2012 - Wenn Fußballträume wahr werden... (part II)

(sto) – Hertha BSC ist DFB-Pokalsieger, Markus Babbel weiter auf Jobsuche und Frank Zander plant als Präsident Großes – weiter geht es mit Teil zwei der ultimativen Vorschau auf das blau-weiße Kalenderjahr 2012.

Juli: Fünf Spiele, 24:0 Tore – ja, die deutsche Nationalmannschaft hatte ihre Sache auf dem Weg ins Endspiel der Europameisterschaft recht ordentlich gemacht. Gemäß einer repräsentativen Umfrage ist eine Mehrheit von 43 Prozent der Deutschen „einigermaßen zufrieden bis zufrieden“ mit dem Abschneiden ihrer Elitekicker, nur 17 Prozent sind „überwiegend enttäuscht“. Bei Immerhertha sind es sogar nur 14 Prozent. Im Finale ist nun einmal mehr Spanien der Gegner. 86 Minuten lang ist es ein zähes Ringen, da entwischt auf einmal der gerade rechtzeitig von einem Mitte Dezember erlittenen Schienbeinbruch genesene David Villa der deutschen Defensive. Alle blicken hilflos drein. Alle? Nein, der kurz zuvor eingewechselte, gerade rechtzeitig von einem Anfang Dezember erlittenen Kreuzbandriss genesene Maik Franz setzt an zu einem Sprint des puren Willens. Humorlos grätscht er Villa weg – Rot und Platzverweis, egal, was soll’s! Zumal, da Manuel Neuer den fälligen, vom Gefoulten selbst getretenen Strafstoß locker wegfischt – und nicht nur das: Sein Abwurf findet über 75 Meter direkt in den Laufweg von Gomez-Ersatz Pierre-Michel Lasogga. 1:0 – Fußball-Deutschland feiert Franz und Lasogga. Jetzt ist Pokalsieger Hertha also auch noch Europameister!

Währenddessen bereitet sich der Klub auf sein zweites Jahr zurück in der Bundesliga vor. Nach Platz zwölf in der Aufstiegssaison will Trainer Michael Skibbe Hertha nun „dorthin führen, wo der Klub aufgrund seines Namens und der Erfolge der Vergangenheit hingehört: ins vordere Drittel der Tabelle“. Seine Spieler wundern sich aber über das allzu laxe Trainingspensum. Nur sieben Einheiten hat Skibbe in der Woche von Österreich angesetzt – darunter eine Raftingtour und einen Grillabend, in dessen Verlauf Ronny zum neuen Kapitän gewählt wird. „Das ist ein Traum für mich“, jubiliert der Brasilianer, der in der Sommerpause Wort gehalten hat und in Berlin geblieben ist. Sein Deutsch ist danach fast akzentfrei, noch bemerkenswerter an ihm sind jedoch seine nur noch 59 Kilo Körpergewicht. Neben den Pfunden hat Ronny auch der alten Heimat Brasilien abgeschworen: „Davon kann mir mein Berater erzählen.“

August: Das musste ja schiefgehen! Als Titelverteidiger blamiert sich Hertha in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals bei der SG Sonnenhof Großaspach. Auch zwei fulminante Freistoßtreffer des neuen Anführers Ronny können die Blau-Weißen nicht vor einer 2:3-Niederlage bewahren. Im Tor hinterlässt Richard Strebinger nicht den allerbesten Eindruck. Die Fans sind ihm und auch Trainer Skibbe trotzdem nicht böse, denn zum allseitigen Erstaunen begründet der sein Votum pro Strebinger so: „Wir wollten ihn in dieser Saison zu unserem Pokal-Torhüter machen. Außerdem hatten in einer Umfrage bei Immerhertha 57 Prozent der Abstimmungsteilnehmer für seinen Einsatz plädiert.“

Zu kippen droht die anfangs so positive Stimmung, nachdem Hertha auch in der Liga zum Start gegen Frankfurt (0:1, Torschütze Rob Friend), Leverkusen (0:2) und Dortmund (0:3) ohne Tor und Punkt bleibt. Ausgerechnet gegen Skibbes Ex-Klubs also, doch der Trainer bleibt zuversichtlich: „Der Trend geht ganz klar nach oben. Wir müssten nur einfach mal ein Tor schießen. Fit ist meine Mannschaft in jedem Fall.“ Und weil das so ist, reduziert Skibbe das Trainingspensum auf vier – obendrein noch freiwillige – Einheiten pro Woche: „Die Spieler müssen locker bleiben.“ Die Spieler, die da sind, wohlgemerkt. Denn Geld für Neue hat Hertha trotz des Pokalsieges den ganzen Sommer über nicht gehabt. So plant der neue Präsident Zander einen ersten Coup. Er kenne da ein paar talentierte Straßenmusiker. Wenn die ihre Einnahmen künftig nicht selber behalten, sondern Hertha überlassen würden. . . – so kommen bis zum Ende der Transferfrist immer 1.437, 67 Euro zusammen. Das Geld investiert Manager Michael Preetz in einen albanischen Waisenjungen, der im Alter von 14 mal ein Auswahltraining beim nationalen Verband hatte absolvieren dürfen. Inzwischen ist er 19 „und kann uns helfen“, glaubt Skibbe. Nur waschen müsse der Lockenschopf sich mal, aber dafür gibt es in Herthas Kabinentrakt ja opulente Duschräume. Den Kontakt hergestellt hatte übrigens Paolo, „ein Freund von mir aus der Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße“, erklärt Zander.

September: Der Befreiungsschlag gelingt postwendend. Noch ohne den im Aufbautraining befindlichen Hoffnungsträger steht gegen Aufsteiger Greuther Fürth am Ende ein 4:0 – „unser höchster Saisonsieg“, frohlockt Manager Preetz: „Jetzt wird Hertha angreifen.“ Langjährige Beobachter zucken bei diesen letzten Worten des Managers erheblich zusammen, und weil Fürths Aufstiegstrainer Mike Büskens unmittelbar nach der Niederlage entlassen wird, fragen die Hauptstadtzeitungen anderntags: „Bleibt Büskens gleich in Berlin?“

Neues von der Trainerfront auch andernorts: Markus Babbel ist in der Premier League im Gespräch – bei Brighton & Hove Albion, das nach einem phänomenalen Schlussspurt noch den Durchmarsch aus der Championship nach ganz oben geschafft hat. Die „Sun“ zitiert Babbel, es wäre ihm „eine Ehre, der erste Deutsche zu sein, der in England als Trainer arbeiten darf – gerade bei einem so traditionsreichen Klub“. Er brauche aber doch auch noch ein wenig Zeit, um für sich zu einer Entscheidung zu kommen. „Ich eiere da nicht herum, ich weiß es wirklich noch nicht.“ Letztlich kommt ihm der 1901 gegründete Klub zuvor und entscheidet sich für Dietmar Hamann als neuen Trainer. Aber wie nah auch Babbel an einem Abschluss gewesen sein muss, verdeutlicht die Tatsache, dass er nach den gescheiterten Verhandlungen erst mal mit seiner Familie Urlaub macht – im Seebad Brighton.

Oktober: 1:0 gegen Aufsteiger Paderborn (das Eigentor des Tages erzielt Leihspieler Fanol Perdedaj), 2:1 gegen Kaiserslautern und ein auch in dieser Höhe verdientes 3:2 gegen Skibbes neuen Lieblingsgegner Hoffenheim – nach diesem Zwischenspurt ist Hertha nicht mehr weit entfernt vom proklamierten „vorderen Drittel der Tabelle“. Kapitän Ronny, der auf Anraten der Klubärzte nun wieder 61 Kilo wiegt, sagt, die Spieler seien „froh und erleichtert, dass wir uns nun ein kleines Punktepolster anfuttern konnten“. Der Präsident träumt indes von mehr. „Vielleicht“, sinniert Frank Zander, „können wir in dieser Saison sogar mehr erreichen als einen einstelligen Tabellenplatz.“ In dem Zusammenhang könne es für die Mannschaft sogar von Vorteil sein, „dass für sie die Doppelbelastung mit dem DFB-Pokal wegfällt“.

Aber da ist ja noch die Europa League. Da ist die Gruppenphase in vollem Gange. Hertha hat eine stark osteuropäisch geprägte Gruppe zugelost bekommen, aus der neben den Überraschungsteilnehmern Rabotnicki Skopje (Mazedonien) und FC Vaslui (Rumänien) nur Dynamo Kiew herausragt. Dort sind die Berliner am dritten Spieltag zu Gast – und natürlich haben zwei Herthaner nur allerbeste Erinnerungen an die Spielstätte: Maik Franz und Pierre-Michel Lasogga. Wie der Zufall es will, wiederholt sich die Geschichte. Beim 1:0 stellt Lasogga kurz vor Schluss den Berliner Auswärtssieg sicher. Insgesamt entpuppt sich der Ausflug auf die europäische Bühne aber als reines Zuschussgeschäft. Gegen Rabotnicki Skopje waren nur 834 Fans ins Olympiastadion gekommen, die meisten von ihnen in Berlin lebende Mazedonier. Daher erwägt Hertha, das anstehende Heimspiel gegen Vaslui auf dem Platz von Kooperationspartner FC Lübars auszutragen.

November: Apropos Stadionumzug: Nachdem der „Winter“ 2011 nur ein besserer Herbst geblieben war, bricht jetzt eine gefühlte Eiszeit über Berlin herein. Die Hauptstadt ist eine Eisscholle, alles ächzt unter gewaltigen Schneemassen – auch das Dach des Olympiastadions. Folglich sperrt der Senat Herthas Spielstätte auf unbestimmte Zeit; aber irgendwo muss der Heimspielknüller gegen den Hamburger SV doch stattfinden. . . Da kommt Hilfe vom anderen Ende der Stadt: Erst ist es nur ein Gerücht, doch schon kurze Zeit später postet der seit dem 23.12.2011 zu den Eisernen übergelaufene @Sir Henry bei seinen alten Freunden von Immerhertha ein erstes Beweisfoto – Union-Fans räumen in der Alten Försterei Schnee. In Scharen wandern Hertha-Fans gen Osten, gemeinsam kämpfen Rot und Blau gegen das viele Weiß an, es kommt zu Verbrüderungsszenen auf den Tribünen und dem nach und nach wieder sichtbar werdenden Rasen. Dass das Spiel gegen den HSV anschließend nach nur vier Minuten wegen eines plötzlich einsetzenden Schneesturmes abgebrochen werden muss (und sicherheitshalber gleich in den April 2013 verlegt wird), kümmert praktisch niemand. Längst haben Hertha-Fans den Eisernen ihre Teilnahme am Weihnachtssingen zugesagt. Die Verantwortlichen des 1.FC Union prüfen spontan die Möglichkeit der Errichtung von Zusatztribünen für die Gäste aus dem Westen.

Dezember: In dieser Gesamtberliner Harmonie will auch Präsident Frank Zander das Jahr 2012 positiv ausklingen lassen. Traditionell organisiert er sein Weihnachtsessen für Bedürftige. Weil der Schuldenstand seines Klubs noch immer jenseits der 30 Millionen Euro rangiert, verfügt Zander, dass alle Einnahmen dieser Austragung seines Gänse-Essens „der Ärmsten aller Armen, nämlich meiner Tante Hertha“ zukommen sollen. Es kommt zum Aufstand der Obdachlosen. Spontan rotten sie sich zu ihrem ganz individuellen Weihnachtssingen am Olympischen Platz zusammen. Bei Pappkartonglühwein und Plastikgänsekeulen intonieren rund 3000 Vagabunden: „Nur zu Hertha / geh’n wir nicht…“

Andernorts in der Welt des Fußballs sitzt Markus Babbel am 26. Dezember beim traditionellen Boxing Day auf der Bank Tribüne an der Anfield Road. Der FC Liverpool hat Aufsteiger Brighton & Hove Albion zu Gast, beim 7:1 erleben die Fans der „Reds“ einen 2. Weihnachtsfeiertag der besonderen Art. Auch Babbel ist hingerissen: „Ich habe immer gewusst, dass mein Traum von der Premier League irgendwann in Erfüllung gehen wird.“ Etwas irritiert nimmt seine Frau Silke nur zur Kenntnis, dass ihr Markus noch am selben Tag auch den lange geplanten Urlaub mit der Familie absagt.

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