Hertha im September: Vier Schützen, fünf Punkte, Presseschelte und ein hoher Zuschauerschnitt

(ub) – Eine Saison ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ein Satz aus der Evergreen-Schublade von Hertha-Manager Michael Preetz. Dennoch läßt sich sagen: Die erste Sprintserie ist absolviert. Hertha hat fünf Pflichtspiele bestritten, vier in der Bundesliga, eines im DFB-Pokal. Jetzt wird Luft geholt. Zwölf Tage Länderspiel-Pause. Gelegenheit für eine erste Zwischenbilanz:

Die Resultate:

– 4:0 beim ZFC Meuselwitz, in der zweiten Pokalrunde geht es zu Regionalligist Rot-Weiss Essen.

– 0:1 gegen Nürnberg, 2:2 beim HSV, 1:1 bei Hannover 96, 1:0 gegen den VfB Stuttgart.

Fünf Punkte von zwölf möglichen sind für einen Aufsteiger keine gute, aber eine ordentliche Ausbeute.

Bundesliga-Torschützen: Torun, Mijatovic, Lasogga, Raffael. Gut verteilt. Heißt aber auch, dass Adrian Ramos, Patrick Ebert sowie die defensiven Mittelfeldspieler noch auf der erste Erfolgserlebnis warten.

Taktik: Gegen Nürnberg ließ Trainer Markus Babbel mit einem 4-4-2-System beginnen. In den anderen drei Spielen wurde auf 4-2-3-1 umgestellt. In allen Partien wurde deutlich: Es ist schwer gegen Hertha zu spielen. Kein Gegner hat sich ein Übermaß an Chancen erarbeitet. Die Fitness stimmt. Nicht zufällig hat Hertha in drei Partien späte Tore erzielt. Allerdings heißt Bundesliga auch: Fehler werden sofort bestraft. Die Herren Franz und Mijatovic wissen, wovon die Rede ist. Im Vorwärtsgang hat Hertha noch Steigerungspotential. Das Tempo im Spielaufbau könnte höher sein, die Abstimmung bei den Laufwegen besser. Folge: Hertha erarbeitet sich relativ wenig Chancen (Ausnahme HSV-Spiel). Und ist darauf angewiesen, die relativ konsequent zu nutzen.

Die Neuen: Vier Zugänge hat Hertha zu vemelden. Im Tor ist Thomas Kraft den Erwartungen gerecht geworden. Hat sich in den ersten beiden Spielen trotz Knöchelverletzung durchgebissen (das war der Grund für seine teilweise schwachen Abschläge), ist unstrittig die Nummer eins. Maik Franz hat sofort Bundesliga-Niveau getroffen. Andreas Ottl hat in allen 360 Minuten gespielt. Sein Niveau ist ordentlich, aber dauerhaft darf da mehr kommen. Tunay Torun weist die bisher größten Schwankungen auf. Zwischen schwach (wie gegen Nürnberg) und stark (wie in Hamburg). Verspricht noch einiges für die weitere Saison.

Personal: Der Kader ist noch ausgeglichener besetzt als im Vorjahr. Der Trainer versucht die Wechsel in Grenzen zu halten. Die Leidtragenden sind Spieler wie Fabian Lustenberger, Ronny und Nikita Rukavytsya. Für die hat die Bundesliga noch gar nicht richtig begonnen, obwohl sie lässig Erstliga-Niveau treffen werden. Lasogga bekommt die Härte des Bundesliga-Alltages zu spüren. Geduld gehört zum Profi-Dasein dazu, aber er wird seine Einsätze erhalten. Auch von Morales und Perdedaj ist einiges zu erwarten.

Braucht Hertha einen weiteren Stürmer?

Als Manko sehe ich weiter die Besetzung der dritten Sturmposition. Aufgrund der Vertragskonstellation ist es schwierig Rob Friend abzugeben. Dennoch: Hertha braucht einen besseren dritten Stürmer. Was ist, falls Ramos oder Lasogga mal nicht zur Verfügung stehen? Auch wenn die derzeitigen Signale auf einen Verbleib des Kanadiers deuten: Die Transferliste ist bis zum 31. August geöffnet.

Wegen Verletzungen nicht zu werten sind Brooks, Schulz, Kargbo und Djuricin.

Trainer Markus Babbel war am Freitag die deutliche Erleichterung nach dem ersten Saisonsieg anzumerken. Er hat mit dem Manager Preetz gemessen an den finanziellen Möglichkeiten einen ordentlichen Kader zusammengestellt. Als junger Trainer ist er nach wie vor in der Entwicklungsphase. Sein Coaching während des Spiels ist etwas aktiver geworden als in der Vorsaison. Das öffentliche Bashen von Spielern, mit denen er unzufrieden ist, sollte Babbel sparsamer dosieren, um die eigene Glaubwürdigkeit in der Mannschaft zu erhalten. Als Berlin-Erklärer taugt der Trainer nur bedingt, Klaus Wowereit hat sich nicht zufällig angeboten, Babbel hier etwas Nachhilfe zu geben

Erwartungshaltung Von Babbel zum Problem erhoben. Er habe gegen die übertriebenen Ansprüche in der Stadt angehen wollen, deshalb seine Interviewäußerungen. Meine Wahrnehmung: Ob Manager Preetz, Präsident Gegenbauer, die Spieler, die Mitglieder, die Fans, die Medien: Alle sind mit dem Saisonziel Klassenerhalt d’accord. Außer dem Trainer (drei Siege aus den ersten drei Spielen/Sieg im DFB-Pokal) hat nie jemand andere Erwartungen befeuert. Oder habe ich was übersehen?

Presseschelte Von Babbel geübt. Haben wir Journalisten uns selbst zuzuschreiben. Es sind in den letzten zwei Wochen einige schwache Texte in Berliner Medien erschienen da schließe ich die Morgenpost mit ein (nur der Vollständigkeithalber: Es gab auch ordentliche, sprich angemessene Texte). Der Trainer erwartet, dass er fair behandelt wird. Das ist sein gutes Recht (gilt auch umgekehrt).

Zuschauerschnitt nach zwei Heimspielen: 56.675. Der eine oder andere bangt schon, warum Berlin keine Lust auf Bundesliga habe. Im Bundesliga-Vergleich liegt Hertha auf Rang vier (hinter Dortmund, Bayern und Schalke) – ich finde, dass sich das sehen lassen kann.

Jetzt Ihr: Wie ist Hertha in die Saison gekommen? Wo erwartet Ihr Steigerungen? Wo gibt es Bauchschmerzen? Wo Zustimmung, wo Widerspruch?