Vietnam statt Europacup: Warum tun sich Trainer nach ihrer Zeit bei Hertha so schwer?

(ub) – Falko Götz hat ein möbliertes Zimmer in Hanoi bezogen. Der Verkehr in der Hauptstadt Vietnams ist derart dicht, dass er sich nur mit einem Chauffeur durch die Stadt bewegt. Energisch dementierte Götz ein Zitat, dass der Express von ihm gedruckt hatte: „Ehe ich gar nichts mache, gehe ich halt nach Vietnam.“ Bei 11 Freunde sagte Götz:

Da hatte ein Journalistenkollege wohl Redaktionsschluss und hat deshalb aus einem kurzen Telefongespräch mit mir, das wegen schlechter Verbindung abrupt abbrach, einen Satz aus dem Kontext gebrochen, der so nicht gemeint war. Ich wollte sagen: Bevor ich gar nichts mache, mache ich lieber etwas, das Sinn hat. Etwas, bei dem es Neues aufzubauen gibt.

Götz wundert sich über die Wetterkapriolen in Vietnam. Aber eigentlich heißt die Botschaft hinter dem Engagement in Südostasien: Im deutschen Profigeschäft hat Götz derzeit keine Chance. Der Kollege Kleinemas wundert sich in der Samstagsausgabe der Morgenpost darüber, warum das so ist: Mit wenigen Ausnhamen haben Cheftraienr, die seit 1997 bei Hertha BSC waren, im Anschluß keinen Höhenflug mehr angetreten.

Der Privatier

Jürgen Röber (57) Seine beste Zeit als Trainer hatte er in Berlin. 1997 der Aufstieg mit Hertha, 1998 der Bundesliga-Klassenerhalt, 1999 Champions-League-Teilnahme. Fortan qualifizierte sich Röber in jedem Jahr bis 2002 für das internationale Geschäft. Diese Flughöhe hat er danach nie wieder erreicht. Nach einem Jahr ohne Job folgte eine einjähriges Engagement beim VfL Wolfsburg. Dann eines bei Partizan Belgrad. Ein paar Wochen bei Borussia Dortmund, einige Monate bei Saturn Ramenskojen vor den Toren von Moskau. Einige Wochen bei Ankaraspor. Seit Herbst 2009 hat Röber sich ins Privatleben zurückgezogen. Ein Angebot von Hertha BSC im Frühjahr 2010 auszuhelfen, hat Röber aus persönlichen Gründen ausgeschlagen. Seither hat er sich zurückgezogen. Als Trainer will er nicht wieder arbeiten, höchstens als Bindeglied zwischen einem Manager und der Mannschaft. Eine Konstruktion, die selten zu finden ist.

Der Job-Hopper

Huub Stevens (57) kann immerhin sagen, dass ihm das Engagement bei Hertha BSC nicht geschadet hat. Er lebt von seinen Erfolgen auf Schalke als Uefa-Cup-Sieger (1997) und DFB-Pokalsieger (2001 und 2002). In Berlin enttäuschte Stevens. Er vermochte nicht der sehr teuren Mannschaft um Marcelinho, Alves, Friedrich, Simunic, Preetz und später Bobic sowie Wichniarek eine Struktur zu geben. Weder im DFB-Pokal noch in der Liga erfüllten sich die Erwartungen. Nach anderthalb zumeist quälenden Jahren wurde Stevens im November 2003 entlassen. Trotzdem blieb er im Geschäft: 2004/05 machte Stevens den Babbel und stieg mit Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln als Erster der Zweiten Liga wieder auf. Es folgten die Stationen Roda Kerkrade, HSV und PSV Eindhoven. Doch die Magie war dahin. Nach sieben Monaten beim PSV trat Stevens zurück. Trotz Erreichen der Champions League mit RB Salzburg und dem österreichischen Titel 2010 vermochte er die Erwartungen, einen populären Klub von internationalem Format zu kreieren. nicht erfüllen. Im April 2011 wurde Stevens Vertrag aufgelöst.

Der Rosenzüchter

Hans Meyer (68) hat sich aktuell entschlossen, etwas zu machen, was hochdotierte Trainer selten machen: Er engagiert sich ehrenamtlich. Meyer ließ sich ins Präsidium von Borussia Mönchengladbach wählen. Und sagte, er wolle sich nicht nicht in die sportlichen Belange einmischen. „Da muss und will ich nicht klugscheißern“. Die Borussia habe mit Lucien Favre und Max Eberl eine kompetente sportliche Leitung. Meyer sieht es als seine Aufgabe, den Hauptamtlichen den Rücken frei zu halten. Nachdem Meyer 2004 Hertha vor dem Abstieg bewahrt hatte, wiederholte er Gleiches 2005/06 beim 1. FC Nürnberg. 2007 wurde Meyer mit dem Club gar DFB-Pokalsieger. Im Februar 2008 wurde er wegen anhaltender Erfolgslosigkeit beurlaubt, Nürnberg stieg am Saisonende ab. Meyer ist in jedem Herbst und Frühjahr der erste Kandidat, der angerufen wird, wenn Vereine einen Feuerwehrmann suchen. Zuletzt hatte sich Dieter Hoeneß als Manager des VfL Wolfsburg eine Absage bei Meyer geholt.

Der Auswanderer

Falko Götz (49) ist neben Röber der zweite Trainer, der nach seiner Hertha-Zeit (2004 bis April 2007) nicht wieder richtig auf die Beine gekommen ist. Nach anderthalb Jahren ohne Tätigkeit war Götz von Januar bis Oktober 2009 Trainer bei Holstein Kiel. Ziel war es, an der Förde mit reichlich Geld ein „Hoffenheim des Norden“ zu etablieren. Die „Störche“ stiegen zwar in die dritten Liga auf, aber Götz wurde nach einem unschönen Vorfall in der Kabine fristlos entlassen. Die Mannschaft hatte sich einstimmig gegen Götz ausgesprochen. Der Streit über die fristlose Kündigung wurde über mehrere Instanzen vor Gericht ausgetragen und endete mit einem Vergleich. In diesem Frühjahr war Götz sich mit Dieter Hoeneß so gut wie einig, Nachwuchschef beim VfL Wolfsburg zu werden. Das hat sich aus bekannten Gründen zerschlagen. Götz weiß, dass er mit dem Zwei-Jahres-Vertrag als Nationaltrainer in Vietnam aus dem Blickfeld des hiesigen Profigeschäftes verschwindet.

Der Taktik-Versteher

Lucien Favre (53) Er kam 2007 als zweimaliger Schweizer Meister und verdiente sich vor allem mit einer überraschend starken zweiten Saison einen bundesweiten Ruf. Den beschädigte er unnötigerweise mit seiner berühmt-berüchtigten Pressekonferenz im Hotel Adlon. Hertha BSC wandelte die Beurlaubung von Favre in eine fristlose Kündigung um. Auch dieser Streit wurde mit einem Vergleich beigelegt, Favre verzichtete auf sehr viel Geld. Für seinen schwachen Abgang, bei dem Favre schlecht von seiner Agentur beraten war, musste er lange büssen. 17 Monate dauerte es, ehe ein Klub ihm wieder einen Kader anvertraute. Dass Favre sportlich bestechende Qualitäten hat, bewies er in diesem Sommer mit dem nicht mehr erwarteten Klassenerhalt von Borussia Mönchengladbach.

Friedhelm Funkel (58) trainiert heute Zweitligist VfL Bochum.

Was ist Eure Meinung: Ist es Zufall, dass kein Trainer, der Hertha trainiert hat, einen Topklub der Bundesliga bekommen hat? Wenn nein, warum ist das so – Berlin als Trainer-verschlingender Moloch? Ist es Zufall, dass kein Trainer sein Vertragsende bei Hertha erreicht (Ausnahme Hans Meyer)? Wer ist beste Trainer der vergangenen 15 Jahre? Welcher Hertha-Trainer hat eine Zukunft an herausgehobener Stelle?

P.S. Der Kollege Stolpe hatte es bereits angesprochen: Die Sommerpause ist Eure Chance, hier im Blog zu schreiben. Einige haben vorgelegt, morgen werden weitere von Euch an dieser Stelle mit einem spannenden Thema zu lesen sein: Wer ein Thema hat, wer etwas diskutieren möchte: Feuer frei Die Länge ist beliebig. In der Regel sind die Beiträge zwischen 300 und 500 Worten lang. Thema schicken als email an uwe.bremer [ at ] axelspringer.de