80 Minuten Arbeit = ein freier Nachmittag

(sto) – Nach getaner Arbeit folgte die Absage. Sie hätten vormittags „intensiv und genug trainiert“, aus diesem Grund werde auf die für den Nachmittag angesetzte Einheit verzichtet, teilte Hertha BSC im Namen und Auftrag von Markus Babbel aus. Es war dies eine Information, die bei den anwesenden Medienvertretern durchaus für Erstaunen sorgte, denn die Kollegen und auch ich hatten allesamt verfolgt, was und wie die Trainingsgruppe in den vorangegangenen 80 Minuten trainiert hatte.

Nach pünktlichem Beginn um 10 Uhr wurde 30 Minuten fünf gegen zwei gespielt. Es folgten ab 10.35 Uhr gut 20 Minuten Kurzpassspiel von drei Teams á vier Spielern (rot: Lell, Ramos, Raffael, Rukavytsya; gelb: Niemeyer, Ottl, Franz, Mijatovic; grau: Janker, Friend, Brooks, Morales). Diesem Pensum schlossen sich finale 30 Minuten sechs gegen sechs mit zwei Torhütern erst aufs halbe und dann sogar nur drittel große Feld. Es war gewissermaßen ein Kick „Offensive gegen Defensive“, in diesen Besetzungen: Burchert, Brooks, Morales, Raffael, Ramos, Friend, Rukavytsya gegen Aerts, Lell, Franz, Mijatovic, Janker, Ottl, Niemeyer. Das war’s.

Torun für die Türkei nachnominiert

Jetzt ihr: Rechtfertigt ein solches Programm einen freien Nachmittag – am ersten Trainingstag nach dem restlos in den Sand gesetzten Saisonauftakt? Ich finde nicht, und da spielt es für mich auch keine Rolle, dass ein geordneter Trainingsbetrieb bei nur einem Dutzend verfügbarer Spieler (Kraft, Ebert, Ronny, Hubnik, Kargbo fehlten weiter wegen Blessuren; Kobiashvili, Lustenberger, Perdedaj, Neumann, Lasogga und nun auch Torun sind auf Länderspielreisen) ohnehin kaum möglich ist.

Stattdessen verblüffte Babbel mit weiteren so nicht unbedingt erwarteten Aussagen und Einschätzungen. Etwa jene, weshalb die von uns allen (Spieler inklusive) erwartete Analyse/Ansprache infolge des 0:1 gegen Nürnberg nicht stattgefunden hatte: „Mit den zwölf Hanseln“, sagte der Trainer in seinem bayerischen Idiom, „muss ich keine Analyse betreiben.“ Zumal fünf dieses Dutzends „gegen Nürnberg nicht gespielt“ hätten.

Nun ja, sage ich auch da. Zum einen waren es nur deren vier (Friend, Janker, Brooks, Morales), und somit gilt: Mit immerhin acht der – inklusive Einwechselspieler – 13 Versager vom Saisonauftakt hätte Babbel Analyse betreiben können, die meisten von ihnen Stammspieler und als Leistungsträger fest eingeplant. Wie die drei Viertel der Abwehrkette Lell, Franz und Mijatovic, wie die Mittelfelddefensiven Niemeyer/Ottl und wie die unbestritten besten Offensivspieler Raffael und Adrian Ramos, dazu kam noch der eingewechselte Nikita Rukavytsya.

„Weiter so!“ – der richtige Weg?

Ob ein einfaches „Weiter so!“ der richtige Weg ist? Denn neben etwa einem Mentaltrainer erteilt Babbel auch der Forderung nach Spezialtraining – es soll ja die ein oder andere eklatante Schwäche im Berliner Spiel gegeben haben – eine Absage. Er sei „grundsätzlich nicht bereit, nach einem Spiel, das in die Hosen ging, mein ganzes Konzept über den Haufen zu werfen“. Wie gesagt, mich mutet das alles sehr seltsam an – aber das Schöne ist: Schon das Spiel am Samstag in Hamburg wird der nächste kleine Wahrsager, ob Babbels Weg der Verarbeitung der richtige ist.

Ein Sonderlob kassierte im Übrigen – *trommelwirbel* – Raffael! Zwar war der oben beschriebene Abschlusskick kaum dazu angetan, für Auffälligkeiten zu sorgen, doch geriet Babbel hernach regelrecht ins Schwärmen über den Brasilianer, über den dieser Tage so leidenschaftlich diskutiert wird: „Wenn er sich mir immer so präsentiert wie heute“, sagte Babbel, „so präsent, so aggressiv und so torgefährlich, dann werde ich immer einen Platz für ihn in meiner Mannschaft haben.“

Brooks is back!

Den Aufmerksamen unter euch wird es nicht entgangen sein: Einer, der lange fehlte, stand an diesem Dienstag zum ersten Mal wieder mit den Kollegen auf dem Platz. John Anthony Brooks (Foto: ub) hat seine Achillessehnenbeschwerden überwunden, die ihn schon zum Ende der vergangenen Saison hin plagten und die er dann verschleppt hat. So hat er es uns gegenüber heute beschrieben. „Bitter“, fand er die lange Zwangspause, denn natürlich hat sie ihn, den so hoch Gelobten, zurückgeworfen. Keine Ansprüche will er nun erst mal stellen, dafür „viel lernen“, und wenn es dann in dieser Saison zu „ein paar Teileinsätzen“ reicht – umso besser.

Als „ein Riesentalent“ hat Babbel Brooks bezeichnet. Athletisch, groß, trotzdem schnell – viele fühlen sich auch schon erinnert an Jerome Boateng, jenes gleichfalls von Hertha ausgebildete, große Verteidigertalent, das über die Stationen Hamburger SV und Manchester City inzwischen beim FC Bayern gelandet ist.

Was meint ihr, was dürfen wir in dieser Saison von Brooks noch erwarten? Oder sind wir am besten beraten, wenn wir einfach gar nichts erwarten, sondern den Jungen jetzt erst mal machen lassen – und dann umso mehr überrascht sind, wenn „the next Boateng“ wieder aus dem Berliner Nachwuchs entspringt?