Niemeyer redet wieder mal Klartext: "Wir laufen zu wenig und gewinnen zu wenige Zweikämpfe!"

(sto) – Wir stehen zusammen, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren – den visuellen Nachweis solcher Parolen erbrachte Herthas Führungsduo am Mittwochmorgen um punkt 10.26 Uhr. Da stapften Präsident Werner Gegenbauer – es gibt ihn also tatsächlich noch – und Geschäftsführer Michael Preetz Seite an Seite auf den Schenckendorffplatz.

Fortan schwatzten die beiden in der Krise arg geschwächten starken Männer miteinander und guckten nebenbei Herthas Profis bei der Arbeit zu. Die, sagte Mittelfeldspieler Peter Niemeyer, war am Mittwoch nicht ganz so intensiv wie „gestern und vorgestern, wo wir echt Gas gegeben haben“. Nach einer halben Stunde Erwärmung mit Ballhochhalten ging es aufs große Feld – und dort direkt vors Tor.

Defensivspieler dominieren beim Torschusstraining

Einzige Übung des Vormittags: Torschusstraining. Erst ballerten die Spieler aus vier Positionen von der Sechzehnerlinie. Wobei sie die Fachfrage eines Kollegen hervorriefen, ob denn wohl „flache Schüsse ohne Druck in die Mitte“ die Vorgabe gewesen wären. . .

Entsprechend zur Kenntnis genommen wurde jeder Ball, der mal den Weg ins Tor fand. „Super, Adrian!, „toll, Änis“ – so ging das in einem fort. „In diesen Tagen brauchen viele Spieler Zuspruch“, sagte Niemeyer: „Nach solch einer Negativserie ist das Selbstvertrauen nicht gerade groß, da müssen wir uns gegenseitig unterstützen. Jedes Tor wird registriert.“

Sogar Torwart Thomas Kraft munterte die Schützen auf, wenn die abzogen. „Dein Tor, Marco“, rief er Djuricin vor dessen Schüsschen zu. „Mach ihn rein, Alfie“, rief er Morales zu. Am Ende waren jedoch meist er und die Kollegen Aerts und Burchert die Sieger. Beste Schützen waren bezeichnenderweise die Defensivkräfte Bastians, Niemeyer (je sieben Tore) und Kobiashvili (fünf).

Flankentraining mit suboptimaler Erfolgsquote

Dann wurde geflankt; von rechts taten dies Ebert, Lell, Torun und Djuricin, von links die Herren Kobiashvili, Rukavytsya, Bastians und Ben-Hatira. Alle anderen ballerten in der Mitte aufs Tor, besser: Sie versuchten es. Bester Schütze war Fanol Perdedaj, er zeichnete für sechs der insgesamt 20 erfolgreichen Abschlüsse verantwortlich. Dem gegenüber standen 54 Bälle, die ihr Ziel entweder verfehlten (42), an den Pfosten klatschten (1) oder von den Torhütern pariert wurden (11).

20 von 74 Bällen also fanden ihren Weg nur ins Tor – auch ohne Gegenspieler und ohne den Druck einer Wettkampfsituation, wie er Hertha am Samstag in Mainz wieder begegnen wird, ergibt das eine Erfolgsquote von weniger als 30 Prozent. Den Ausblick auf dieses Spiel formulierte Torwart Kraft: „Gerade zu Hause machen sie regelmäßig unheimlich viel Druck. Sie werden uns sicherlich einiges abfordern, es wird eine schwierige Aufgabe – aber für uns ist jetzt jede Aufgabe schwierig. Wir müssen mit allen Mitteln und noch etwas mehr dagegenhalten, um das Spiel für uns zu entscheiden.“

Unsere Stärken…? Tja, äähm…

Amüsant fand ich im Gesamtkontext der vergangenen Wochen die Frage eines Kollegen nach den Stärken von Hertha. Entsprechend lange überlegte Kraft denn auch, was er antworten solle. Schließlich sagte er: „Wir sind nach wie vor eine gute Mannschaft. Aber wir haben in letzter Zeit viele Spiele verloren, daraus ergibt sich: Wir müssen in Mainz gewinnen, das bedeutet einen gewissen Druck. Dafür müssen wir unsere Kräfte bündeln. Ich glaube an die Mannschaft, und die Mannschaft muss auch an sich glauben – dann schaffen wir das in Mainz.“

Druck – diese Vokabel fiel im Pressegespräch ein ums andere Mal. „Druck“, sagte auch Niemeyer, „haben wir schon die ganze Zeit.“ Er erzählte von den „vielen Gesprächen“, die in dieser Woche stattgefunden hätten. Sollte danach „jemand noch nicht bewusst sein, in welcher Lage wir sind, dann ist er hier fehl am Platze“, sagte Niemeyer überdeutlich.

Ich drehte schließlich die Frage nach den Stärken um und wollte wissen, welche Defizite und Schwächen die Analysen denn ergeben hätten: Warum ist Hertha binnen neun Rückrundenspielen von Tabellenplatz elf auf den Abstiegsrang 17 abgerutscht? Während Niemeyer antwortete, nickte der neben ihm sitzende Torwart Kraft mit jedem Wort deutlicher vernehmbar: „Schön“, fand es Niemeyer, „dass inzwischen von allen Spielen Zahlen und Analysen produziert werden. Wenn man dann sieht, dass wir wesentlich weniger laufen als der Gegner und weniger Zweikämpfe als sie gewinnen – so kann man keine Spiele gewinnen. Daran müssen wir arbeiten. Wir kommen aus dieser Krise nur raus, wenn alle an einem Strang ziehen und zusammen Fußball auch arbeiten. Alles andere ist im Moment fehl am Platze…“

…und damit war eigentlich alles gesagt.

P.S.: Die Herren Hubnik und Janker blieben am Vormittag in der Kabine. Dafür standen neben Kraft auch Lell und Ben-Hatira auf dem Platz. Es fehlt neben den Langzeitverletzten Franz und Lustenberger weiter auch Ronny.