Die Raffael-Debatte: Endlich Herthas Superstar oder nur ein Egoist?

(sto) – Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, der fußballerische Feinkost zweifelsohne gewohnt ist, attestierte „ein überragendes Spiel“. Ein Medienvertreter, der Meister Borussia gleichsam auf Schritt und Tritt verfolgt, nannte die Leistung des Mannes im Berliner Trikot mit der Rückennummer „10“ in der typischen Sprache des Ruhrgebiets „sackstark“.

Und hier sprechen einige davon, dass der von BVB-Seite mit solchen Lobeshymnen belegte Raffael ganz und gar kein überragendes Spiel gemacht habe und auch nicht sackstark gewesen, sondern allenfalls eigensinnig zu Werke gegangen sei. Und dass er als Liebling von manchem (wir denken uns an dieser Stelle das Wort: Blogpappi) besser beurteilt würde als es bei anderen Spielern der Fall wäre.

Diskutieren wir also die hier zum Teil komplett gegensätzlichen Ansichten.

Die Konkurrenz hat Respekt vor Herthas Südamerikanern

Es soll ja ein jeder seine Meinung haben und auch zum Ausdruck bringen dürfen. Aber ganz ehrlich: Beinahe amüsiert es mich, dass der Aufsteiger beim Deutschen Meister 2:1 gewonnen hat, hier aber diskutiert wird, als ein wirklich perfekter Spiel(mach)er hätte Raffael vor dem 1:0 den Ball quer zu Patrick Ebert spielen müssen – und allein schon für diesen Egoismus im Abschluss habe er keine „1“ verdient. Tut mir leid, so kann ich nicht denken.

Erwartet man von den Besten nicht immer, dass sie in entscheidenden Momenten Verantwortung übernehmen? Und nichts anderes als die Besten in Reihen des Aufsteigers sind nach weit verbreiteter Meinung diese Raffael und Adrian Ramos. Zigfach haben Bundesligisten landauf, landab ihren Respekt vor den individuellen Fähigkeiten der beiden Südamerikaner in Herthas Offensive artikuliert.

Was Raffael von Ebert unterscheidet

Raffael hat in der Szene des 1:0 Glück gehabt, aber er hat auf dem Weg dorthin gedankenschnell auch vieles und letztlich alles richtig gemacht, nämlich den Ball im Netz untergebracht. Allein das ist für mich maßgeblich. Alles ‚hätte, wäre, wenn und aber’, und ob Raffael bei einem Fehlschuss eine „3“ oder gar nur „4“ hätte bekommen müssen, interessiert mich nicht. Trifft er nicht, ist das anders zu bewerten, selbstverständlich. Aber die Frage stellt sich nicht, er hat nun mal getroffen.

Genauso erschließt es sich mir nicht, weshalb eine „1“ für Raffael und die „3“ von Patrick Ebert nicht in Einklang zu bringen sein sollen: Ebert hat eine(!) ordentliche Ecke getreten, die in letzter Konsequenz zum 2:0 führte. Aufgabe befriedigend erfüllt. Ja, Raffael brauchte, ehe er zum entscheidenden Spieler auf dem Platz wurde. Aber sein Tor war es, das den Meister erst so richtig unter Zugzwang setzte.

Und das ist gegenwärtig eben auch ein Unterschied zu Ebert: Vom aktuell dienstältesten Herthaner vernehme ich immer nur, dass er Tore nicht nur vorbereiten, sondern deutlich mehr als bislang auch selbst welche erzielen will. Raffael nimmt es sich nicht nur vor. . .

Was Raffael von Messi unterscheidet

Die sich in der Folge von Raffaels 1:0 stärker bietenden Räume ließen Hertha zu Kontern kommen. Sein Lattentreffer – nach Ebert-Flanke; was wahr ist, muss wahr bleiben – war das Ergebnis einer technischen Meisterleistung: Diesen Ball musste man überhaupt erst mal erreichen und dann auch noch so mit der Innenseite des Fußes verarbeiten können.

Auch beim folgenden Pfostenschuss hatte Raffael schlicht – Pech. Ich habe die Szene später noch mal im Fernsehen gesehen. Zwischen den Beinen von Dortmunds Torhüter Weidenfeller, den er tunnelte, war kaum mehr Raum, durch den der Ball hätte gelangen können. Wenn er dann gegen den Pfosten prallt – ganz ehrlich, da muss dann wohl schon ein Wunderknabe wie Messi ran, der den Ball noch irgendwie so anschnibbelt, dass er in sensationeller Weise ins Tor gelangt.

Raffael ist kein Messi, er wird es im Alter von nun 26 Jahren in diesem Leben auch eher nicht mehr werden. Doch wo steht der einstige Wunschspieler von Lucien Favre nach nun dreieinhalb Jahren im Hertha-Trikot? Favre wollte Raffael unbedingt, und der vergoss bittere Tränen, als sein Wechsel vom FC Zürich nicht schon im Sommer 2007 zu realisieren war. Was folgte, war ein halbjähriges Tauziehen, ehe Raffael schließlich im Januar 2008 bei Hertha andockte.

Der Traum von Barcelona

In ihm, dem vermeintlichen Supertalent, sahen viele den neuen Heilsbringer. Der Vertrag mit dem abgebenden Schweizer Klub sah Nachzahlungen für den Fall vor, dass Hertha die Champions League erreicht und/oder Raffael brasilianischer Nationalspieler wird. Raffael sprach offen von Hertha als Sprungbrett zu seinem Traumverein, dem FC Barcelona.

Inzwischen versucht sich bei Hertha nach Favre und Friedhelm Funkel mit Markus Babbel der dritte Trainer daran, Raffael nur zu so etwas wie einem konstant überragenden Bundesliga-Spieler zu entwickeln. Hoffnung schimmert, dass es endlich soweit sein könnte.“Er hat sich zu Herzen genommen, dass er auch in der Defensive mitarbeiten muss.“ Um anschließend auch in der Offensive zu Chancen zu kommen.

Babbel will Raffael „auf ein neues Level heben“

Im zweiten Spiel in Folge hat Raffael ein 1:0 für Hertha erzielt, beide Spiele – immerhin gegen Stuttgart und Dortmund – wurden gewonnen. Schon ein Trend, oder nur eine zufällige Reihung – was meint ihr? Babbel hat es sich zum Ziel gesetzt, „Raffael auf ein neues Level zu heben“, sprich: Den Unterschied, den er in Dortmund zu Herthas Gunsten ausgemacht hat, soll und muss Raffael jetzt regelmäßig ausmachen.

Schafft Raffael mit 26 noch den Durchbruch, oder ist der Zug, ein ganz großer (Bundesliga-)Profi zu werden, schon abgefahren? Falls ja, wer trägt daran welche Schuld? War Raffael zu bequem, haben seine Trainer ihn falsch gefördert? Nur ein Beispiel: Die „Raute“ hatte bei Hertha in den Jahren mit Raffael absoluten Seltenheitswert.

. . .und dann ist da ja noch Bruder Ronny

Als ich dem eingangs erwähnten Dortmunder Kollegen vom nicht immer unbelasteten (und an dieser Stelle viel diskutierten) Verhältnis von Raffael und Babbel erzählte, glaubte der an einen Scherz. Einer wie Raffael, glaubte er, müsse doch uneingeschränkt Stammspieler sein – erst recht bei einem Klub wie Hertha, bei allem Respekt vor dem Aufsteiger.

Erst recht ungläubig blickte der Kollege drein, als ich ihm von einem gewissen Ronny erzählte, und dass der ein mindestens ebenso begnadeter Kicker sei wie sein Bruder. Welches Potenzial da bei Hertha also noch auf der Tribüne schlummere – aber das ist wieder eine andere Geschichte. . .