Hertha im Zwiespalt der Gefühle: Ein Sieg in Aue wäre schick - aber Pflicht ist er nicht (mehr)?

(sto) – Von links nach rechts und zurück fliegt der Ball, wie Fabian Lustenberger und Christian Lell haben auch alle übrigen Profis auf dem hintersten Teil des Übungsgeländes auf dem Schenckendorffplatz Zweier-Teams gebildet. Und nun köpfeln sie sich den Ball gegenseitig zu, sie halten ihn im Vorwärts- und im Rückwärtslaufen hoch. Dann umspielen sie alle in größeren Gruppen möglichst schnell und möglichst flach und möglichst präzise (und für dieses Anforderungspotenzial erfreulich flüssig) in den Boden gerammte Gegenspieler aus Plastik. Über eine halbe Stunde lang geht das so.

Nein, spektakulär war dieser erste Teil der Trainingseinheit am Mittwochvormittag gewiss nicht; und es wurde auch nicht besser, als auf der großen Rasenfläche geübt wurde, denn auch da spielten sich die in grüne oder rote oder auch gar keine Leibchen gewandeten Profis nur munter den Ball zu – selten war der Ausdruck „Bewegungstherapie“ so zutreffend wie an diesem Tag. Ein Abschlussspielchen rot gegen grün noch – dann war der Arbeitstag auch schon beendet. Verausgabt hat sich dabei sicher niemand.

Aue – ein Spiel das niemand braucht?

Ich will nicht sagen, dass die Luft bei Hertha jetzt doch ziemlich raus ist. Aber das große Ziel, der Aufstieg, ist erreicht, der insgeheim gehegte Traum vom Punkterekord nicht mehr realisierbar, aber die prestigeträchtige Zweitliga-Meisterschaft immerhin zum Greifen nahe – wer will es den Protagonisten da verdenken, wenn sie nun nicht mehr auf Teufel-komm-raus zu Werke gehen. Gegen Augsburg – vor rund 76000 Zuschauern im proppevollen Olympiastadion ist ein Sieg schon noch mal ausgerufene Pflicht.

Aber davor kommt Aue, ein Spiel, von dem ich den Eindruck habe, dass es niemand mehr bei Hertha so recht braucht. Zumal mit Pierre-Michel Lasogga und Raffael zwei für Torgefahr bürgende Kräfte gesperrt fehlen werden. Was mich trotz alldem überraschte, waren die Aussagen von Trainer Markus Babbel, als der nach der Einheit seinen routinemäßigen Stopp bei uns Medienvertretern einlegte. Aue also, tja, nun, „die werden sicher heiß auf uns sein“. Glaube ich auch. Der Hauptstadtklub kommt, eine theoretische Restchance auf Platz drei besteht noch, und gerade vor eigenem Anhang werden die Erzgebirgler sich kaum hängen lassen. Und Hertha? „Es ist schön, dass wir ohne Druck befreit aufspielen können“, sagte Babbel.

Befreit aufspielen, ohne Druck – ja. Aber in Aue kann eine solche Einstellung schnell nach hinten losgehen. Kann es, bestätigte denn auch Babbel, „wir wollen das Spiel auch nicht abschenken, sondern hochkonzentriert angehen“ – und doch: „Trotzdem ist es angenehm, wenn wir nicht unbedingt etwas machen müssen„, drei Punkte zum Aufstieg holen zum Beispiel. „Das Schlimmste, was passiert, ist, dass wir verlieren. Aber passiert ist auch dann schlussendlich nichts.“

Was meint ihr?

Wie muten euch diese Aussagen an – sind sie nur allzu verständlich, geht es euch gar genauso? Oder sind sie ein gefährliches Signal an die Mannschaft, die besser nicht mit dem Negativerlebnis von zum Saisonende reihenweise Niederlagen in die Bundesliga aufsteigen sollte? Handelt es sich ganz im Gegenteil nur um einen Bluff des natürlich immer sieghungrigen Trainers, der selbstverständlich keinerlei Larifari akzeptieren wird?

P.S.: Auch am Mittwoch übten Peter Niemeyer (anhaltende Wadenschmerzen), Roman Hubnik (Grippe) und Sebastian Neumann (Schulprüfungen) nicht mit der Mannschaft. Bei Hubnik sieht es so aus, als sollte er trotz der körperlichen Schwächung am Sonntag spielen können. Dagegen wird Niemeyer wohl endlich einmal eine Schonung erhalten.

P.S. 2: Auf Empfehlung von Nachwuchs-Cheftrainer Karsten Heine durfte erstmals Gramoz Kurtaj (20) aus der U23 mit den Profis üben.