@Schuss.Tor.Hinein! und @Sir Henry über den liebsten Feind: Fan-Zuneigung und Fan-Abneigung

(ub) – Voilà, hier gibt’s ein großes Paket: Immerhertha-XXL. Unabhängig von einander haben sich zwei von Euch mit dem gleichen Thema beschäftigt: Warum hat man Sympathie für manche Vereine. Und warum wird eine Rivalität mit anderen aufrecht erhalten, die nur mit dem Blick in die Geschichtsbücher zu erklären ist – und nichtmal einen Gegenpol hat. Zuerst wird @Schuss.Tor.Hinein! tätig, auf deren Homepage wir verweisen. In der zweiten Hälfte nimmt sich @Sir Henry aus anderem Blickwinkel der Frage an. Viel Spaß beim Lesen. Und Kompliment an beide Autoren: Die Texte kamen mit Quellen-Angaben im Internet, Fotos und Vorschlägen zur Clickshow .

Mit Blick auf den Doppel-Whopper-Umfang und weil das Thema einiges für Diskussionen hergibt, wird dieser XXL-Blog eine Wochenend-Ausgabe, die über zwei Tage bis Montag stehenbleibt.

@Schuss.Tor.Hinein: Mein liebster Feind

(sth) Es ist der Tag des Finales. Jenes Pokalfinale, von dem wir alle, wohl mehr befürchtend als wissend, annehmen, dass Hertha BSC es nie erreichen wird. Und das, obwohl es so praktisch vor unserer eigenen Haustür stattfindet. Wie schade eigentlich. Aber, es ist auch der Tag, an dem ich mir meine neue Hertha-Dauerkarte kaufen werde. 2011/12: Erste Liga, da will ich dabei sein. Ja. Ein schönes Gefühl, das mich für einen kurzen Moment lang gefangen nimmt und in eine gute, eine blau-weiße Welt entführt. Mit der Aussicht auf spannende und interessante Spiele und hoffentlich interessanten Gegner . . .

. . . bis zu jenem Zeitpunkt, an dem ich vor dem Hertha-Fanshop meiner Wahl, am Breitscheidplatz/Europacenter, eintreffe, um dort jäh aus meinem schönen Traum gerissen zu werden: Von tausenden ausgelassen feiernder Fans des FC Schalke 04. Gelsenkirchener Vorglühen fürs Pokalfinale am Abend, sozusagen. „Das kann doch jetzt echt nicht sein“, rede ich zu mir selbst, „dass sich jetzt hier tausende von Schalkern vor meinem Fanshop breit machen und Spaß haben. Schlimm genug, dass sie im Finale stehen, aber vorm Herthafanshop Party machen, das geht echt gar nicht.“

„Haben Sie das neue Schalke-Trikot?“

Also, schnell rein in den Fanshop und den Schalker Mob draußen lassen – ich will schließlich in Ruhe meine Dauerkarte kaufen. Im Kellergeschoss des Fanshops verpasst man mir einen guten Stadionsitzplatz (direkt neben Werner G.) und auf meinem Weg über die Wendeltreppe zurück ins Erdgeschoss, bemerke ich schon das Sakrileg, die Entweihung des heiligen Bodens: Schalke-Fans betreten meinen Fanshop. Hallo? Darüber schon halb ohnmächtig vor Wut, erwartet mich sogleich der nächste Keulenschlag. Sie wagen es doch tatsächlich, folgende, aus Worten modellierte (und aus ihrer kleinen Weltsicht wohl „witzige“) Frage ihren Sprechorganen entfahren zu lassen: „Haben Sie schon das neue Schalke-Trikot?“ – Bäng! –Totenstille. Auch der Klavierspieler im Saloon würde jetzt schlagartig aufgehört haben zu spielen, wenn es im Herthafanshop einen Klavierspieler geben würde bzw. der Herthafanshop ein Saloon wäre (wir denken über diese Art Geschäftsmodell vielleicht an anderer Stelle weiter nach…).

Wir alle stehen wie paralysiert da (aber die Hand am Revolver, jederzeit bereit zu ziehen) und warten voller nervöser Spannung. Die Luft vibriert. Plötzlich der erlösende Moment. Der Klavierspieler (die Verkäuferin!) antwortet trocken: „Nee, leider schon alle ausverkauft!“ – die Musik spielt weiter. Hä? Welche Musik? Ich will nur weg. Das ist mir alles zuviel. Schalker sind doch einfach echt nur saudoof…

Nach dem Finale abends tobt dann bei immerhertha.de die Diskussion: Wie kann es angehen, dass Schalkefans in „unserer“ Ostkurve platziert wurden (verlorene Heimrechtwahl hin oder her) und was bedeutet das? Die Community diskutiert aufgeregt. Und mir steht natürlich auch der Schaum vorm Mund. Wie soll man dort noch ordentlich Fußball gucken, jetzt, wo unser liebster Feind sich unsere heilige Kurve zum Untertan gemacht hat. Verdammt. Ich möchte am liebsten laut aufschreien: „Wer nicht hüpft, der ist ein Schalker – hey, hey, hey!“ Oder besser gleich zum Fenster hinaus laut und aggressiv in den Hinterhof intonieren: „Wir sind die Blauen, wir sind die Weißen, wir sind diejenigen, die auf die Schalker schei…!“ – das wird schon irgendjemand verstehen, im Hinterhaus. Oder?

Zoltan Varga, der DFB und das 3:0

Vierzig lange Jahre ist es nun mittlerweile her, ich selbst habe es gar nicht miterlebt, dass es den sog. Bundesligaskandal gab. Herthaspieler waren bestochen worden, Schalkespieler auch. Der Herthaspieler Zoltan Varga wurde (höchst umstritten, weil der eigentliche Prozess zum Bestechungsskandal noch gar nicht stattgefunden hatte) vom DFB mit einer Vorsperre belegt, wollte das aber nicht akzeptieren und bekam vorm Berliner Landgericht Recht. Im anstehenden DFB-Pokalspiel (Dezember 1971) gegen Schalke 04 wurde er von Hertha also eingesetzt und führte sein Team zu einem 3:0-Sieg. Schalke legte Einspruch ein und beim DFB erkannte man eine gute Gelegenheit, dem „aufmüpfigen Berlin“ einen Denkzettel verpassen zu können. Also wurde dem Einspruch, oh sonderbarerweise, statt gegeben und das Spiel nachträglich „am grünen Tisch“ gegen Hertha gewertet. Schalke 04 zog in die nächste Runde ein und das, obwohl in der Schalker Mannschaft in diesem Pokalspiel nicht weniger als sieben Spieler zum Einsatz kamen, die selbst im Bundesligaskandal verwickelt waren. (Quelle: „Hertha und Schalke – eine exklusive Feindschaft“, Tagesspiegel )

Für das blaue-weiße Berlin war dieser Moment so etwas wie die Initialzündung zum pauschalen „Hass-Modus an“, wenn es auf das Thema „Schalke 04“ zu sprechen kommt. Und ja, im weitesten Sinne wohl auch für eine latent aggressive und feindliche Gesinnung gegenüber dem DFB und seiner Sportgerichtsbarkeit, ob der zum Himmel schreienden Ungleichbehandlung.

@Sir Henry: Wenn einer eine Reise tut

(hc) – Hertha, HSV, St. Pauli, Werder, Osnabrück, Schalke. So lauten die Namen der etwas bekannteren Fußballvereine an meiner heutigen Wegstrecke. Das fiel mir aber erst auf, als ich im Hotel in Gladbeck ankam und mir an der Fassade dieses Schild in die Augen sprang.

Mein erster Gedanke: „Na, das kann ja was werden.“ Egal, Augen zu und durch. Ist ja nur eine Nacht und Schalke spielt heute nicht.

Aber es ging noch weiter, wie das etwas unten stehende Bild belegt (Fotos: @Sir Henry). Nun ja, die Herren werden sich nicht unbedingt heute treffen müssen. Nun sitze ich im Brauhaus zu Gladbeck, trinke ein süffiges Selbstgebrautes (schmeckt astrein) und sinniere darüber, wie es wohl kommt, dass ich einige Vereine richtig mag und sympathisch finde, während ich anderen Clubs die Cholera, Pest und andere nette Dinge an den Hals wünsche.

Die reinen Ergebnisse können es nicht sein. Dann würde ich Werder Bremen verteufeln, die mir 1988 meinen BFC Dynamo aus dem Pokal der Landesmeister gekegelt haben. Aber ich mag Werder. Ich mag Werder sogar sehr.

Wenn es nicht die Ergebnisse sind, dann muss es die Spielweise sein? Glaube ich aber auch nicht. Dann hätte mir die Mannschaft von 1899 Hoffenheim in der Hinrunde der Saison 2008/09 ans Herz wachsen müssen, die mit erfrischendem, unbekümmerten Offensivfußball den arrivierten Klubs das Fürchten lehrte (hat außer Hertha eigentlich eine andere Mannschaft damals sechs Punkte gegen Hoffenheim geholt?). Aber Hoffenheim war mir nicht sympathisch sondern bestenfalls egal.

Wenn es nicht die Ergebnisse oder die Spielweise sind, dann müssen es die mit dem Verein in Verbindung stehenden Personen sein. Aber auch das trifft bei mir nicht zu. Als Hans Meyer, für mich der Godfather der Trainerzunft, Nürnberg trainierte, blieb der Club in meiner persönlichen Beliebtheitsskala von Eins bis Zehn auf Zwokommafünf stehen.

Frankfurt, Lautern und Schalke kann ich nicht leiden

Wenn es nicht die oben genannten Kriterien sind, dann bleibt doch nur noch der sportliche Erfolg als Gradmesser. Nur komisch, dass mir Tabellenplatz Vier von Hannover 96 oder gar die Meisterschaft vom VfL Wolfsburg zwei Jahre zuvor die beiden Mannschaften nicht einen Deut näher brachten.

Auch umgekehrt ergibt es keinen Sinn. Eintracht Frankfurt, 1. FC Kaiserslautern und Schalke 04 haben mir nichts getan – trotzdem kann ich diese Vereine nicht leiden. Der SC Freiburg ist mir schlicht egal. Beim VfL Osnabrück wusste ich bis zur letzten Saison nicht einmal, dass er existiert.

Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Jetzt seid Ihr dran. Wie kommt es, dass Ihr manche Vereine mögt und andere nicht? Gibt es dafür echte Gründe oder ist es wie immer im Leben, dass man Sympathie nicht begründen kann? Welche Clubs stehen bei Euch auf der Schwarzen Liste und welchen drückt ihr die Daumen? Zum Thema Schalke: Sind die wirklich so unwissend, warum Herthaner Probleme mit ihrem Verein (S04) haben – oder tun sie einfach nur so? Ist diese (vermutlich) einseitige Fanfeindschaft noch zeitgemäß und „produktiv“ für den eigenen Verein, für Hertha BSC? Oder vergeuden wir damit nur unsere Energie? Welchen Wert hat es, im Stadion bei nahezu jedem Heimspiel Fangesänge gegen Schalke anzustimmen, obwohl Schalke gar nicht anwesend ist (letzte Saison nicht mal in unserer Liga spielte!) und Hertha vielleicht gerade Anfeuerung fürs eigene Spiel gebrauchen könnte? Gibt es eine Chance, dass sich die Herthafanseele in puncto Schalke je beruhigen wird?

Andersherum: Was ist dem gegenüber von Fanfreundschaften zu halten wie z.B. der zum KSC? Ist das noch zeitgemäß? Wie ist es um neue Freundschaften und Sympathien bestellt? Bahnt sich vielleicht mit dem MSV Duisburg etwas an, der den Aufstieg von Hertha in deren Stadion sehr wohlwollend begleitet hat? Und künftig wird der MSV mit Daniel Beichler und Valeri Domovchiyski zwei uns bekannte Gesichter in seinen Reihen haben. Was ist Eure Meinung?

Wer nicht diskutieren will: Wenn mögt Ihr? Warum? Und wen nicht?

P.S. Bei den Umfragen sind bis zu drei Clicks möglich.