Kapitän, EM-Teilnehmer, Dauerläufer - oder wer ist Herthas Defensivspieler 2011?

(sto) -Das war deutlich, der erste Teilnehmer am Endausscheid zum Immerhertha-Spieler des Jahres ist ermittelt: Gratulation und Glückwunsch an Thomas Kraft! Ich gestehe, so deutlich hatte ich euer Votum nicht erwartet.

Wenn nun alle eingegroovt sind, kommen wir zum zweiten, schon deutlich komplizierteren Teil unserer Kandidatenkür – heute: die Defensiven.

Ob noch in Liga zwei oder zurück in Liga eins, ein großes Plus von Hertha BSC war in den vergangenen 365 Tagen die hohe Robustheit der Defensivspieler. Die Abwehrkette konnte fast durchweg in identischer Formation auflaufen, in Liga zwei wie Liga eins gleichermaßen. Ähnlich das Bild auf der Doppelsechs im zentralen Mittelfeld.

Blicken wir also zurück auf jene, deren primärer Job das Verhindern von Gegentoren war.

The Nominees are. . .

Christian Lell: Der Ex-Münchner bestritt in Summe 32 von 34 möglichen Punktspielen. Einmal fehlte er wegen eines Muskelfaserrisses, einmal gelb-rot-gesperrt. Defensiv weitgehend ordentlich (54% gewonnene Zweikämpfe in der Bundesliga), schwang Lell sich mit zunehmender körperlicher und auch wieder seelischer Frische zu immer forscheren Läufen auf seiner rechten Seite auf. 25 Flanken stehen zu Buche. Selten unterschritt seine Formkurve ein gewisses Niveau, erreichte zum Teil aber sogar Höhen, die den 27-Jährigen und ihm Wohlgesonnene prompt von einer späten Karriere im Nationalteam träumen ließ.

Roman Hubnik: Konkurrenzlos in der Zweiten Liga und konsequenterweise vom „kicker“ zum Abwehrspieler der Saison im Unterhaus gekürt. Auch in der Bundesliga führt Nebenmann Andre Mijatovic ihn in seiner persönlichen Top-10 der besten hierzulande tätigen Innenverteidiger. Zahlen untermauern diese Einschätzung: 66 Prozent beträgt Hubniks Quote gewonnener Zweikämpfe, aber nur 16-mal sah er sich zu einem Foulspiel gezwungen – und so stehen auch nur zwei Gelbe Karten zu Buche. Quasi nebenbei erkämpfte sich der tschechische Nationalspieler den Status als „Herthas einziger (gesicherter) EM-Teilnehmer 2012“.

Andre Mijatovic: An Herthas Kapitän scheiden sich seit jeher die Geister. Dabei weiß der Kroate selbst am besten – und macht auch kein Hehl daraus -, „dass ich kein Überspieler bin“. Trotzdem ist er im blau-weißen Abwehrverbund unverzichtbar. In Liga zwei verpasste er nach Rotsperre zu Beginn der Rückrunde (zwei Partien) kein Spiel mehr und auch in der Hinrunde der laufenden Saison stand Mijatovic mit einer Ausnahme (Hoffenheim) in jeder Partie auf dem Feld. Oder ist die Wahrheit eine andere, und war seine Anwesenheit erst nur einem Mangel an Alternativen und zuletzt dem Kreuzbandriss von Maik Franz geschuldet? Wie es hieß, wollte Ex-Trainer Babbel seinen Kapitän zu Gunsten des Sommerzugangs opfern und in den letzten vier Spielen des Jahres 2011 (inklusive Pokal) auf die Bank setzen.

Levan Kobiashvili: Er läuft und läuft und läuft. Wenn ihn nicht gerade eine Erkrankung stoppte wie in zwei Spielen der Zweitliga-Rückrunde (Fürth, Ingolstadt), dann war Herthas linke Abwehrseite das Zuhause des Georgiers – und zwar jeweils volle 90 Minuten lang. Auch in dieser Bundesliga-Hinrunde war das so: Als einziger Hertha-Profi überhaupt stand Kobiashvili volle 1530 Minuten auf dem Feld. Und lieferte Qualitätsarbeit – in Form von 27 Flanken, knapp 80 Prozent angekommener Pässe sowie 64 Prozent gewonnener Zweikämpfe. Dazu ein verwandelter Elfmeter beim 3:2 in Wolfsburg und ein vergebener (beim 3:3 gegen Leverkusen).

Andreas Ottl: Erst die Zukunft wird weisen, ob der Ex-Münchner einfach nur der Liebling des Ex-Trainers war. Oder ob Ottl tatsächlich von so großem Wert für den Aufsteiger ist, wie die Zahlen es ausdrücken: Nur sieben Einsatzminuten verpasste er; von 771 Abspielen brachte er 82,4 Prozent zum Nebenmann. Kritiker bemängeln allerdings, Ottls Wirkungsradius beschränke sich vertikal auf fünf Meter dies- und jenseits der Mittellinie sowie horizontal vielleicht zehn Meter rechts und links vom Anstoßpunkt.

Peter Niemeyer: Er kam, sah und grätschte. Der Ex-Bremer etablierte sich auf Anhieb als physische Komponente in Herthas Zentrale. Und Niemeyer schoss wichtige Tore: in Fürth und in Bochum, als die Berliner im Aufstiegsrennen jeweils direkte Konkurrenten abschüttelten. Und auch in Freiburg und insbesondere beim sensationellen 2:1 der Berliner bei Meister Borussia Dortmund. Aber wie unverzichtbar ist ein Kämpfer wie er auf Bundesliga-Niveau? 15-mal stand Niemeyer auch in dieser Saison in der Startformation. Seine 363 Zweikämpfe (56% gewonnen) sind teamintern unerreicht. Zuletzt aber wackelte sein Status als unumstrittene Stammkraft; in Hoffenheim und auch im Pokal gegen Lautern war er jeweils nur Reservist.

Fabian Lustenberger: Der Schweizer ist der Maikel Aerts unter Herthas Defensivspielern – unverzichtbar im zweiten Teil des Aufstiegsjahres – und mit seinem 1:0 beim 5:0 in Aachen auch so etwas wie der heimliche Schütze des schönsten Berliner Zweitligatreffers -, aber in der Bundesliga nur noch dritte Wahl. Was im Falle von Lustenberger durchaus überrascht, hatte er vor dem Abstieg doch durchaus schon nachgewiesen, mehr als nur ein Ergänzungsspieler sein zu können. In der Gegenwart verzeichnet er jedoch nur zwei Startelfeinsätze und insgesamt 292 Einsatzminuten. Wobei der Trend der Friend des spielintelligenten Schweizers ist: In Hoffenheim und auch im Pokal erhielt er den Vorzug gegenüber Niemeyer. Und früher oder später hat Lustenberger sich bei Hertha noch immer durchgesetzt.

Ihr habt die Wahl

Heute bin ich mal so richtig gespannt: Ich erwarte ein enges Rennen, praktisch ein jeder der Nominierten hat sich eure Stimme verdient. Aber es kann nur einen geben: Der Sieger des Votings gelangt in die Endausscheidung zum Hertha-Spieler des Jahres 2011 am Donnerstag, 29. Dezember.