viel Geld, für Turnen reichlich Muckis und die Geräte, für Tischtennis eine Platte und Bälle und Schläger. Über die technischen Voraussetzungen von solch absurden Zeitvertreiben wie Rennrodeln oder Turmspringen will ich noch nicht mal reden.

Die Schönheit des Fußballs

Für Fußball braucht man nichts außer einen Ball, ein wenig Platz und zwei Mann, die kicken wollen. Fertig ist die Laube. Und vor allem hat der Fußball etwas, dass die besten Spiele, egal welcher Gattung, auszeichnet: Er ist leicht zu verstehen, aber schwer zu beherrschen. Fußball kann aktiv und passiv genossen werden, mit heißem oder kühlem Kopf, alleine oder in der Gruppe. Er kann in fast jedem Alter gespielt werden. Fußball ist ein Teil von uns, er begleitet unser Leben. Wir planen Termine um ihn herum, denken fortwährend daran. Die Aussicht aufs nächste Wochenende lässt uns frohlocken, der Rückblick auf den letzten Samstag lässt uns manchmal verzweifeln. Die Wartezeit in der Sommerpause ist kaum auszuhalten. Außerdem tragen wir die Erinnerungen an besondere Spiele mit uns herum. Ich habe besonders zwei Spiele, die einen besonderen Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Beide Spiele betreffen die DFB-Elf. Das erste Spiel war so besonders, weil es das erste Spiel ist, an das ich mich richtig erinnern kann. Ich kenne noch die Ansetzung, weiß noch das Ergebnis, und ich habe sogar noch erinnerlich (oh!), wo und bei wem ich das Spiel gesehen habe. Es war das Spiel, in dem Harald Schumacher einem französischen Zahnarzt zu reichlich Umsatz verholfen hat. Das Spiel, in dem eine nie aufgebende Truppe einen schier uneinholbaren Vorsprung wieder einholen konnte. Ich rede vom Halbfinale Deutschland – Frankreich bei der WM 1982. 5:4 nach Elfmeterschießen. Das zweite Spiel, von dem ich spreche, erwähne ich, weil mich niemals mehr ein Spiel dermaßen in den Bann gezogen hat. Das Kribbeln begann in dem Moment, in dem die Paarung feststand. Schon Tage zuvor sprachen wir im Freundeskreis von nichts anderem mehr. Es war ja zum damaligen Zeitpunkt schließlich auch erst zwei Jahre her, dass sich unser Team in der gleichen Ansetzung mit 2:1 geschlagen geben musste. Nicht auszudenken, wenn nach toller Vorrunde noch einmal das gleiche passieren sollte. Die Rede ist, natürlich, vom Achtelfinale Deutschland – Niederlande bei der 1990er WM in Italien. Der Inter-Block mit Matthäus und Brehme gegen den Milan-Block mit Van Basten und Gullit. Das Warten auf den Anpfiff bis zum Abend war kaum auszuhalten. Endlich ging es los, Faßbender und Rummenigge am Mikro und gleich großes Drama. Völler rasselt mit Rijkaard zusammen, eine feuchte Angelegenheit. Der argentinische Schiedsrichter hoffnungslos desorientiert. Für einmal hat mir der gute Heribert richtig gefallen: „Schickt ihn doch zurück in die Pampa!“ rief er erbost. Oha, heute müsste er dafür vor einen Untersuchungsausschuss gegen Diskriminierung. Torlos zur Pause. Nach dem Seitenwechsel macht Klinsmann das Spiel seines Lebens. Er erzielt das erlösende 1:0. Später, es muss so um die 80. Minute gewesen sein, lässt Brehme mit einem unglaublichen Schuss aus dem Strafraumeck (Lahms 2006er Tor gegen Costa Rica war nur eine Kopie ;-)) das vorentscheidende 2:0 folgen. Die phänomenale Befreiung. Der unberechtigte Elfer in der Nachspielzeit für die Niederländer, geschenkt. Der Rest der WM war ein einziger Rausch, es konnte nur einen Sieger geben. Nun erzählt ihr mal eure Geschichten! Zwanzig Jahre Hertha-Bubis hatten wir ja gerade. Aber wie wäre es mit Hertha gegen Roter Stern Belgrad oder gegen AC Milan? Hertha gegen Wattenscheid nach dem Mauerfall? Lasst uns plaudern über Fußball. Denn alles andere sind doch nur Mücken und Sandkörner.

Das lassen wir mal auf euch wirken und freuen uns auf eure Geschichten.

Frage an euch: Wie vertreibt ihr euch die Tage bis zum Trainingsauftakt? Genießt ihr sie? Oder könnte ihr es schon kaum noch erwarten?