Saison-Rückblick IV: Der Angriff, eine stumpfe und zwei scharfe Spitzen

(sto) – Habt ihr das Pokalfinale gesehen? Schalke 5, Duisburg 0. Gut, der MSV war erheblich vom Verletzungspech heimgesucht – aber im Olympiastadion war gut zu sehen, was einen Bundesligisten von einem Zweitligisten unterscheidet. An einem schlechten Tag kann es von den Großen des Landes also auch richtig mal auf die Mütze geben.

Und um auf unser heutiges Thema, den Angriff, zu schwenken: Dort vorne an vorderster Duisburger Front mühte sich ein hoffnungsvolles Talent mit Namen Manuel Schäffler, 22 Jahre alt -und erlebte, was es heißt, mal nicht gegen zweitklassige Abwehrspieler anzukämpfen, sondern gegen einen Metzelder oder Höwedes als ehemalige oder zukünftige nationale Elite.

Ramos: Herthas erster Kanonier

Noch mehr als zwei Jahre jünger als Schäffler ist jener Mann, auf dem Herthas Angriffshoffnungen für die Rückkehr in die Bundesliga ruhen: Pierre-Michel Lasogga. Doch blicken wir erst einmal auf die Zahlen dieser Saison:

Pierre-Michel Lasogga 25 Spiele, 1739 Einsatzminuten, 13 Tore, vier Vorlagen, 56 Torschüsse, 33% gewonnene Zweikämpfe.

Rob Friend 25 Spiele, 1244 Einsatzminuten, fünf Tore, vier Vorlagen, 21 Torschüsse, 33% gewonnene Zweikämpfe.

Adrian Ramos 33 Spiele, 2861 Einsatzminuten, 15 Tore, acht Vorlagen, 80 Torschüsse, 43% gewonnene Zweikämpfe.

Marco Djuricin Neun Spiele, 176 Einsatzminuten, zwei Tore, sechs Torschüsse, 32% gewonnene Zweikämpfe.

Auch der gelernte Stürmer Valeri Domovchiyski hat fünf Saisontore erzielt. Seine Leistung haben wir aber bereits im Mittelfeld-Teil abgehandelt.

Friend – der Wichniarek des Jahres 2011?

Wenn man so will, ist die Saison des Rob Friend ebenso gleich im ersten Spiel in die Hose gegangen, wie ein Jahr zuvor jene von Artur Wichniarek. Macht der gegen Hannover aus zwei Metern den Ball rein, dann. . . Ähnlich war es nun bei Friend. Wer weiß schon, wie alles kommt, wenn sich der Kanadier im ersten Spiel gegen Oberhausen nicht selbst ausknockt. . . Wir hätten niemals über den 17-jährigen Marco Djuricin als das erste strahlende Gesicht von Herthas Aufstiegskampagne diskutiert. Und ob Lasogga dann so leicht am „Königstransfer“ hätte vorbeiziehen können?

Trotzdem ist Friend von Manager Michael Preetz bei dessen Saison-Retrospektive als – neben Kapitän Mijatovic – einer von zwei Spielern aus der Gruppe herausgehoben worden. Weil Friend in selten erlebter Weise Teamplay gelebt und sein Ego hinter die Bedürfnisse des großen Ganzen zurückgestellt hat. Das Interview, das er mir im Wintertrainingslager in Portimao gegeben hat, rangiert in meiner sportartenübergreifenden All-Time-Hitliste ganz weit vorne. Selten habe ich einen Mannschaftssportler so offen über seine persönlichen Zweifel sprechen hören, ohne dabei anklagend gegen andere zu werden! Respekt, Rob!

Ganz anders die Gefühlswelt von Lasogga. Dessen erstes Profijahr war ein einziges Lachen, er war die personifizierte Berliner Unbekümmertheit – und hat alles noch vor sich. „Ich will ein ganz Großer werden“, sagte er neulich im Morgenpost-Interview. Ihr Gewicht zog diese Aussage daraus, dass Lasogga sonst in jedem Satz sagt, dass er bodenständig bleiben und weiter fleißig Gas geben will. Aber natürlich hat der Junge Träume – und wer seine bisherige Entwicklung verfolgt hat, der weiß: Im besten Fall ist der Himmel das Limit für Herthas Shootingstar. Lasogga erinnere ihn an den jungen Gomez, sagte Trainer Markus Babbel kürzlich zu „Bild“. Ob er einem 19-Jährigen mit einer solchen Aussage einen Gefallen getan hat? Für den Moment ist es so, wie ein Spieler aus dem Mannschaftskreis es festhielt: Noch steht bei Lasogga in der Spalte „Bundesliga-Tore“ die Null.

Wie lange kann Hertha Ramos noch halten?

Das unterscheidet Lasogga (noch) von Ramos. Der blieb mit 15 Saisontoren zwar unter seiner eigenen Zielsetzung „20 plus x“, doch war er auch so trotz eines Lasogga klar Herthas bester, weil komplettester Angreifer. Der Kolumbianer musste eine strittige Rotsperre verbüßen, stand mit Ausnahme dieser einen Partie aber in allen übrigen Saisonspielen auf dem Platz, er verzeichnete die mit Abstand meisten Torschüsse, die meisten Scorerpunkte und obendrein auch die beste Zweikampfquote.

Nicht wundern darf es, wenn eine Kombination aus nun zehn Erst- und 15 Zweitliga-Toren und einem findigen Berater dazu führen wird, dass der Name Ramos auch in dieser Transferperiode regelmäßig in der Gerüchteküche auftauchen wird. Und auch wenn es schmerzt: Will Hertha mit dem einst für vergleichsweise sehr günstige 1,4 Millionen Euro verpflichteten Angreifer noch halbwegs Kasse machen, muss der Hauptstadtklub ihn in diesem oder spätestens dem kommenden Jahr verkaufen. Mir jedenfalls erscheint ein seriöses Angebot für Ramos sehr viel wahrscheinlicher als das aus England kolportierte Interesse von Premier-League-Klubs wie Tottenham an Pierre-Michel „the next Podolski“ Lasogga.

Zugänge: Nur ein Verkauf schafft Platz für Neue

Tunay Torun ist als neue Allzweckwaffe für die Offensive schon verpflichtet. Auch an vorderster Front, heißt es, könne er spielen. Realistischer scheint aber, dass der junge Deutsch-Türke im offensiven Mittelfeld eine (Teilzeit-)Heimat finden wird. Wenngleich Babbel und Manager Michael Preetz auch Treueschwüre an die Adresse von Friend und Domovchiyski formulieren – die Wahrheit ist insgeheim wohl eine andere. Finden sich Interessenten, würde Hertha sowohl den Kanadier als auch den Bulgaren nur allzu gern abgeben. Um so Spielraum zu haben für neues Personal. Doch zumindest nach außen dringen bislang keinerlei Signale, dass es in diese Richtung schon irgendwelche Bewegung gibt. „Im Moment sind unsere Planungen in diesem Bereich abgeschlossen“, sagt Preetz.

Meine Wertung: In Liga zwei war Hertha sowohl in der Spitze als auch in der Breite (Domo, Ruka, Raffa. . .) konkurrenzlos torgefährlich. Doch siehe oben: Gerade in diesem Bereich besteht der größte Unterschied zum Dasein als Aufsteiger in der Bundesliga. Ist Hertha dafür schon ausreichend gerüstet?