Wer kommt nach Brooks und Kargbo? Hertha und die Herausforderung mit der Jugendarbeit

(ub) – Köln liegt eine Woche zurück. Der FC Bayern noch eine Woche voraus. Die meisten Bundesliga-Profis, so sie nicht in internationalen Einsätzen weilen, genießen einen Familien-Tag. Die Gegenwart holt einen Moment Luft. Gelegenheit, um mal zu schauen, was die sagen, die für uns in die Zukunft schauen.

Von der Hertha-Zukunft waren am vergangenen Freitag beim 5:0-Testsieg in Oranienburg Jerome Kiesewetter und Atakan Yigitoglu dabei, Beide 18 Jahre jung. Beide durften nach guten Leistungen bei der U23 bei den Profis reinschnuppern. Was es zu Doppel-Torschütze Kiesewetter zu sagen gibt, lest Ihr in der Montags-Ausgabe der Berliner Morgenpost.

Grundsätzlich ist es so, dass mir ein aktueller Jugendtrainer von Hertha berichtet hat: „Die Herausforderungen ändern sich. Wir müssen viel intensiver mit den Talenten arbeiten. Die Zeiten, als die Hochkaräter nur so durch die Nachwuchsmannschaften geschwirrt sind, sind vorbei.“

Kiesewetter und der Entwicklungsschub

Potenzielle Überflieger wie einst Kevin und Jerome Boateng, Ashkan Dejagah oder Patrick Ebert sind auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Der Trainer erzählt, dass bei 16-, 17-, 18-Jährigen manchmal erstaunlich Entwicklungsschübe einsetzen. Wie zuletzt bei Jerome Kiesewetter, der zuvor in den Jugendjahren nicht immer wie ein kommender Profispieler aussah. Aber das Pendel geht auch in die andere Richtung. Dass sich Potenziale nicht wie gewünscht entwickeln. John Anthony Brooks, Abu Bakarr-Kargbo, Marco Djuricin oder Niko Schulz haben als Youngster mit ihren 18 Jahren noch alle Zeit der Welt vor sich. Aber durch verschiedene gesundheitliche Probleme in der Saisonvorbereitung haben sie gerade fast eine komplette Halbserie verloren.

In der Wochenend-Ausgabe des Tagesspiegels ist Armin Lehmann noch einen Schritt weiter zurückgetreten. Oder hat für uns mal in die Zukunft geschaut. Unter Überschrift „Rasterfahnung“ beschäftigt er sich damit, wie Jugendliche gesichtet werden. Wer sichtet. Was die Probleme sind. Alles mit in Berlin bekannten Protagonisten. Und stellt fest, dass der Druck und der Drill verdammt früh anfangen.

In der öffentlichen Wahrnehmung lebt Fußball-Deutschland gerade im Youngster-Schlaraffenland: Mesut Özil, Mario Götze, Markus Marin, Marco Reus, Thomas Müller, Marc-Andre Ter Stegen, Ron-Robert Zieler . . . Bei Hertha seien exemplarisch Pierre-Michel Lasogga, Brooks und Schulz genannt, als Hoffnungen für die Zukunft. Eine Entwicklung, um die die Bundesliga europaweit beneidet wird.

„Wir kaufen keine Stars, wir bilden Stars aus“

Wie immer gibt es ‚Zwischenspieler‘. Haben Sebastian Neumann, Fanol Perdedaj, Marvin Knoll oder Shervin Radjabali-Fardi das Zeug zum gestandenen Bundesliga-Profi? Im Moment ist es zu früh. Zu jung, zu wenig Spielpraxis, um Prognose zu wagen. Wahrscheinlich läßt sich das nicht einmal im kommenden Sommer seriös einschätzen.

Doch wie es aussieht, wird es nach den genannten Namen dünner mit der Qualität. Es gab Zeiten, da waren Herthas Jugendteams als Spitzenreiter der jeweils höchsten Jugendligen quasi gesetzt. Im Moment ist die U19 von Trainer Rene Tretschok Tabellen-Achter in der Junioren-Bundesliga, die U17 von Trainer Andreas Thom ist Vierter. Es geht nicht darum, die Arbeit der Beteiligten zu schmälern. Es geht darum, dass es keinen Automatismus gibt: dass ein Star nach dem nächsten aus der Hertha-Jugend purzelt.

Dabei ist das das Geschäftsmodell: selbst außergewöhnliche Spieler auszubilden – Dieter Hoeneß 2003: „Wir kaufen keine Stars, wir bilden Stars aus.“ Um sie identitätsstiftend in der eigenen Profimannschaft einzubauen („Aus Berlin. Für Berlin“). Und auch mal mit Gewinn weiter zu verkaufen.

Halten Profis nur noch bis 29 durch?

Das Spiel wird schneller. In dem Tagesspiegel-Artikel wird hochgerechnet, dass Profi-Karriere künftig womöglich nur bis 28, 29 Jahre möglich sein werden. Was meint Ihr: Wielange kann etwa ein Lasogga seine kraftzehrende, aufwändige Spielweise durchhalten? Oder die flinken Mittelfeld-Dribbler wie Torun und Ben-Hatira ?

Wenn nach den jetzt ausgebildeten Jahrgängen tatsächlich weniger Qualität nachkommt, was wird passieren? Wo schaut sich Hertha dann um: in Polen und den baltischen Staaten? In Afrika? In Asien? Oder beginnt die Sichtung noch früher als bei den von Matthias Sammer genannten Dreijährigen?