Fiedler, Heine und Ziegert: Was sagen die Personalien über Herthas Umgang mit Tradition?

(ub) – Wer wüsste das besser als wir? Dass die Dinge meist im Zusammenhang stehen. Weshalb wir die Ereignisse rund um das blau-weiße Gebilde namens Hertha nicht einfach zur Kenntnis nehmen. Sondern hellhörig sind. Etwa bei der Pressemitteilung, die Hertha heute veröffentlicht hat. Zitiere hier, nicht zufällig, den kompletten Text:

Jochem Ziegert, ehemaliger Spieler und langjähriger Trainer bei Hertha BSC wird in der kommenden Saison Co-Trainer bei der U15 von Pal Dardai. „Mit seiner großen Erfahrung wird Jochem Ziegert in diesem für den Verein so wichtigen Ausbildungsbereich tätig sein,“ sagt Michael Preetz, Geschäftsführer Sport bei Hertha BSC, „ich bin sehr froh, dass uns mit Jochem Ziegert ein Hertha-Urgestein erhalten bleibt.“ Jochem Ziegert, der 1980 von Tennis Borussia zu Hertha BSC wechselte und für die damalige Zweitligaelf 24 Partien bestritt, betreute zuletzt lange Jahre als Co-Trainer – an der Seite von Karsten Heine – die U23. Ziegert, der zu Beginn seiner Trainerlaufbahn bei den Herthanern auch die C- und B-Jugend anleitete, auch schon bei der U16 tätig war, stand als Cheftrainer mit den Hertha-Bubis 1993 im DFB-Pokalfinale (0:1 gegen Leverkusen). „Damals wurde Karsten Assistenztrainer von Günter Sebert bei den Profis, da habe ich die Jungs weiterbetreut“, erzählt Jochem Ziegert. „Ich freue mich sehr, dass ich nun den Pal mit meiner Erfahrung unterstützen kann und meinem Verein in dieser Funktion weiterhelfen kann.“ Quelle

Im Mediennet( zu dem nur Journalisten Zugang haben ) heißt die Überschrift zu der Meldung:

Hertha BSC: Urgestein Ziegert bleibt dem Klub erhalten.

Behaupte mal, ohne es nachgeprüft zu haben: Das ist die längste Pressemitteilung, die in der 121-jährigen Klubhistorie je über einen Cotrainer einer U15 von Hertha BSC publiziert worden ist.

Dann gab es eine Veröffentlichung auf der Homepage, dass Hertha BSC mit der Initiative ‚KeinZwanni‘ aus Berlin die Preise für den Gästeblock im Olympiastadion auf 15 Euro begrenzt hat.

Wir hoffen, dass andere Vereine sich dieses Preismodell zu Herzen nehmen, damit unser geliebter Sport auch in Zukunft für alle Fans bezahlbar sein wird. Hertha BSC & Kein-Zwanni AG BerlinQuelle.

In der vergangenen Saison gab es bei diversen Vereinen Kritik über relativ teure Auswärtstickets. Hertha signalisiert mit der Aktion: Wir gehören zu den Vereinen, die vorangehen. Nicht mit Ankündigungen, sondern mit einer verbindlichen Erklärung zur Preisgestaltung. Eine, wie ich finde, lobenswerte Aktion.
Wenn Hertha auf die Tradition verweist („Urgestein Ziegert“) erinnern wir uns aber auch an die Trennungen der vergangenen Tage: von Ziegerts langjährigem Vorgesetzten Karsten Heine. Von Torwarttrainer Christian Fiedler. Von Physiotherapeut Jörg Blüthmann. Alle langjährige Herthaner.

Hier gab es teils Zustimmung, teils Ablehnung zu diesen Personalien.

Erste These: Der Fan ist konservativ

Rings um den Fußball gibt es unter Anhängern eine weit verbreitete bewahrende Grundhaltung: Egal, ob es Personen betrifft (Ausnahme ist der jeweilige Trainer), Anstoßzeiten, Taktiken, Mitgliederversammlungen oder irgendetwas mit dem Stadion zu tun hat (Name, bauliche Veränderungen, . . . ) . Hauptsache, alles bleibt wie es ist.

Zweite These: Leben bedeutet Veränderung

Mitglieder und Fans erwarten von ihren Vereinen, dass sie sich permanent entwickeln. Tut die Konkurrenz ja auch.

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Fazit: Für einen Verein ist es relativ schwer, sich zwischen diesen Polen zu bewegen. Nehmen wir die Trennungen von den Herren Heine, Fiedler und Blüthmann: Wann ist es für einen Arbeitgeber ein guter Zeitpunkt, um sich von Arbeitnehmern zu trennen? Aus Sicht des Arbeitnehmers gibt es diesen Zeitpunkt eigentlich nicht.

Ich verstehe den Trainer, dass er sagt: Ich möchte ein Trainerteam um mich haben, dem ich voll vertraue. Und, sorry für Christian Fiedler, auf der Torwarttrainer-Position möchte ich jemand anderen haben.

Ich verstehe auch, dass Christian Fiedler ein ganz andere Sicht auf die Dinge hat.

Aber wie bei der Frage der Besetzung des Trainer-Postens in der U23: Ein bisschen schwanger gibt es bei solchen Themen nicht. Da müssen Entscheidungen her.

Und wie kommuniziert man solche Trennungen ‚richtig‘? Ohne dass „ein Geschmäckle“ bleibt, wie es hier teilweise diskutiert wurde.

Dann bewegt sich der Klub hin zu seinen Fans – siehe ‚KeineZwanni‘-Aktion. Kann nicht recht einschätzen, wie sehr das honoriert wird. Wenn Hertha aber die Eintrittspreise in der Bundesliga gegenüber dem Zweitliga-Jahr erhöht, hagelt es Kritik. Gleichzeitig bleibt aber die Forderung der Anhänger, dass der eigene Verein, bitte schön, eine konkurrenzfähige Mannschaft an den Start bringen soll. „Wofür bezahlen wir unser Eintrittsgeld?“

Aber, bitte schön, auf gar keinen Fall darf die Kommerzialisierung ausgeweitet werden. „Früher haben ja auch alle Samstag, 15.30 Uhr gespielt.“

Wie viel Tradition braucht ein Verein?

Wie seht Ihr das: Wie viel Tradition braucht ein Verein? Wie viel Identifikation? Und: wie viel Entwicklung muss möglich sein?

Hertha kann nicht die Ausfahrt nehmen, die Vereine wie RB Leipzig, die TSG Hoffenheim oder der VfL Wolfsburg haben: Je weniger Tradition/Anhänger ein Klub hat, desto weniger Rücksicht muss auf Befindlichkeiten genommen werden. Da gilt dann das Motto: Wer die Band bezahlt, bestimmt, welche Musik gespielt wird.

Hertha liegt unmittelbar vor der Grenze von 30.000 Mitgliedern. Wie findet Ihr, dass der Verein mit Tradition umgeht? Wie wagemutig ist Hertha? Wie wagemutig seid Ihr?

Sagt es mir

Apropos Musik.

Gary Clark jr. – Nextdoor Neighbor Blues / 2012