2012 - Wenn Fußballträume wahr werden... (part I)

(sto) – Liebe Leute, kaum zu glauben, aber es ist wahr: Manchmal muss man gar nicht weit blicken, um festzustellen, dass diese merkwürdige Realität tatsächlich noch immer einen Hauch bekloppter ist als jeder noch so ironische Blick aufs kommende Jahr.

Nehmen wir nur mal an, 2011 - ein Fußballmärchen zwischen Berlin und Wolfsburg (part I)ich hätte vor nun 2011 – ein Fußballmärchen zwischen Berlin und Wolfsburg (part II)fast genau einem Jahr für den Dezember 2011 prophezeit, dass Aufsteiger Hertha BSC im gesicherten Mittelfeld der Tabelle überwintert, außerdem das Achtelfinale des DFB-Pokals erreicht hat – und sich im Rahmen bizarrer Lügenvorwürfe trotzdem von seinem Aufstiegs- und Erfolgstrainer Markus Babbel trennt … ihr hättet mich für diese Vorhersage doch alle für bescheuert erklärt, oder?

Oder für die, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger selbst für Insider unerwartet seinen Rückzug ankündigt; dass Miroslav Klose mit Lazio Rom die Serie A auseinanderschießt, Weltstar Samuel Eto’o derweil zu einem Kunstgebilde namens Anschi Machatschkala ins schöne Dagestan wechselt und Nicolas Anelka in die renommierte chinesische Liga zu Shanghai Shenhua (wer kennt es nicht!). Dass Ralf Rangnick wegen Burn-Out hinschmeißt, und dass zuvor Felix Magath sich eine Facebook-Schlacht mit den Schalker Fans geliefert hat und im Rahmen einer irren Job-Rotation den GröFuMaZ in Wolfsburg beerbt.

Apropos GröFuMaZ: 2012 steht an – und ich verspreche euch: Es wird nicht sein Jahr werden; und anders als 2011 auch nicht wirklich das des GröFuKaZ oder von Friedhelm Funkel. Doch lest am besten selbst. . .

Januar: Schrecksekunde in Herthas Trainingslager im türkischen Belek. Natürlich waren gleich am ersten Tag jedermann die kräftig gebauten Herren mit Sonnenbrillen in dunklen Anzügen ins Auge gefallen. Umso größer ist der Schock, als zu Beginn des zweiten Trainingstages Michael Skibbe fehlt. Hatte sein Ex-Klub Eskisehirspor etwa Häscher entsandt, die den abtrünnig gewordenen Trainer entführt haben? Schnell legt sich die Panik, als Skibbe noch etwas verschlafen aus der Hotellobby ins Freie tritt. „Mein Handywecker war noch auf deutscher Zeit programmiert“, erklärt er. Anderntags steht in Bild exklusiv zu lesen, was Skibbe in jener Nacht geträumt hat. Prompt verschläft auch aber sein neues Team – den Rückrundenstart: 0:1 in Nürnberg, 0:0 gegen den HSV. Aber Skibbe hat das Rezept zur Besserung schon parat: „Wir müssen jetzt einfach mal ein Tor schießen.“ In einer Abstimmung bei Immerhertha glauben 96 Prozent der User, dass das auch gelingen wird.

Andernorts in der Welt des Fußballs ist Markus Babbel bei 1860 München als neuer Trainer im Gespräch. Als Roter zu den Blauen? Er brauche schon noch ein wenig Zeit, um für sich zu einer Entscheidung zu kommen, sagt Babbel: „Ich eiere da nicht herum, ich weiß es wirklich noch nicht.“ Doch aus der ungewöhnlichen Liaison wird sowieso nichts, der Klub entscheidet sich nach der Entlassung von Rainer Maurer für Werner Lorant als Nachfolger. In der Pressemitteilung heißt es: „In unserer Situation braucht es einen Trainer mit Erfahrung.“ Babbel sagt, dass er jetzt erst mal mit der Familie Urlaub machen will.

Februar: Skibbes Worte zeigen Wirkung! Oder liegt es einfach daran, dass Raffael nach vier Spielen Sperre wieder mitmachen durfte? Egal, Hertha schießt Meister Dortmund mit 3:0 aus dem Olympiastadion – nachdem er zuvor schon seinen einstigen Lehrer Lucien Favre im Viertelfinale des DFB-Pokals mit 1:0 gedemütigt hatte. Die Scouts diverser Premier-League-Klubs sind aus dem Häuschen; vorsichtshalber legt Manager Michael Preetz die Ablöselatte auf „35 Millionen Euro – und kein Pfund Sterling weniger“.

Diese Nachricht geht aber völlig unter in dem Skandal, den die Morgenpost zuvor enthüllt hat: Hertha BSC hat dem entlassenen Trainer Markus Babbel entgegen der bisherigen Faktenlage zusätzlich zur vollen Höhe der Abfindung ein Schweigegeld von 500.000 Euro bezahlt. Warum? „Dazu sage ich nichts“, sagt Preetz. „Dazu sage ich nichts“, sagt auch Babbel. Also wird der Chef von dit Janze gefragt, Präsident Werner Gegenbauer, und der sagt: „Zu dem Thema haben Preetz und Babbel alles gesagt.“ Und doch bleiben viele Fragen offen.

März: Beim stürmisch bejubelten 1:0 gegen den FC Bayern bleibt genau ein Platz im Olympiastadion frei. Joachim Löw steckte auf dem Weg von Tegel ins Olympiastadion im S-Bahn-Chaos. Somit bleibt das Siegtor von Pierre-Michel Lasogga vom Bundestrainer unbeobachtet. „Ach, da mache ich mir gar keine Platte“, sagt der Torschütze und lächelt, als er von TV-Reportern auf den Sachverhalt angesprochen wird. Löw selbst äußert sich später im ZDF-Sportstudio in einem am Bahnhof Westkreuz aufgenommenen Einspieler so: „Wir wissen selb’verständlich, über welch högschd außergewöhnliche Qualitäten der Pierr‘ verfügt.“

Etwa zur selben Zeit wird in Freiburg erneut der Trainer entlassen. Ein Kandidat für die Nachfolge ist Markus Babbel (*08.09.1972). Er brauche nur noch ein wenig Zeit, um für sich zu einer Entscheidung zu kommen, sagt Babbel: „Ich eiere da nicht herum, ich weiß es wirklich noch nicht.“ Als beide Seiten sich an sich schon einig sind, präsentiert der Sportclub schließlich doch den öffentlich zu keinem Zeitpunkt gehandelten Michael Wiesinger (*27.12.1972) als neuen Übungsleiter. Dazu erklärt SC-Präsident Fritz Keller: „Wenn zwei gleich gut sind, trainiert bei uns der Jüngere.“ Babbel sagt, dass er jetzt erst mal mit der Familie Urlaub machen will. Derweil vermeldet Hertha einen wahren Geburtenboom. Auf der Geschäftsstelle gehen fast zeitgleich drei Mitarbeiterinnen in Babypause – eine von ihnen beschert dem Bundesligisten quasi nebenbei das 30000. Klubmitglied.

April: Gegen Mainz, Wolfsburg und Freiburg, also gegen „Gegner auf Augenhöhe“ (Manager Preetz, Trainer Skibbe, Kapitän Mijatovic, Präsident Gegenbauer), holt Hertha – auch darin sind sich alle einig – mit 0:0, 0:1 und 1:0 vier entscheidende Punkte auf dem Weg zum Saisonziel Klassenerhalt. Aber der Mann bei Hertha in diesen Wochen ist ohnehin Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst. Der langjährige Vorsitzende der Geschäftsführung der Ufa Film- und Fernseh-GmbH nutzt seine alten Kontakte zu einem spektakulären Deal: Hertha kauft das gleichnamige Gründungsschiff zurück – finanziert werden die Kosten für Anschaffung und Instandsetzung in Höhe von insgesamt drei Millionen Euro durch eine Filmproduktion mit dem Arbeitstitel „Tore! Tore! Tore!“.

Aber wen interessiert schon die Handlung – bei dieser Besetzungsliste: Die Hauptrolle ist selbstverständlich blau-weiß lackiert, 125 Jahre alt, 22 Meter lang und 4,80 Meter breit. Aber auch die Darsteller aus Fleisch und Blut haben es in sich. Erster Offizier mit Namen Otto Lorenz ist Nello di Martino, der in seiner Seemannsuniform wirklich todschick daherkommt. Christian Fiedler spielt den Maat Aron, der in 90 Minuten nur einen Satz spricht. Als beim vergnüglichen Angeln seinem Kollegen Gollnow (lässig cool mit Seemannspulli, Dreitagebart und Kippe: Zecke!) ein Fisch vom Haken geht, motzt Fiedler: „Ich hätte den sicher gefangen.“ Ingo Schiller, der als Küchenchef nur einen kurzen Auftritt hat, guckt in der Szene gleichermaßen vorwurfsvoll drein.

Die kürzeste Diskussion gab es im Übrigen über die Besetzung der Kapitänsrolle. Arne Friedrich erhält den Zuschlag für die Darstellung des Fritz Lindner. „Damit geht für mich ein Traum in Erfüllung“, sagt der angehende Star am deutschen Filmhimmel.

Der Film wird ein Kassenschlager in den Berliner Lichtspielsälen.

Mai: Mit einem 5:4 gegen Hoffenheim und Tabellenplatz 12 beschließt Hertha BSC die Saison. Doch für Genöle über Mittelmaß bleibt keine Zeit, denn nur eine Woche später wird das Olympiastadion in seinen Grundfesten erschüttert. Der Traum wird wahr: DFB-Pokalsieger Hertha BSC! 1:0 im Finale gegen Holstein Kiel! Das Siegtor erzielt Patrick Ebert in der 83. Minute. In Unterzahl retten die Berliner den Vorsprung über die Zeit, nachdem die Ostkurve den Publikumsliebling nach absolviertem Torjubel gleich dabehalten hat. Aus der Traum also für die „Störche“. Dabei hatte Kiel doch eigens für das Pokalfinale Ex-Coach Falko Götz engagiert, weil der den Endspielgegner nach eigenem Bekunden „in- und auswendig“ zu kennen vorgab. Hernach aber muss Götz kleinlaut eingestehen: „Patrick Ebert hatte ich nicht auf dem Zettel.“

In bester Partylaune, möchte man meinen, zelebriert die Basis zwei Tage später die Mitgliederversammlung. Doch rasch kippt die Stimmung im ICC. Die Rekordteilnehmerzahl von 8.427 stimmberechtigten Mitgliedern im völlig überfüllten Saal 1 votiert zum allseitigen Erstaunen (Amtsinhaber Gegenbauer im Vorfeld: „Wenn es sonst keiner macht, mache ich eben weiter.“) gegen das bestehende Präsidium. Da es auch keine Gegenkandidaten gab, der Klub aber „jetzt bitte nicht führungslos werden darf“ (Schiphorst), wird eilends nach Freiwilligen gefahndet. Niemand meldet sich. Da ertönt von hinter der Bühne eine rauchige Stimme, Musik ertönt, eine bekannte Melodie; ein schnauzbärtiger Mann mit Rockermähne und Gitarre betritt die Bühne und stimmt „Nur nach Hause. . .“ an. Begeisterungsstürme im Saal: Spontan wählen 8.418 Mitglieder Frank Zander (70) mit 99,89 Prozent der Stimmen zum neuen Hertha-Präsidenten. Erst nach drei Tagen verlässt auch der letzte Herthaner das ICC, ein Liedchen auf den Lippen…

Juni: Ein Mann, ein Wort! Was Maik Franz unmittelbar nach seinem im Dezember erlittenen Kreuzbandriss angekündigt hatte, wird Wirklichkeit: Pünktlich zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, meldet sich der Abwehrspieler wieder einsatzbereit. Und überraschend reagiert Löw und nominiert den 30-Jährigen für das deutsche EM-Aufgebot. Zunächst – wie auch Torwart Thomas Kraft und Stürmer Lasogga – nur für den erweiterten Kader. Doch anders als die beiden Hertha-Kollegen schafft Franz auf Anhieb den Sprung ins Team. Und es geht gut los, die Vorrunde gegen Portugal (4:0), Holland (4:0) und Dänemark (4:0) übersteht die DFB-Auswahl mit Glück und Geschick, im Viertelfinale ist Tschechien – trotz Roman Hubnik – beim 8:0 nur ein bedauernswerter Spielball der deutschen Angriffswucht. Im Halbfinale wird England (4:0) aus dem Weg geräumt…

Doch so eine EM ist freilich immer auch eine einzige große Jobbörse. Es zerschlagen sich aber Spekulationen, wonach Markus Babbel neuer Trainer des von russischen Millionen sanierten AS Monaco werden soll. Ehe Babbel sagt, dass er jetzt erst mal mit der Familie Urlaub machen will, erklärt er noch: „Ich war mir mit dem Klub schon einig. Letztlich war es aber doch nicht das Monaco, von dem ich geträumt habe.“

Morgen: Dramatik pur im EM-Finale – Präsident Frank Zander sorgt für Ärger – Babbels Traum geht endlich fast in Erfüllung