Herthas zu alte und zu langsame Defensive, oder: Was vom Vorwurf übrig blieb

(sto) – Still ruht der Schenckendorffplatz. Erst morgen, Dienstag, ab 15.30 Uhr üben die Meisterbesieger von Hertha BSC das nächste Mal. Auch im so genannten Medien-Net datiert die letzte Meldung von vor vier Tagen.

Machen wir uns unsere Geschichten also selbst – und folgen gern dem Zuruf von @jap_de_mos, der fragte: Wer und was außer Raffael machte den Sieg in Dortmund sonst noch möglich? Reden wir also über die für die Entstehung des 2:1 nicht minder bedeutsame Verteidigungsleistung.

Fünf Spiele, fünf Gegentore – „unsere Ergebnisse sprechen für sich“, hat Peter Niemeyer am Wochenende sehr selbstbewusst zu Protokoll gegeben. Dabei ließ Herthas Defensivabteilung zu Saisonbeginn doch scheinbar in diese drei Rubriken unterteilen: zu alt (Kobiashvili, Mijatovic), zu langsam (Kobiashvili, Mijatovic) und als Zweite Wahl von den Reservebänken der Liga zusammengekauft (Kobiashvili, Lell, Niemeyer, Ottl). Und wer, zum Teufel, ist schon dieser Hubnik?

Vorwurf 1 – zu alt: Im biblischen Alter von 34 Jahren ist Kobiashvili der Nestor der Berliner Hintermannschaft. Mijatovic ist 31, Franz 30. Lell, Hubnik und Niemeyer sind 27, Ottl ist 26. Auf diese sechs vereinen sich 2676 von 2700 möglichen Einsatzminuten von Doppelsechs und Viererkette im bisherigen Saisonverlauf. Fazit: Mangelnde körperliche Fitness, sprich die Luft für anspruchsvolle 90 Bundesliga-Minuten lässt sich ihnen also schon mal nicht unterstellen; ausdrücklich auch nicht Kobiashvili.

Vorwurf 2 – zu langsam: Irgendwann im Laufe der Übertragung soll der TV-Kommentator gesagt haben, dass Ottl in der ersten halben Stunde noch nicht einen Zweikampf bestritten habe. Im ersten Moment erscheint das ein fürchterlicher Wert. Im zweiten kommt mancher darauf, dass es vielleicht damit zu tun haben könnte, dass da einer – a la Lustenberger – einfach so viele Spielsituationen vorausahnte, dass es erst gar nicht zum Zweikampf kam.

Ein zweites Indiz, dass die Laufleistung allgemein und das Tempo im Besonderen stimmen: Für Lell sind nach fünf Partien drei Fouls notiert, für Kobiashvili sieben; für Hubnik (in zwei Spielen) eines, für Franz (in drei) drei; Mijatovic langte immerhin achtmal hin (darunter einmal elfmeterreif); die Mittelfelddefensiven bringen es auf fünf bzw. neun foulwürdige Vergehen. Fazit: In allen sieben Fällen sind das durchschnittlich weniger als zwei Fouls pro Partie – mit einer solchen Bilanz wäre wohl sogar „Grätschenallergiker“ Joachim Löw einverstanden.

Vorwurf 3 – Zweite Wahl: Es muss kein Makel sein, beim FC Bayern, auf Schalke oder bei Werder Bremen auf der Bank zu sitzen. Entscheidend ist nur, ob einer im Ernstfall auf Anhieb Bundesliga-Niveau trifft. Das war bei Kobiashvili der Fall, als er im Winter des Abstiegsjahres aus Gelsenkirchen flüchtete und vom ersten Spiel an die bisherige Berliner Schwachstelle hinten links stablisierte. Niemeyer war vor einem Jahr auf ähnliche Weise sofort eine wichtige Stütze. Bei Lell dauerte es ein Jahr, aber derzeit scheint für ihn hinten rechts nur der Himmel das Limit zu sein; manch einer spricht sogar schon von einer späten Karriere im auf dieser Position ewig suchenden Nationalteam. Ottl spielte – wie alle – gruselig gegen Nürnberg und ordentlich in den folgenden drei Partien, ehe er in Dortmund nun zum ersten Mal herausragte und gemeinsam mit Nebenmann Niemeyer der Chef in der Spielfeldmitte war.

Bei Franz und Mijatovic ist der Fall ein wenig anders geartet: Sie schienen mit jeweils einem entscheidenden Patzer in den beiden ersten Saisonspielen die Kritiker zu bestätigen, die an ihrer Tauglichkeit für die Bundesliga zweifeln. Nicht grundsätzlich, doch haben beide eben schon den einen oder anderen Abstieg hinter sich – und genau dieses Schreckensszenario möchte Hertha als Bundesliga-Rückkehrer in dieser Saison doch unbedingt vermeiden. Franz in Hannover und Mijatovic in allen Spielen seitdem kehrten den Trend gewaltig um. Mijatovic berief der „kicker“ als zweiten Herthaner neben dem in Dortmund überragenden Raffael in seine elitäre „Elf des Tages“. Fazit: Die erste Garde spielt unstrittig anderswo. Aber für einen schmalen Taler hat sich auch bei Hertha nicht das schlechteste Personal versammelt.

Eure Meinung ist gefragt

Was meint ihr: Noch so einiges ließe sich mit endlosen Zahlenkolonnen belegen. Ich will euch und mich damit aber nicht über Gebühr strapazieren, außerdem ist es doch der subjektive Eindruck, der, wenn er objektiv zum Ausdruck gebracht wird. . . Nein, im Ernst: Ich will das Bild nicht rosaroter malen als es ist. Aber über die ersten 540 Minuten der Saison haben mich die Herrschaften in Herthas Defensive überzeugt und dann und wann sogar angenehm überrascht. Wie bewertet ihr nach fünf Spielen mit nur einer Niederlage und fünf Gegentoren, aber schon acht Punkten Herthas Defensivblock? Wer ragt für euch in Summe bislang heraus, wessen Leistungen haben euch auf Bundesliga-Niveau am meisten (positiv) überrascht?