Hertha vertreibt die Gespenster der Köln-Pleite: "Das Feuer brennt!", lobt Tretschok im Training

(sto) – Hertha, der Abstiegskampf und der Blick von außen auf das blau-weiße Universum – gerne sind wir immer mal wieder dankbar dafür, wenn ein Anderer für uns auf das scheinbar Alltägliche blickt.

Seit Anfang dieser Woche absolviert Lorenzo, 21, aus Köpenick – oha! – ein vierwöchiges Praktikum in unserer Redaktion, heute nun war er mit dem Kollegen Bremer zum ersten Mal beim Training der Hertha-Profis. Sport an sich ist ihm nicht fremd, seit 15 Jahren spielt er durchaus hochklassig Tennis, im dritten Semester studiert er außerdem Sportwissenschaften. Berufswunsch: Sportjournalist – wir werden gaaaaanz genau hinschauen

Hier lest ihr seine Eindrücke vom Dienstagvormittag:

Samstag kommt der FC Bayern nach Berlin. Bis dahin bleiben den Hertha-Profis noch vier Tage der intensiven Vorbereitung. Heute, Dienstag, um kurz nach zehn Uhr betraten Kapitän Andre Mijatovic und Kollegen erstmals in dieser Woche den Schenckendorff-Platz. Nach der Katerstimmung beim Auslaufen am Sonntag kann das Motto für diese Woche nur lauten: volle Konzentration und 100 Prozent Einsatz ! Denn nach den zuletzt schwachen Auftritten in Stuttgart, Augsburg und Köln müssen die Spieler zeigen, dass sie verstanden haben, was Trainer Otto Rehhagel schon nach dem Augsburg-Spiel formulierte: „Es ist drei Minuten vor zwölf.“ Die Eindrücke des rund 80-minütigen Trainings zeigen, dass das Team und die Trainer harmonieren und vor allem hart arbeiten. Übungen wurden immer wieder unterbrochen, und Tretschok und Covic, Rehhagels Co-Trainer, gaben lautstark Anweisungen und verbesserten die Akteure. Die Spieler selbst kommunizierten ebenfalls viel, und jedem war der unbedingte Wille, sich zu zeigen und die Gespenster vom letzten Samstag abzuschütteln, anzusehen. Im abschließenden Trainingsspiel 10 gegen 10, in dem Raffael als freier Mann das Team in Ballbesitz unterstützte, kämpften die Spieler um jeden Ball und gingen hart in die Zweikämpfe. Auch wurden taktische Eingriffe sichtbar: Kurze, flache Pässe und maximal drei Ballkontakte pro Spieler sollen den Spielfluß verbessern und die Sicherheit im Kombinationsspiel erhöhen. Die zuletzt ertraglose Taktik des langen Balls wurde sofort von der Seitenlinie kritisiert und nach wenigen Minuten unterlassen. Auch der zuletzt schwache Torabschluss der Stürmer war, zumindest in diesem Trainingsspiel, wesentlich genauer. Sowohl Pierre-Michel Lasogga als auch Adrian Ramos trafen aus dem Spiel heraus. Raffael immerhin per Elfmeter. Endstand 2:1 für das Ramos-Team mit den gelben Leibchen.
Die gute Trainingsleistung der Mannschaft wurde vom Trainerteam entsprechend gewürdigt. Co-Trainer Rene Tretschok resümierte im Kreis der Mannschaft lautstark vernehmbar: „Das Feuer brennt!“ Im anschließenden Pressegespräch stellten sich diesmal die beiden Ex-Bayern Christian Lell und Andreas Ottl den Fragen der rund zehn anwesenden Journalisten. Das Thema war selbstverständlich die nächste Bundesliga-Partie gegen den FC Bayern. „Das wird ein sehr schweres Spiel. Aber wir rechnen uns durchaus was aus“, sagte Ottl mit Blick auf das bevorstehende Duell mit den Ex-Kollegen. Lell ergänzte: „Das Champions-League Spiel gegen Basel wird sicher keinerlei Auswirkungen auf unser Spiel am Samstag haben. Die Bayern haben einen extrem breiten, stark besetzten Kader.“ Beide wünschen ihren ehemaligen Mitspielern auf internationaler Bühne aber maximalen Erfolg: „Hoffentlich sind sie erfolgreich“, sagte Ottl, und Lell drückt als Deutscher dem „deutschen Fußball“ die Daumen. Dennoch glauben beide Herthaner, dass gerade in der Stärke der Bayern eine Chance liegen könnte. Angesprochen auf das eigene starke Spiel vor drei Wochen gegen Dortmund, hofft Ottl, dass die Mannschaft auch Samstag wieder ein gutes Spiel gegen einen starken Gegner abliefert: „Es ist natürlich ein Vorteil, dass die Rollen bei diesen Spielen klar verteilt sind.“ Ob Ottl allerdings selbst mitwirken wird, steht noch nicht fest. Obwohl er, im Gegensatz zu Rechtsverteidiger Christian Lell (Prellung, muskuläre Probleme), keinerlei Blessur mit sich herumschleppt, steht noch nicht fest, ob er in der Startelf stehen wird. „Ich denke, dass ich der Mannschaft helfen kann“. Gegen Köln saß er allerdings 90 Minuten auf der Bank. Dass es langsam eng wird, ist der Mannschaft anscheinend klar geworden: „Wir sind uns bewusst, dass wir unten drin stehen“, kommentierte Ottl eine entsprechende Nachfrage. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Mannschaft das „Feuer“ aus dem Training auch mit ins nächste Spiel und die restliche Saison nehmen kann, um uns Fans und auch dem Verein einen erneuten Abstieg, der auch wirtschaftlich schwerwiegende Konsequenzen hätte, zu verhindern.

Soweit also Lorenzos erste Eindrücke. Um euch noch vollständig mit Wissen zu versorgen, hat Kamerakind Lorenz uns ein schickes Video vom Tage gebastelt – Bühne frei für die Herren Ottl und Lell

Von unserer Seite bleiben noch diese Personalien zu vermelden: Patrick Ebert übte abseits der Gruppe mit Physiotherapeut Jörg Blüthmann – in aller Regel ein sicherer Indikator, dass eine Rückkehr ins Mannschaftstraining unmittelbar bevorsteht. Maikel Aerts wurde wegen einer leichten Rückenblockade geschont, soll spätestens Donnerstag wieder ins Training einsteigen.

Großes Hallo für Abu Bakarr Kargbo

Und dann war da noch Abu Bakarr Kargbo, der mit dem Taxi zum Trainingsgelände gefahren, von Tretschok persönlich in die Kabine begleitet und bei seinem Erscheinen auf dem Platz von den Kollegen mit großem Hallo begrüßt wurde. Nanu, Kargbo – war der nicht zur U23 delegiert worden? Richtig, doch kurzfristig baten die Trainer ihn zur Einheit mit den Profis. „Wir wollten in bestimmten Trainingsformen eine gleiche Personenanzahl haben, deshalb war ich froh, dass Bakarr einspringen konnte,“ erklärte Tretschok.

Zuletzt eine neue Anekdote aus unserer beliebten Rubrik „Einmal Herthaner, immer Herthaner – wir verlieren niemand aus den Augen: Der Schweizer Erstligist FC Zürich hat sich Montagabend von Cheftrainer Urs Fischer getrennt. Vorerst übernimmt der bisherige Assistent Harald Gämperle das Amt, der von 2007 bis 2009 als Assistent von Lucien Favre bei Hertha BSC tätig war.

Mag diese Personalie auch nur Interimscharakter haben, so erstaunt sie mich doch deshalb, weil mein Kenntnisstand immer der war, dass es Gämperle an der nötigen Lizenz fehlt, um – auch in der Schweiz – als Cheftrainer arbeiten zu dürfen. Vielleicht hat er sie inzwischen erworben, vielleicht ist er aber auch wirklich nur eine Übergangslösung. Wir behalten die Sache im Blick

P.S. vom Nachmittag: Kollege Bremer meldet, dass der Manager sich die Ehre gibt und ein Training beobachtet, an dem auch U23-Kraft Fabian Holland mitwirkt.

P.S.2 UPDATE: Kurzfristig hat Hertha entschieden, die beiden Trainingseinheiten am Mittwoch finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.