Drei Platzverweise bei Herthas 0:1 in Köln

(mkl) – Manchmal wünsche ich mir, ein wirklich neutraler Beobachter zu sein. Als solcher hätte ich heute ein aufregendes und packendes Fußball-Spiel gesehen. Viele Torszenen, Paraden, Pfostenschüsse, Emotionen. Alles auf überschaubarem Niveau, aber spannend bis zum Schluss. So aber, durch die Hertha-Brille, bleibt unter dem Strich eine weitere ernüchternde Niederlage, wieder auch noch teuer bezahlt und mit Folgen: Jetzt sind es noch genau vier Teams, die sich um den einen rettenden Platz streiten.

Hertha verliert also 0:1 (0:1) beim 1. FC Köln, das Tor des Tages schoss vor 48.000 Zuschauern Christian Clemens. Zudem sahen die Kölner Mao Jajalo (nach einem Foul an Lena Kobiashvili) und Lukas Podolski (Tätlichkeit) Rot, Kobiashvili selbst musste nach einer Rudelbildung mit Gelb-Rot vom Platz. Er wird Hertha bitter fehlen.

Trainer Otto Rehhagel analysierte nach der Partie: „Köln hat uns erst stark unter Druck gesetzt, wir sind aber im Laufe des Spiels besser geworden.“ Zu den Kartenflut sagt Christian Lell: „Das war nicht entscheidend, sondern dass wir das Tor nicht getroffen haben.“

Die Einzelkritik.

Thomas Kraft: Wo stünde Hertha eigentlich ohne die Paraden von Thomas Kraft? Ganz sicher noch weiter unten. Am Gegentor machtlos, rettete der 23-Jährige gleich mehrfach in höchster Not. Beste Aktion: Als er in der 53. Minute einen Schuss von Novakovic noch so gerade an den Pfosten lenkte. Wirkte in den kleinen Aktionen wie Abschlägen oder Rückpässen sicherer als zuletzt. Guter Reflex auch in der 40. Minute, als er gegen den freistehenden Novakovic klärte. Note 2

Christian Lell: Der Rechtsverteidiger war in der ersten Hälfte, viele von euch haben es bereits moniert, ein Totalausfall. Immer wieder kamen die Kölner über seine Seite durch, in der 27. Minute gab es ein Abstimmungsproblem mit Hubnik. Die Folge: Novakovic kam völlig frei zum Kopfball, Glück für Hertha, dass er daneben zielte. In der zweiten Hälfte fing sich Lell, sah in der 74. Minute die Gelbe Karte. In der 80. Minute kam für ihn Peter Niemeyer ins Spiel. Note 4

Roman Hubnik: Der Tscheche hatte in Lukas Podolski – der in bestechender Verfassung war – einen wahrlich undankbaren Gegenspieler. Der Nationalstürmer war in zahlreichen Situationen zu schnell für Hubnik. In der ersten Hälfte gab es gleich fünf Szenen, in denen Hubnik nicht gut aussah. Erst kombinierten sich Podolski und Peszko nach Belieben durch die Abwehr, dann gab es besagtes Problem mit Lell. Auch in der 28. Minute war Podolski schneller, sein Pass von Außen verfehlte Novakovic nur knapp. Hubnik hatte in der 31. Minute aber per Kopf auch die beste Hertha-Chance der ersten Hälfte, doch Rensing war auf dem Posten. Positiv fiel mir auf, dass Hubnik einige seiner Fehler mit Kampfgeist sofort wieder selbst ausbügelte und oft noch ein Bein in die Bälle bekam. Auch die Umstellung als Rechtsverteidger nach den Roten Karten steckte er weg. Wurde in der 84. Minute mit Gelb verwarnt. Note 4

Christoph Janker: Agierte aus meiner Sicht souveräner als Hubnik, dafür setzte er keine Impulse nach vorn. Auch liefen die meisten Pässe eher über Hubniks Seite, sodass er weniger zu tun hatte. Einen Aussetzer hatte er aber auch: In der 20. Minute ließ er den Schuss von Clemens zu, den Kraft noch eben parieren konnte. Note 4

Felix Bastians: Herthas Linksverteidiger machte eine unauffällige Partie. Beim Gegentor allerdings hat Brecko deutlich zu viel Zeit für den Pass, immerhin auf seiner Seite. Insgesamt aber gefällt mir die unaufgeregte Spielweise des „Neuen“, der sich auf der linken Seite festzuspielen scheint. Er versuchte sich an seinen sonst ordentlichen Flanken, heute hatte er aber nicht so viel Durchschlagskraft. Note 3

Levan Kobiashvili: Der Georgier war gewissermaßen die tragische Figur des Spiels. Er lief erneut auf der Sechs auf, kam aber nicht so gut in die Partie wie zuletzt. Mir kamen zu viele Bälle durch die Mitte durch, gerade in der ersten Hälfte kamen die Kölner viel zu einfach vor das Tor. Tja, und wie bewertet man nun die Nummer mit den Karten? Fakt ist: Das Foul an ihm durch Jajalo (66.) zog die erste Rote Karte nach sich. Verständlich und doch erschreckend die Reaktion des Publikums auf seine Verletzung. Ihm nach der Attacke Schauspielerei zu unterstellen, ist leider Alltag in den Stadien – schön ist es nicht. Wie auch immer, sein mit Gelb geahndetes Foul in der 76. Minute zog dann die Rudelbildung nach sich, in dessen Zuge Podolski mit Rot und anschließend auch Kobiashvili selbst mit Gelb-Rot vom Platz flog. Ein seltsamer Vorgang. Note 4

Fanol Perdedaj: Der 20 Jahre alte neue Liebling von Trainer Otto Rehhagel machte wie schon gegen Bremen ein gutes Spiel. Auch für ihn gilt, dass zu viele Bälle zu einfach durch die Zentrale kamen. Aber er war derjenige, der Podolski und Novakovic in der ersten halben Stunde in die Mangel nahm. Er fiel auch durch seine Körpersprache positiv auf, hatte mit 76 Ballkontakten die meisten bei Hertha und mit drei Torschüssen (gemeinsam mit Raffael) ebenfalls die meisten. Rückte nach dem Karten-Drama in die Innenverteidigung. An ihm lag es nicht, auch der Trainer lobte ihn: „Er hat das sehr gut gemacht, mal sehen, wer gegen Bayern spielt.“ Eine Vorentscheidung? Note 2

Tunay Torun: Herthas Rechtsaußen hatte sich augenscheinlich viel vorgenommen. Anders ist sein übermotiviertes Umreißen als Stürmerfoul in der 11. Minute nicht zu erklären, Gelb war die Folge. Er spielte wie immer bemüht, das kann man ihm nicht absprechen. Aber es kam nichts dabei heraus, und in der Defensivarbeit stand Christian Lell ein ums andere Mal alleine da. Wurde nach der Pause durch Ben-Hatira ersetzt. Note 4

Raffael: Herthas Spielmacher war nicht so präsent wie sonst von ihm gewohnt (oder eher gewünscht?), aber die Aktionen die er hatte waren in Ordnung. Agierte teils als Spitze, weil sich Lasogga viel nach hinten fallen ließ. In der 87. Minute hätte er mit seinem Fernschuss um ein Haar noch für den Ausgleich gesorgt, gleiches gilt für den Pfostenschuss in der Nachspielzeit. An seiner Leistung lag es jedenfalls nicht. Note 3

Nikita Rukavytsya: Einer wirklich total verkorksten ersten Hälfte folgte eine zumindest leicht bessere Zweite. Aus meiner Sicht seine beste Aktion: Die Grätsche aus vollem Sprint, von hinten und doch gegen Peszko den Ball gespielt (60.) – riskant, hat aber hingehauen. Insgesamt aber ein ganz schwacher Auftritt. Note 5

Pierre-Michel Lasogga: Er bekam wirklich nur einen guten Ball serviert, und den münzte er gleich in eine Torchance um, als Rensing seinen Kopfball in der 42. Minute aber parierte. Ließ sich weit zurückfallen, er hatte ja zuletzt auch nicht wirklich Futter bekommen. Seine Ablagen fanden oft keinen Abnehmer, er wurde teils aber auch wirklich unpräzise angespielt. Für ihn kam nach der Pause Adrian Ramos. Insgesamt eine schwache Note 4

Änis Ben-Hatira: Lange nicht im Kader, fügte sich der Deutsch-Tunesier ganz gut ein, als er nach der Pause für Toren ins Spiel kam. Er übernahm die linke Seite, Rukavytsya rotierte nach rechts. Er brachte Schwung in die Partie – und hätte zum ganz großen Gewinner werden können, wenn er in der 90. Minute statt das Außennetz ins Tor getroffen hätte. Ein bisschen mehr Killersinstinkt und weniger Schauspielerei hätte es in der Situation wohl getan. Note 4

Adrian Ramos: Kam nach der Pause für Lasogga. Diese Maßnahme brachte aber nichts, Ramos verstolperte und rutschte, kurz und gut: Der Mann braucht eine längere Pause. Note 5

Peter Niemeyer: Der Blondschopf zeigte sich als Teamplayer, obwohl im die neue Rangfolge im defensiven Mittelfeld wohl nicht schmecken dürfte. Er kam in der 80. Minute für Lell.