Der Streit um die (Hertha-) Talente: Vernunft oder Oberheuchelei

(ub) – Wildern beim Hertha-Nachwuchs – die Morgenpost hat das Thema vor drei Monatenöffentlich gemacht. Wir haben hier Im Brennpunkt: Haben Talente gute oder schlechte Perspektiven bei Hertha? im Blog diskutiert, über den Sinn und Unsinn, dass die deutschen Profiklubs sich um immer jüngere Nachwuchskräfte bemühen. Wie die TSG Hoffenheim auch mal um 14-, 15-Jährige Kinder, die (von Hertha BSC) aus Berlin 620 Kilometer weiter verpflanzt werden. Nun zieht das Thema Kreise.

Sämtliche Mitarbeiter der Scouting-Abteilung aus Hoffenheim haben bereits Hausverbot bei Hertha BSC. Jetztfordert die Deutsche Fußball Liga (DFL) eine Beschränkung für Berater. In Zukunft sollen Berater nur noch Jung-Profis unter Vertrag nehmen, die älter als 16 Jahre sind. Das fordert Andreas Rettig. Der ist Manager vom FC Augsburg und Leiter der Kommission Leistungszentren bei der DFL: „Das ist doch irre, was da passiert. Wozu braucht ein 14-Jähriger einen Berater? Den jungen Spielern und ihren Eltern wird so eine Pseudo-Wichtigkeit vorgespielt. Zudem müssen alle Spieler informiert werden, dass jeder Beraterkontakt zu meiden ist.“

„Die schlimmste Kuh auf dem Eis sind die Berater“

Die DFL soll mit einem scharfen Schwert drohen. Die Nachrichtenagentur dpa zitiert Rettig so: Ein Verstoß soll mit einer Nominierungssperre für die Junioren-Nationalmannschaften bestraft werden: „Sonst bleibt es ein Papiertiger. Alle müssen wissen: Jetzt wird es ernst. Ich setze meine Karriere in der Nationalelf aufs Spiel.“

Gegen diese Bestrebungen sind, wen wundert’s, die Berater. Michael Becker, Jurist mit Sitz in Luxemburg und unter anderem Agent von Michael Ballack, sagt der Frankfurter Rundschau: „Heuchelei hoch 35, die Oberheuchler blasen die Backen auf“. Die DFL könne „einem Rechtsanwalt nicht verbieten, einen 16-Jährigen zu beraten. Das ist doch Schwachsinn. Die wollen etwas regeln, das sie gar nicht regeln können. Das wäre genauso, als wenn man außerehelichen Geschlechtsverkehr unter Strafe stellen wollte.“

Die Angelegenheit führt zu drastischen Formulierungen. Frank Engel, Nachwuchschef vom DFB, keilt im gleichen Text zurück: „Die schlimmste Kuh, die auf dem Eis tanzt, sind die Berater.“

Der Kampf um 14-, 15-Jährige Kinder

Um den weiteren Zusammenhang zu verstehen: Die deutschen Profiklubs hatten vor Jahren vereinbart, untereinander keine Jung-Profis abzuwerben. Doch kaum einer hält sich daran. Mit 16 Jahren dürfen die Youngster (und deren Eltern) Förder-Verträge unterschreiben. Wenn das passiert ist, sind sie längerfristig an einen Klub gebunden. Haben die Vereine früher 16-, 17-Jährige gesucht, wird jetzt nach 14-, 15-Jährigen gefahndet – eben bevor Förder-Verträge abgeschlossen sind.

Hertha-Geschäftsführer Ingo Schiller hat mir zu dem Thema gesagt: „Wir haben die Angelegenheit mit Hoffenheim an die DFL weitergegeben und ich denke, dass wir dazu auch noch gehört werden.“ Wie sieht der Ausweg aus der Lage aus? Beim VfB Stuttgart hat Fredi Bobic angekündigt, dass die Jugendteams künftig unter Ausschluß der Öffentlichkeit trainieren werden. Bei Hertha denkt man in die gleiche Richtung. Eine andere Alternative wäre eine Absichtserklärung der 36 Profiklubs (die alle zur Nachwuchsausbildung inklusive Internaten verpflichtet sind), sich untereinander keine Talente abzujagen.

Eure Meinung: Die Beschwerde von Hertha BSC hat den Finger in die Wunde gelegt. Wie realistisch ist die Selbstbeschränkung, die Rettig von den Profiklubs fordert? Oder ist es letzten Ende so, wie Berater Becker es formuliert: eine weltfremde Idee. Auf welchen Wegen kann ein Verein seine Rohdiamanten überzeugen zu bleiben: in dem Nachwuchskkräfte eingesetzt werden? Die Herausforderung, die sich für Verein stellt, erklärt in der Frankfurter Rundschau Volker Kersting, der Nachwuchschef vom FSV Mainz: „Das schreit zum Himmel, das ist kriminell.“ Oder gehört Fluktuation auch in dieser Altersklasse zum Profigeschäft dazu?

P.S. Exklusiv für @dieter bei Finanzgeschäftsführer Schiller am späten Nachmittag nachgefragt: Stand im Vorverkauf für das Freundschaftsspiel gegen Real Madrid: 64.000 Karten. Stand verkaufter Dauerkarten für 2011/12: 15.000 – das ist ein Topwert für diesen frühen Sommerzeitpunkt