Rehhagel verzockt sich bei Herthas 0:3 in Augsburg

(mkl) – Manche Abende machen einen einfach nur sprachlos. Heute gehört dazu, und das ging nicht nur Pierre-Michel Lasogga so. Herthas Stürmer meinte nach dem bitteren 0:3 (0:0) gegen Augsburg, es sei schwer, so vor die Fans zu treten. „Wir sind selbst baff, ich kann das nicht erklären.“

Versuchen wir es trotzdem. Die Fakten sind klar: Durch die Niederlage (Tore von Torsten Oehrl (62./63) und Marcel Ndjeng (90+1) rutscht Hertha auf den Relegationsplatz. Und vergab bei hervorragenden Ergebnissen der Konkurrenz die Chance auf einen Befreiungsschlag.

„Augsburg hat gekämpft, wir wollten es spielerisch lösen“, sagte Otto Rehhagel, der immerhin seinen Humor behielt: Auf die Frage, ob er jetzt ernüchtert sei, antwortete er: „Ich bin immer nüchtern, ich trinke keinen Alkohol.“

Gar nicht lustig war die Leistung seiner Abwehr gewesen. Räume standen offen, die Augsburger tanzten Herthas Defensive teils aus dem Stand aus. Und dann war da noch die Auswechslung von Peter Niemeyer in der 52. Minute, für den Nikita Rukavytsya kam. Eine mutige Idee, die aber total nach hinten los ging. „In der ersten Hälfte lief das Spiel nach vorne nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Außerdem hatte Niemeyer schon die Gelbe Karte gesehen“, begründete der neue Coach.

Für mich war die Auswechslung Niemeyers der Knackpunkt. Die Defensive verlor ihren Halt, Raffael war auf der Sechs total überfordert. Näheres in der

Einzelkritik.

Thomas Kraft: nHerthas Torwart lag nach Oehrls Doppelschlag buchstäblich am Boden. Und wieder nen Euro ins Phrasenschwein für die „ärmste Sau“. Hielt Hertha mit einer tollen Parade gegen – na klar – Oehrl zunächst im Spiel. War an allen drei Toren schuldlos. Was soll man ihm geben? Note: 3

Christoph Janker: Der Rechtsverteidiger gefiel mir im insgesamt ganz schwachen Abwehrverband noch am besten. Er stand einigermaßen und versuchte wenigstens, nach vorne zu spielen. Aber natürlich ließ auch er die Räume zu weit offen. Hatte mit elf gewonnenen Zweikämpfen den drittbesten Wert bei Hertha. Note 5

Andre Mijatovic: Herthas Kapitän war die Schwachstelle in Herthas Abwehr. Ließ sich mehrfach „auf dem Bierdeckel“ austanzen. Wie die gesamte Abwehr offenbarte er ungeahnte Schwächen im Stellungsspiel, immer wieder kam Augsburg mit halbhohen Steilpässen vor das Tor. Zehn gewonnene Zweikämpfe sind in Ordnung – 13 Fehlpässen, die meisten bei Hertha, nicht. Note 5

Roman Hubnik: Gekämpft hat er ja. 18 gewonnene Zweikämpfe stehen für den Tschechen zu Buche. Und doch gilt das gleiche wie für Mijatovic: Die Abstimmung passte überhaupt nicht, die Schnittstellen waren nicht zu. Auch er ließ sich auf engstem Raum narren. Mein Eindruck ist, dass er nach einer starken Hinrunden-Hälfte in einem Formtief ist. Note 5

Felix Bastians: Ich habe seinen Namen genau einmal auf dem Zettel: Als er sich den Ball über den armen Kraft fast selbst ins Tor geschaufelt hätte. Kann passieren, sieht halt blöd aus. Ansonsten: Hinten irgendwie solide, ja. Aber ohne ein einziges Zeichen im Spiel nach vorne. Das ist zu wenig. Note 5

Peter Niemeyer: Der 28-Jährige war für mich in der ersten Hälfte der beste Herthaner. Er grätschte leidenschaftlich und agierte auch im Spiel nach vorne gefällig. Mehrere Offensivaktionen hatten bei ihm den Anfang. Wirklich gut aber warn seine Zweikämpfe: Obwohl er nur 52 Minuten spielte, erreichte er mit 12 gewonnenen Duellen den zweibesten Wert. 67 Prozent gewann er, nur Christoph Janker (69) war stärker. Mir ist ein Rätsel, warum Rehhagel ausgerechnet ihn vom Feld nahm – und nicht irgendwen anders. Note 3

Levan Kobiashvili: Machte seinen Part im ungewohnten defensiven Mittelfeld ordentlich – mehr aber auch nicht. Hatte in den Zweikämpfe nicht die Durchschlagskraft eines Niemeyers. Nur sieben gewonnene Zweikämpfe. Note 4

Patrick Ebert: Es war mit ihm wie immer: Bemüht ja, doch herausgekommen ist einmal mehr nichts. Leitete in der 10. Minute Herthas größte Chance ein, als er Raffael schickte, der den Ball aus spitzem Winkel aber nicht über die Linie bekam. Fiel aber auch durch unnötige Ballverluste und – anders als zuletzt gewohnt – durch schwaches Defensivverhalten auf, nur sechs Zweikämpfe gewann er. Nicht einmal eine Flanke steht für ihn zu Buche. Note 5

Raffael: Der Brasilianer war für mich, sieht man einmal von der ordentichen ersten halben Stunde ab, der Totalausfall des Tages. Hatte in der 10. Minute die Chance zur Führung, er macht auch alles richtig, als er den Ball aus spitzem Winkel an Jentzsch vorbei chippt. Schade, dass die Augsburger den Ball noch von der Linie kratzten. Was mir aber schon in der ersten Hälfte auffiel (und warum ich Rehhagel überhaupt nicht verstanden habe): Er gewann keine Zweikämpfe. Gerade drei hat er in seinen 78. Minuten Einsatzzeit gewonnen, nur 37 Prozent erfolgreich bestritten. Wurde für Tunay Torun ausgewechselt. Note 5

Adrian Ramos: Hatte, genau wie Raffael, eine gute erste halbe Stunde. Danach ließ seine Leistung rapide nach. Hätte in der 34. Minute das 1:0 erzielen können. Der Kolumbianer entschied sich freistehend aber für den Pass auf Janker – gut gemeint und mannschaftsdienlich, aber der Ball war eben nicht im Tor. War danach kaum noch zu sehen. Note 5

Pierre-Michel Lasogga: Wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, hätte er in der 22. Minute das Tor gemacht, als er frei darauf zulief. War es ein Elfmeter? Ich habe noch keine Zeitlupe gesehen – sorry. War danach agil, ackerte – aber es brachte nichts. Der 20-Jährige hatte natürlich wie immer das Problem, nicht angespielt zu werden. So unauffällig zu agieren ist aber trotzdem zu wenig. Note 5

Nikita Rukavytsya: Der Australier kam für Niemeyer in die Partie, setzte aber keine Akzente. Allerdings gewann er dank seiner Schnelligkeit ein wichtiges Laufduell in der Defensive, wo sonst ein Augsburger frei durch gewesen wäre (weiß nicht mehr, wer). Ansonsten reichte auch seine Leistung nichtaus. Note 5

Tuay Torun: Kam in der 78. Minute für Raffael. Mehr ist zu ihm nicht zu sagen.

Alfredo Morales: Übernahm in der 68. Minute das Spiel für Patrick Ebert auf der rechten Seite, besser wurde Hertha dadurch auch nicht. Schön für den Jungen, dass er wieder spielen durfte – auch wenn es ein undankbares Spiel war.

P.s.: Falls ihr Fehler findet – sorry, aber ich sitze im Auto, es wackelt, und der Flughafen ist schon in Sichtweite.