2011/12 oder Ebert und die Saison seines Lebens

(ub) – Der eine will zeigen, dass seine Zeit jetzt kommt. Der andere weiß nun offiziell, dass seine Zeit vorbei ist. Bevor es um den Herthaner geht, erlaubt mir zwei Gedanken zu Michael Ballack. Mich wundert der Umgang des Bundestrainers mit der Angelegenheit. Unter der Überschrift „Löw plant nicht mehr mit Ballack“ wird der Bundestrainer auf der DFB-Homepage so zitiert:

Nachdem ich diese Thematik mit Michael Ballack zuletzt bei unserem Treffen Ende März 2011 in aller Offenheit erörtert habe und wir danach mehrfach telefoniert haben, ist nun vor dem Start in die EM-Saison der Zeitpunkt gekommen, hier klar Position zu beziehen. In unseren Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass Michael durchaus Verständnis für unsere Sichtweise hat. Im Interesse aller ist daher jetzt eine ehrliche und klare Entscheidung angebracht.“

Verstehe ich richtig: Löw bezieht jetzt klar Position. Das heißt, er hat nicht mit Ballack gesprochen. Dabei hatte der Bundestrainer in den vergangenen vier Wochen gefühlt 100mal erklärt, er werde die Zukunft zeitnah mit Ballack bereden. Wie mir aus zuverlässiger Quelle berichtet wurde, hat Löw mehrfach versucht den Capitano zu erreichen. Der urlaubt in Florida – und irgendwie war Ballack jedesmal just in jenem Moment verhindert, in dem die Nummer des Bundestrainers im Display erschien.

Machtspiele bis zum letzten Moment

Deshalb die Überschrift „Löw plant“ = Bundestrainer aktiv, Ballack passiv. Deshalb darf DFB-Sportdirektor Wolfgang Niersbach das Angebot nachschieben, der DFB lade Ballack ein im August die Nationalmannschaft gegen Brasilien in seinem 99. und letzten Länderspiel aufs Feld zu führen. Ein Angebot für die Galerie. Denn niemand erwartet, dass Ballack es annehmen wird. Sagt er ab, trifft es Niersbach (wann hat der sportlich jemals bei der Nationalelf etwas zu sagen gehabt?).

Meine Meinung: Ballack zu erklären, dass er nicht mehr in der Nationalelf spielt, macht Sinn. So wie Löw die Angelegenheit aber über ein Jahr gehandhabt hat, hat er keine gute Figur abgegeben. Mir fehlt es an Stil und Respekt gegenüber einem verdienten Nationalspieler.

Ebert will es sich beweisen

Die Zeit von Ballack (34) ist vorbei. Und Patrick Ebert (25) will zeigen, dass seine Zeit jetzt kommt. Es ist ja kurios, was ihm im Leben alles widerfährt. Manches hätte er besser unterlassen. Manches hätte er sich gern erspart. Wie seine schwere Kreuzband-Verletzung im vergangenen Sommer. Anderes ist wahrlich erstaunlich wie Eberts Courage, morgens um drei Uhr einer Frau beizuspringen, deren Mann sich ins Unglück stürzen will (die BZ berichtete).

Ich bin sehr gespannt, wie Ebert sich in dieser Saison schlägt. Er ist der dienstälteste Herthaner. Seit 1998 im Klub, sein Vertrag hat sich durch den Aufstieg verlängert bis Juni 2012. Er ist durch seine Art zu spielen populär. Eine seiner Fähigkeiten besteht darin, sich quälen zu können. Nicht nur im Training (deshalb ist er stets so fit), er kann das auf dem Platz rüberbringen – Fans haben ein feines Gespür dafür.

Die Kumpels spielen bei den Bayern, Milan und ManCity

Aber Ebert ist längst nicht da, wo er gern sein möchte. Seine Kumpels aus vergangenen Tagen haben Karriere gemacht. Kevin Boateng spielt beim AC Mailand, Jerome Boateng (noch) bei Manchester City. Ashkan Dejagah ist Deutscher Meister (2009 beim VfL Wolfsburg). Ebert war 2009 Europameister mit der U21. Die Kollegen sind vorbeigezogen in ihrer Entwicklung: Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Dennis Aogo, Marcel Schmelzer, Sami Khedira oder Mesut Özil sind A-Nationalspieler. Das ist die Meßlatte, an der sich Ebert orientiert.

Die Realität: Ebert ist 2010 mit Hertha abgestiegen. Oft stand er sich selbst im Weg. Vergangene Saison in der Zweiten Liga hatte er Verletzungspech. Er hat sich entwickelt. Jetzt, mit 25 Jahren gilt es. 2011/12 ist die Saison, um den Stempel „Ewig-Talent“ abzulegen. Wenn Ebert Leistungsträger bei Hertha wird, steht er automatisch im Blickpunkt – egal, wo er über den Sommer 2012 hinaus seine Zukunft sieht.

Neue Konkurrenz mit Tunay Torun

So populär Ebert in der Fankurve ist, sein Weg wird kein leichter sein. Trainer Markus Babbel hat den Druck mit der Verpflichtung von Tunay Torun erhöht. Auch Nikita Rukavytsya hat interessante Qualitäten für Eberts Position auf der rechten Außenbahn. Konkurrenz hat Ebert noch nie geschreckt. Ich bin sehr gespannt, wie dieses Trio den Kampf um die Stammplätze austragen wird.

Was erwartet Ihr von Ebert in der kommenden Bundesliga-Saison? Hat er die Qualität wie etwa Raffael oder Adrian Ramos, den Unterschied auszumachen? Wie ist es um die Konstanz bestellt?

P.S. Verbrieft ist, dass zum Trainingsstart von Hertha am 25. Juni Markus Babbel genau schauen wird, was Ebert und Kollegen machen. Der Trainer bei seiner Mannschaft – nicht bei allen Klubs eine Selbstverständlichkeit. Beim 1. FC Köln fehlt zum Start Stale Solbakken. Warum, lest Ihr hier Der Däne stößt erst im Trainingslager auf Langeoog zur Mannschaft. Als neuer Trainer bei der neuen Mannschaft nicht von Beginn an vorweg gehen – das geht nicht. Meine Meinung.