Englische Woche für Hertha, oder: Schön war doch die Zeit

(sto) – Von Lissabon nach Charkiw im Osten der Ukraine sind es Luftlinie 3755 Kilometer. Und gerade mal etwas mehr als eineinhalb Jahre ist es her, dass Hertha BSC letztmals regelmäßig zu Reisen nach Europa aufbrechen durfte, wodurch die Saison dann regelmäßig von so genannten Englischen Wochen durchsetzt war; eine Bezeichnung übrigens, die freilich aus dem englischen Fußball stammt, im dortigen Sprachgebrauch aber als „Three-Game-Week“ bezeichnet wird.

Der Sinn ist derselbe: Eine Mannschaft hat drei – oder sogar mehr – Pflichtspiele binnen sieben Tagen zu bestreiten. Gern erinnere ich mich an Dienstreisen in fremde Fußballstadien: Lissabon im Oktober war toll (das 0:1 gegen Sporting Clube de Portugal unter Interimstrainer Karsten Heine weniger), und für mich als bekennenden Ost-Fanatiker war im November 2008 natürlich auch der gewaltig große Freiheitsplatz von Charkiw mit seiner gewaltig großen Lenin-Statue sehr eindrucksvoll.

Aber bleiben wir in der Gegenwart: Auf Hertha kommt die erste Englische Woche dieser Bundesliga-Saison zu. Samstag gegen Mainz, Mittwoch im DFB-Pokal beim Regionalligisten (und Union-Bezwinger ) RW Essen, dann wiederum am Samstag in Wolfsburg.

Weitere Pokalrunden finden unter der Woche statt

Ob es zugleich die einzige „Three-Game-Week“ bleibt, hängt zum einen am Winter und dessen nicht auszuschließenden Kapriolen, die dann Nachholspiele an Wochentagen notwendig machten. Aber Hertha kann sich auch auf ganz reguläre Weise in den Genuss weiterer Englischer Wochen bringen: eben durch ein Weiterkommen im Pokal. Alle folgenden Runden mit Ausnahme des Endspiels am 12. Mai im Berliner Olympiastadion finden unter der Woche statt.

Neben finanziellen Zugewinnen und sportlichem Prestige lockt also auch die Aussicht auf reizvolle Abendspiele unter Flutlicht.

Herthas Physios kämpfen um Ben-Hatira, Hubnik und Niemeyer

Doch gehen wir Schritt für Schritt, der erste lautet: Mainz. Ich bin gespannt auf das Duell der Trainer-Philosophien: „Bauchtrainer“ Babbel gegen „Konzepttrainer“ Tuchel – welche Strategie erweist sich wenigstens für 90 Minuten als die bessere?

Noch immer ist nicht ganz klar, wie es sich mit den zuletzt angeschlagenen Spielern verhält. Kann Änis Ben-Hatira (Knöchelprobleme) nicht spielen, stehen in erster Linie Tunay Torun und Nikita Rukavytsya, theoretisch sogar Ronny als Ersatzleute bereit. Bei Peter Niemeyer (Rückenbeschwerden) rechne ich fest mit einem Einsatz. Und wo bislang nur eine Variante schien, dass Maik Franz an Stelle von Kapitän Andre Mijatovic ins Team rückt, könnte dies nun der malade Oberschenkel von Roman Hubnik erforderlich machen. Aber auch da gehe ich davon aus, dass Herthas physiotherapeutische Abteilung bis zum Spieltag, 15.30 Uhr, alles geben wird.

Was aber bedeutet die Englische Woche generell für das Personaltableau? Bekanntlich preist Babbel seinen Kader für die Qualität, dass jede Position mindestens in zweifacher Ausführung gleichwertig gut besetzt ist. Bedeutet die Englische Woche da eine Gelegenheit zur personellen Rotation, ist sie sinnvoll, und wenn ja, wann: Zur Wochenmitte bei der vermeintlichen Pflichtaufgabe in Essen, oder nachfolgend beim dritten Spiel der Woche in Wolfsburg?

Von welchen Kriterien würdet ihr solche Wechsel abhängig machen: Vom sportlichen Verlauf bzw. den Ergebnissen, die mehr Spielraum lassen oder umgekehrt Spieler und Trainer in Zugzwang setzen? Oder sollte Babbel auch hier Dinge im Vorfeld festlegen und intern entsprechend kommunizieren, damit die Beteiligten sich rechtzeitig darauf einstellen können?

Eure Meinung ist gefragt!

Zuletzt natürlich die spannende Spekulationsfrage: Mit welcher Bilanz beendet Hertha die erste Englische Woche der Saison: Gelingen in der Liga nach dem 0:4 bei den Bayern nun die angepeilten zwei Siege gegen Gegner auf Augenhöhe? Oder erreicht die Temperatur im Kessel bei, sagen wir, nur einem Remis und einer Niederlage schon gefährliche Höhen?

Und was wiegt dazwischen schwerer: Sorgt der Drei-Klassen-Unterschied zum abgestürzten Traditionsklub Essen für eine beruhigende Favoritenstellung von Hertha BSC, oder ist die Pokalhistorie mit soundsovielen Zweitrunden-Desastern nicht nur Warnung genug, sondern auch Anlass, auch diesmal mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen?

Die Stimmung im alten Georg-Melches-Stadion an der Essener Hafenstraße war sogar zu Zeiten in der fünften(!) Liga wie eh und je. . .

P.S.: Alle Einschätzungen und Fragen zu diesen oder jenen Spielern sind ausdrücklich wertungsfrei gemeint. So sollten sie von euch und uns allen auch diskutiert werden. Niemand, der schreibt, dass Spieler X raus oder Spieler Y rein soll, will deswegen gleich notorisch diesen oder jenen Spieler aus der Mannschaft raus- oder in selbige hineinschreiben. Ein Diskussionforum – wie auch dieser Blog – lebt aber nun mal von „Diskussionen“. Private Fehden und Missgünsteleien sind da trotzdem fehl am Platze. Denkt darüber nach. Macht euch locker. Habt ein schönes Wochenende.