Blau-weißes Neujahrskonzert: Hertha wird nobel

(ub) – Wünsche allen, wohlbehalten im Neuen Jahr angelandet zu sein. Machen wir das Beste aus 2013. Vielen Dank für die zahlreichen Danksagungen, Aufmunterungen und Komplinente hier in den vergangenen Tagen. Stellvertretend sei hier @apoll genannt. Gebe die gern an Euch weiter. Weil das, was wir aus dem Blog hier machen, an uns allen liegt

Bevor wir uns mit der schnöden Realität wie dem Trainingsstart auf dem zugigen Schenkendorffplatz am 3. Januar befassen, hat der ehemalige Blogdaddy Daniel S. noch ein zweites Mal in seine blau-weiße Glaskugel geblickt (Das blau-weiße Feuerwerk zum Grande Finale Teil 1). Macht Euch auf was gefasst: Hinsetzen. Anschnallen. Gut festhalten. Los geht’s.

Orangene Revolution bei Hertha oder Die wunderbare Welt der erstklassigen Saubermänner II

Von Daniel Stolpe

JULI – Das unmoralisches Angebot von Manchester United

Die Nachricht ist ein Schock für die Fans: Was schon als Gerücht durchs Internet geisterte, wird Mitte des Monats Gewissheit – dem neuen Hauptsponsor zuliebe tritt Hertha in Heimspielen künftig in leuchtend orangefarbenen Trikots an. Auswärts wird in schwarz oder alternativ weiß gespielt, „aber gerade im Olympiastadion freuen wir uns, den Erlebniswert und die Sichtbarkeit unserer Mannschaft für viele Tausend Berliner/innen und Brandenburger/innen noch einmal bedeutend steigern zu können“, erklärt Manager Michael Preetz und fügt bei derselben Gelegenheit an, auf diese „wunderbare Entwicklung auch in anderer Hinsicht adäquat reagieren“ zu wollen. Nachfragen dazu lehnt Preetz mit dem Hinweis einer anstehenden Auslandsreise höflich, aber bestimmt ab. Des Managers Ziel, so recherchiert es der „Tagesspiegel“, lautet Amsterdam. Prompt macht der Name Marco van Basten die Runde..

Doch wer auch immer den nun schon seit zwei Monaten vakanten Trainerstuhl besetzen wird – er wird dann auf ein großes Talent der Hertha-Schule verzichten müssen. Völlig unerwartet erhält Hertha von Manchester United ein unmoralisches Angebot für: Hany Mukhtar. Der neue Trainer Pep Guardiola habe schon lange ein Auge auf den deutschen U-Nationalspieler geworfen, verlautet es aus England. Geld spielt beim amtierenden Champions-League-Sieger offenbar keine Rolle, also bietet United den Berlinern sagenhafte 34,5 Millionen Euro für Mukhtar. Kurzzeitig droht der Deal noch zu platzen, als Preetz auf gleich zwei Freundschaftsspiele besteht, eins im Olympiastadion und das andere in Old Trafford („Ein Traum für jeden Fußballer, auch für mich!“). Letztlich einigen sich die Klubs auf einen Schüleraustausch im Sommer 2014, aber wirklich von Interesse ist allein die Forderung, die „Welt Online“ so formuliert: JETZT MUSS PREETZ WELTSTARS NACH BERLIN HOLEN

AUGUST – Die Einkaufsliste mit 82 Namen

Noch immer ist Hertha auf Trainersuche. Nachdem Louis van Gaal niemals mehr als ein Gerücht war, hatte Manager Michael Preetz in einem exklusiven „11Freunde“-Interview doch verraten: „Es kann sein, dass der neue Trainer wieder aus den Niederlanden kommt. Und ich kann auch nicht ausschließen, dass die bisherigen Spekulationen nicht völlig verkehrt sind.“ Eine überregionale Sonntagszeitung veröffentlicht daraufhin ein Interview mit dem ehemaligen Bondscoach van Basten, in dem der sich geschmeichelt zeigt vom kolportierten Interesse an seiner Person. Allerdings sagt van Basten auch: „Bislang liegt mir kein konkretes Angebot aus Berlin vor.“

Die Auflösung folgt am Tag danach: Nicht van Gaal und auch nicht van Basten wird neuer Hertha-Trainer – sondern Huub Stevens. Bei seinen einleitenden Worten versucht Manager Michael Preetz sich ungelenk an einem Scherz: „Auch Huub trägt einen Adelsnamen: Der Knurrer von Kerkrade“, sagt er und kichert in die Stille des Medienraumes hinein. In München bereitet derweil Dieter Hoeneß ein anwaltliches Schreiben vor, in dem er seinen Anteil an Stevens‘ Entdeckung durch Hertha für sich reklamiert.

Streit gibt es sofort auch intern. Nachdem Stevens bei Preetz einen nicht weniger als 82 Namen von potenziellen Zugängen umfassenden Einkaufszettel abgegeben hat, verkündet die Geschäftsführung auf Geheiß von Präsident Werner Gegenbauer einen vollständigen Investitionsstopp. „Eine Reduzierung der Verbindlichkeiten auf unter zehn Millionen Euro hat oberste Priorität“, sagt Finanzchef Ingo Schiller. Wieder einmal also müssen die Hertha-Fans leiden; schon im Zuge der neuen Heimspiel-Trikots hatte sich im Internet eine Gruppe mit dem bezeichnenden Namen „M8los“ formiert. Sie verzeichnet inzwischen etwas über 400 Mitglieder, die am Vorabend des ersten Spieltags der neuen Bundesliga-Saison mit einem Schweigemarsch durchs Westend auf sich aufmerksam machen wollen. Doch leider nimmt nicht einmal der auf dem Nachhauseweg befindliche Reporter einer Berliner Boulevardzeitung von ihnen Notiz.

SEPTEMBER – Luhukay löst das WM-Ticket

Den Saisonstart hat Hertha mit nur einem Unentschieden (0:0 gegen Nürnberg) aus den ersten drei Spielen leidlich verpatzt. Trotzdem hat sich das Transferfenster geschlossen, ohne dass Hertha auch nur einen Cent der Manchester-Millionen investiert hätte. Dafür tut sich auf der Abgangsseite noch etwas: Levan Kobiashvili verlässt Hertha und Berlin mit sofortiger Wirkung. Im Auftrag der Regierung seines Heimatlandes Georgien übernimmt der Rekordnationalspieler den neu geschaffenen Posten des „Sonderbeauftragten für Deeskalation und Antiaggression in Krisengebieten“. Staatspräsident Micheil Saakaschwili erklärt bei Kobiashvilis Amtseinführung, den nunmehr ehemaligen Fußballprofi prädestiniere sein früherer Status als „der fairste Spieler seit dem Zweiten Weltkrieg“ für seine neue Aufgabe.

Derweil erlebt Hertha in der Bundesliga ein Zwischenhoch. Dem ersten Saisonsieg, einem 4:3 beim FSV Mainz, folgt prompt ein 3:2 gegen Stevens‘ Ex-Klub Schalke 04. Mit vier Toren in beiden Spielen tut sich insbesondere Stürmer Ben Sahar hervor. Doch nicht einmal der Sieg gegen den Erzrivalen kann die inzwischen 6300 Mitglieder starke Gruppierung „M8los“ zum Jubeln animieren. Dazu trägt an einem an sich herrlichen Spätsommertag wohl auch die Laufbahn im Olympiastadion bei. Die präsentiert sich auf Wunsch von Herthas neuem Hauptsponsor erstmals in ihrer neuen Farbe: leuchtend orange.

Apropos: Mit einem noch etwas holprigen 3:1 in Estland und einem schon deutlich souveränen 7:0 in Andorra hat Bondscoach Jos Luhukay die Niederlande letztlich souverän zur WM 2014 nach Brasilien geführt. Erst recht verzückt seine Ankündigung die ganze Fußballnation, die Elftal werde „ab Oktober nur noch sehr schwer zu schlagen“ sein.

OKTOBER – Babbel zieht nach Marzahn

Als ihr Büro im Vorzimmer von Manager Michael Preetz neu möbliert wird, stößt Herthas Chefsekretärin Anke Gernetzky bei Aus- und Aufräumarbeiten auf einen bislang unentdeckten Briefumschlag. Adressiert ist er noch an Preetz‘ Geschäftsführer-Vorgänger Dieter Hoeneß – und wie sich bald herausstellt, handelt es sich um eine der letzten Hinterlassenschaften von dessen zwölfjähriger Ära: um die Studie bezüglich der Machbarkeit eines Stadionbaus auf dem Areal des ehemaligen Flughafen Tempelhof oder auf dem Gelände des früheren Grenzkontrollpunktes Dreilinden oder am Oranienburger Kreuz. Die 2008 versandete Debatte blüht daraufhin erneut auf, der „Berliner Kurier“ titelt daraufhin am nächsten Tag in riesengroßen Lettern: „Hoeneß schenkt Hertha ein Stadion in Tempelhof!“ Und „Welt Online“ fragt: „Herr Gegenbauer, warum holen Sie Hoeneß nicht zu Hertha zurück?“

Derweil verzeichnet die Hauptstadt einen anderen prominenten Rückkehrer. Der seit Dezember 2012 beschäftigungslose Markus Babbel wird neuer Trainer des Oberligisten BFC Dynamo. „Ich habe Berlin und seine Menschen vermisst“, sagt Babbel am Tage seiner Vorstellung, und dass der BFC „ganz einfach ein Klub ist, der schon immer eine wahnsinnige Faszination auf mich ausgestrahlt hat“. Er habe sich schon im Vorfeld das Logo mit dem Ährenkranz und dem „D“ als Tattoo stechen lassen, erklärt Babbel und kündigt außerdem an, sich „eine nette Ein-Raum-Wohnung in Marzahn oder Lichtenberg suchen“ zu wollen: „Wenn man eine Stadt kennenlernen will, muss man nah an den Menschen sein.“

Doch nichts macht so sexy wie Erfolg, und den hat Babbel auf Anhieb. In der 3. Runde des Berliner Pokals gelingt dem BFC ein 4:0 gegen Regionalligist Berliner AK. „Ich bin absolut stolz auf die Truppe. Damit war gegen einen höherklassigen Gegner nicht zu rechnen“, frohlockt Babbel. Ordentlich im Rennen liegt in der Bundesliga scheinbar auch Hertha. Doch dann spricht Präsident Werner Gegenbauer in einem Interview der „Berliner Zeitung“ plötzlich davon, dass „Platz neun nicht genug“ sei und Hertha „in der Tabelle besser dastehen muss, um noch attraktiver zu sein für neue Partner“. Mit der drastischen Reduzierung der Verbindlichkeiten hätte die Klubführung „im Sommer ihre Hausaufgaben erledigt“, jetzt seien „Huub Stevens und das Team gefragt“.

Von einem „Ultimatum“ für Stevens zu sprechen, sei jedoch „völlig an den Haaren herbeigezogen“ und „Ausdruck der verrohten Sitten unserer Gesellschaft“, sagt Manager Michael Preetz. Er hingegen spreche lieber von einer „ultimativen Vereinbarung“, die er mit dem Trainer getroffen habe: Am Mittwoch im Pokal und am ersten Novemberwochenende muss gegen den amtierenden Doublesieger FC Bayern wenigstens ein Sieg gelingen – sonst. . .

NOVEMBER – Großinvestor wünscht sich neue Fans

Neue Trikots, neue Laufbahn, aber keine neuen Spieler – und als hätten Hertha-Fans in den zurückliegenden Monaten nicht schon genug ertragen müssen, löst sich nun so manches Rätsel der jüngeren Vergangenheit. Die Spur führt dabei über Rumänien und Zypern in den Osten der Ukraine. Bekanntlich hatte der mit einem Privatvermögen von über 1 Milliarde Dollar reichste Rumäne Ion Tiriac noch im Jahr 2012 ein Heimspiel von Hertha besucht. Schon damals hatte Präsident Werner Gegenbauer die entscheidenden Kontakte geknüpft. Über seine diversen in Nikosia angesiedelten Holdings verfügt Tiriac über beste Kontakte zu dem zyprischen Schiffsunternehmer John Fredrikson – und der wiederum transportiert nichts so erfolgreich wie den Müll des ukrainischen Recyclingkönigs Oleg Plastikow, der einst ein treuer Gefährte und wichtiger Geldgeber der Anführer der Orangenen Revolution in seinem Land, Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko, gewesen war.

Plastikow will nun auf den deutschen Markt expandieren – und sucht ein Betätigungsfeld im Sport, das zum Botschafter für „mich, mein Unternehmen und die Ukraine an sich“ werden soll, wie er in seinem ersten dokumentierten Zeitungsinterview (Süddeutsche Zeitung) überhaupt erklärt.

Deshalb also reduzierte Verbindlichkeiten, deshalb also die BSR als neuer Sponsor, deshalb also so großes Drängen auf sportlichen Erfolg. Prompt gibt die inzwischen 14.250 Mitglieder starke Fan-Gruppierung „M8los“ ihre Auflösung bekannt – doch wieder einmal waren die Hertha-Sympathisanten zu früh glücklich. Denn für die kolportierten 200 Millionen Euro, die Plastikow in sein neues Spielzeug zu pumpen bereit sein soll, möchte er natürlich nach seinen Regeln spielen dürfen. „Hertha BSC“, das, findet der Herr Oligarch, versteht keiner, das kennt keiner, und überhaupt: Wo steht da was von Berlin? „FC Berlin“ klingt da doch viel einleuchtender, und so ein Brandenburger Tor im Klubwappen erklärt auch viel mehr als diese alberne Fahne in den ehemaligen Vereinsfarben blau und weiß. Und dann diese Fans: Wedding, Spandau – geht es vielleicht etwas nobler?

Immerhin: Ein neues Stadion müsse her, sagt Plastikow, und das Geld auch in dieser Frage nicht zwangsläufig eine übergeordnete Rolle spielen müsse. er habe da von einer bereits vorliegenden Studie gehört. . . Und wenigstens ein Weltstar soll kommen; er, Plastikow, sei zwar schon immer ein Fan von Zlatan Ibrahimovic gewesen – aber verdammt noch mal, er sei zwar ein schwerreicher Recyclingkönig aus der Ukrainer, doch deswegen noch lange kein superschwerreicher Scheich aus Katar.

Ach, und das aktuelle Ensemble? Von der „ultimativen Vereinbarung“ mit Stevens ist nicht viel übrig geblieben; es fehlt Manager Michael Preetz schlicht an der nötigen Zeit, sich um das Tagesgeschäft zu kümmern. In der Liga war Hertha beim 0:5 bei den Bayern einmal mehr chancenlos gewesen. Auch im Pokal stand nach großem Kampf ein 1:2 nach Verlängerung – aber Stevens ist nach wie vor im Amt. Inzwischen ist Hertha auf Platz 14 abgerutscht, da bringt sich ein erster Bewerber für eine mögliche Stevens-Nachfolge in Position: Er sei dazu bereit, sich die Hertha-Fahne vom Oberarm entfernen und stattdessen das Brandenburger Tor über den gesamten Rücken tätowieren zu lassen, sagt BFC-Trainer Markus Babbel in einem Interview mit dem „Berliner Kurier“.

DEZEMBER – Rentenvertrag für Preetz

Was für ein Jahr! Als es sich dem Ende entgegen neigt, blickt der künftige FC Berlin allerrosigsten Zeiten in einem herrlichen Orange entgegen. Die Millionen – sie sprudeln nur so. Bei der Mitgliederversammlung am 25. November ist Ion Tiriac nicht nur zum „Freund des FC Berlin“ erklärt worden, sondern er besetzt auch per sofort und als Gesandter von Plastikow den ohnehin vakanten Platz im Aufsichtsrat.

Am Silvestertag verkündet der Klub noch zwei aktuelle Personalentscheidungen. Der bis 2015 laufende Vertrag mit Manager Michael Preetz wird vorzeitig bis 2020 verlängert, Preetz außerdem in den Rang eines Vorsitzenden der Geschäftsführung erhoben und mit der Planung und Durchführung eines Stadionneubaus in Oranienburg betraut. Um ihn dafür im Tagesgeschäft zu entlasten, wird außerdem das von Präsident Werner Gegenbauer gegebene Versprechen eingelöst und Ex-Profi Arne Friedrich nach seinem Karriereende als Assistent der Geschäftsführung vorgestellt.

Keine fünf Minuten nach Bekanntwerden dieser Nachrichten klingelt in einer Wohnung in Charlottenburg das Handy eines ehemaligen Hertha-Reporters. Er hebt nicht ab.

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