Schlechte Kunde auf einem gut bewachten Platz: Was sagt uns der Fall Rangnick?

(mkl) – Den heiligen Rasen des Schenckendorffplatzes dürfen in der Regel nur ganz wenige Auserwählte betreten. Dazu gehören natürlich die Spieler, die Trainer und einige weitere Mitarbeiter des Vereins. Kamerateams nach Absprache, Pressevertreter aber auf gar keinen Fall. Heute gab es eine riesengroße Ausnahme, nicht nur für uns, sondern gleich für rund 60 Polizisten, die sich auf der Zufahrt zum Olympiastadion just am Trainingsgelände von Hertha BSC versammelt hatten, um den Besuch des Papstes zu sichern. Weil es aber offenkundig nicht viel zu tun gab so früh am Morgen, beobachteten viele von ihnen erst einmal das Training.


Mein persönlicher „Höhepunkt“ des Vormittags: Nach rund einer Viertestunde des Zuschauens entfernte sich ein Kollege der Polizei und meinte angesichts der vielen erfolglosen Versuche, den Ball im Überzahlspiel vier gegen zwei im Tor unterzubringen: „Wie soll das erst gegen echte Gegner werden?“ Egal, am Ende hieß es dann zu unser allen Erstaunen: Bitte, hinauf auf den Rasen zum gemeinsamen Gruppenfoto. Da versammelten sich dann alle rund 60 Polizisten (es parkten zwischenzeitlich 20 Einsatzwagen am Schenckendorffplatz), um Teil dieses historischen, jetzt schon legendären Fotos zu werden (Hertha übrigens in Grau):


Nicht zu erkennen, aber trotzdem Fakt: Es fehlen Adrian Ramos und Christian Lell. Ramos laboriert noch immer an den Folgen seiner Gesäß-OP, Lell absolvierte ein leichtes Programm im Rehabereich, er hat eine Rückenblockade. Trainer Markus Babbel meinte später, beide könnten Sonntag auf jeden Fall spielen: „Die Basis ist ja gut“, was heißt: Ein paar Tage Trainingsrückstand werfen die Jungs nicht aus dem Konzept.

Schlechte Nachrichten auf dem Platz

Den Trainer hatte zuvor auf dem Platz die Nachricht vom Rücktritt Ralf Rangnicks erreicht. Er zeigte sich sichtlich gerührt: „Ich habe es eben mit Bestürzung erfahren. Er ist ein anders denkender Trainer, der das auch immer gelebt hat. Das zeigt einmal mehr: Es ist ein stressiger Job, auch für den Kopf“, sagte er. Manche Dinge, so Babbel, dürfe man sich eben nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Das war keine Kritik an Rangnick, sondern wohl eher eine Bestätigung seines bisherigen, eigenen Kurses. Auch wir können den Menschen ja nur vor die Stirn schauen, aber der Eindruck bislang ist: Verbiegen lässt sich Babbel nicht.

Was ist also los in der Bundesliga? Ich neige den zahlreichen Kommentaren von euch zu, dass das Problem „Burn Out“, mentaler Druck oder gleich wie man es nennen will, im Profisport allgemein unterschätzt wird, dass es auf der anderen Seite aber auch nur ein Spiegel der Gesellschaft ist. Das Problem der mentalen Überlastung finden wir überall. Außer, so denken meiner Ansicht nach eben noch zu Viele, im Profisport. Wer sein Hobby zum Beruf macht gilt gemeinhin als Glückspilz, und auch ich ertappe mich – zwischen Handy in der Linken, den Block in der Rechten, Print-Texte und Blog schon im Kopf – dabei, wie ich die Herren Profis auf dem grünen Rasen manchmal beneide. Wie einfach ist doch ihr Job, zumindest theoretisch.

Die Beispiele sind zahlreich und erschreckend

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Nein, so einfach ist das alles nicht. Schauen wir über den Tellerrand: Es trifft alle Sportarten. Jüngstes Beispiel: Britta Steffen, die überfordert von der Schwimm-WM in China flüchtete (auch wenn sie nicht aufhört und das Wort Burn Out ausblieb, sehe ich Parallelen). Nehmen wir Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno, der zwei Jahre nach Peking aufhören wollte, obowhl er aussichtsreich in der WM-Serie lag. Nehmen wir die Überfliegerin im Stabhochspringen, Jelena Isinbajewa. Es gab nichts, was sie nicht gewonnen hätte – trotzdem oder deswegen nahm sie eine Auszeit. Vom bekannten Fall des Sebastian Deisler ganz zu schweigen. Sven Hannawald, Gianluigi Buffon, Jennifer Capriati…die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen.

Nun würde ich Profisportler nicht als gefährdeter Ansehen als andere Menschen im Berufsleben auch, wie gesagt: Dieser Zirkus ist ein Spiegel der Gesellschaft. Schwäche gilt gemeinhin als Problem, wer einem Kollegen den Vortritt lässt, gilt als Weichei ohne Ellbogen. Wer nicht laut genug ist, wird übersehen. So viele Menschen verstellen sich selbst, um irgendwelchen Bildern, Vorgaben, Erwartungen gerecht zu werden. Dass auf diese Weise Konflikte entstehen, ist klar. Und längst nicht jeder kann diese mit sich selbst ausmachen.

Nun, wollen wir den heutigen Tag mal nicht mit all zu trüben Gedanken beschließen :). Babbel zumindest hatte trotz allem gute Laune. Angesichts des Polizei-Aufgebotes meinte er: „Ich habe mich hier noch nie so wohl und sicher gefühlt. Es gab auf jeden Fall schon Veranstaltungen, die mich mehr genervt haben, wenn hier überall Hubschrauber gekreist haben.“ Schön, dass also auch Herthas Trainer den Papst willkommen hieß.

Was meint ihr: Sind Profisportler besonders gefährdert für mentale Überlastungssyndrome? Oder sehen wir jetzt nur in geballter Form das, was in unser aller Leben wirklich abgeht? Oder sagt ihr: Wer in der Öffentlichkeit steht, muss da einfach auch mal durch?