Sejna, "Zecke" und Co. - ab wann erdrückt Identifikation die Zufuhr von Einflüssen von außen?

(sto) – War das ein Endspiel? Wow – auch professionellen Beobachtern rund um den Erdball fehlen die Worte für das, was der FC Barcelona da auf den Rasen von Wembley gezeitigt hat. Meine Theorie ist ja die, dass die Spieler von Man United nach dem 3:1 um Waffenstillstand gebeten haben; nach dem Motto: Wir geben zuverlässig auf – aber dafür schlachtet ihr uns im eigenen Land nicht restlos ab! Was wohl der Fall gewesen wäre, hätten Messi und Co. ihr zeitweise an den Tag gelegtes Tempo über 90 Minuten durchgezogen.

Und damit gefühlt ein paar Dutzend Spielklassen hinab – in die Regionalliga Nord des deutschen Fußballs. Auch dort ist die Saison am Samstag zu Ende gegangen, für Hertha BSC II mit einem 1:0 gegen Meuselwitz sowie in Summe einem ordentlichen siebten Platz. Das Ziel, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben, hat die Profi-Reserve, die so ausgeprägt wie lange nicht zugleich Ausbildungsmannschaft war, beachtlich gut erfüllt.

Kurswechsel unter Preetz

Zwei, die fortan (endgültig) ohne Perspektive nach oben sein sollen, haben in dieser Woche neue Verträge für die Amateurmannschaft erhalten: Marco Sejna (39) und Andreas „Zecke“ Neuendorf (36). Torwart Sejna war in der abgelaufenen Saison der älteste in Liga zwei eingesetzte Profi, und auch Kultspieler „Zecke“ kam inmitten der Novemberkrise noch einmal zu drei umjubelten Einsatzminuten.

Sportlich mögen die beiden der so genannten U23 noch eine Hilfe sein. Vor allem setzt Manager Michael Preetz mit der Verlängerung ihrer Verträge um je ein Jahr aber den unter seiner Führung eingeschlagenen Kurs fort: So stark wie seit Jahrzehnten nicht, setzt Hertha auf auch nach ihrer aktiven Karriere auf das Wirken und wohl vor allem die Ausstrahlung verdienter Mitarbeiter.

Bei den Profis wirkt Christian Fiedler als Torwarttrainer.

Kaum ein Posten aber vor allem im Nachwuchsbereich, der inzwischen nicht von ehemaligen Hertha-Profis bekleidet wird: Ante Covic coacht die U15, Andreas Thom die U17, Rene Tretschok die U19. Ihm dort als Assistent zur Seite steht Hendrik Herzog, der sich überdies für den durchaus ungewöhnlich Beruf als Zeugwart der Profis entschieden hat. Der gerade in den Profi-Ruhestand verabschiedete Rekordspieler Pal Dardai wird noch eine Saison für die U23 spielen und ebenfalls früher oder später in den Trainerstab eingegliedert. Sejna absolviert parallel zu seinem wohl letzten Jahr als Kicker ein Praktikum auf der Geschäftsstelle und soll in die Betreuung der Kinder-Ferienschule hineinschnuppern. Kein Zweifel besteht daran, dass auch „Zecke“ an Hertha gebunden bleiben wird – als Stadionsprecher oder Fanbetreuer?

Rehmer, Kruse: Nicht für alle ist Platz

Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. So oder so gibt es auch solche, für die kein Platz mehr war. So hat sich Marko Rehmer ebenso anderweitig orientiert – er im Bereich Sportmanagement sowie als Co-Moderator der tv.berlin-Sendung „Querpass“ – wie Axel Kruse, der eine beachtliche Entwicklung als Moderator von TV-Sendungen und Großveranstaltungen genommen hat.

Der von Preetz eingeschlagene Kurs, die Recken von einst einzubinden, ist populär. Das wurde deutlich bei der Mitgliederversammlung im Abstiegsjahr 2010, als der Manager die Thom und Co. einen nach dem anderen auf die Bühne bat und sich der begeistert applaudierenden Basis schlussendlich das Bild einer veritablen All-Star-Auswahl bot. Und das wird jedes Mal deutlich, wenn bei Facebook die neueste Ausgabe von „Zeckes Außenbahn“ online geht – ohne es zu wissen, behaupte ich mal, dass kein anderes Instrument von Herthas Öffentlichkeitsarbeit populärer ist.

Identität ja – und Qualität?

Freilich profitiert Preetz von einem Umstand, der seinem Vorgänger Dieter Hoeneß vorenthalten geblieben war: Als Folge der wirren Jahre zwischen Anfang der 80er und dem Absturz bis in die Oberliga bis zur Bundesliga-Rückkehr 1997 hatte Hertha kaum einmal über Jahre hinweg ein Kern von herausragenden Spielern lange genug die Treue gehalten, um Sehnsüchte nach einem Verbleib über ihr Karriereende hinweg wecken zu können.

Diese Generation an Spielern formte sich erst in der Folge – und Preetz erntet nun ihre Früchte.

Identitätsstiftend sind die Genannten zweifellos allesamt. Mindestens ebenso wichtig: Sie scheinen alle auch das nötige Maß an Qualität mitzubringen, andernfalls wäre Herthas Nachwuchsakademie von der Deutschen Fußball-Liga kaum zum wiederholten Male mit der Höchstbewertung von drei Sternen zertifiziert worden.

Was meint ihr?

Die Frage, die sich mir nun nur stellt: Gibt es den Punkt, an dem Identität einer Zufuhr von äußeren Einflüssen und Ideen im Wege steht – ja, diese gar erdrückt? Warum feiern wir bei den Profis alle die angeblich so dringend nötige Injektion des „Bayern-Gen“, aber beklatschen im Nachwuchs die Einbindung Ehemaliger?

Ist das nicht ein Widerspruch in sich?